Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 44
Dialog der Kulturen
Von Ralf Schlter
Zum ersten Mal überhaupt zeigt ein Museum in diesem Monat Bilder der Poplegende Bob Dylan. Dass diese Premiere ausgerechnet in Chemnitz stattfindet, verdankt die sächsische Stadt ihrer hartnäckig-charmanten Museumschefin Ingrid Mössinger
Museumsleute fallen normalerweise nicht kreischend vor Bildern in Ohnmacht. Auch kommt es selten vor, dass junge Kunstfreunde auf der Jagd nach Fotos und Autogrammen massenhaft Hotelzufahrten verstopfen. Bislang ist das Phänomen "Fan" noch nicht in die bildende Kunst vorgedrungen. Die Museumschefin Ingrid Mössinger scheint sich ernsthaft zu sorgen, dass sich das jetzt ändern könnte. "Sie glauben ja gar nicht, welcher Wahn sinn hier losgebrochen ist", seufzt sie. Täglich kommen E-Mails und Anrufe aus der ganzen Welt von Südafrika bis Kroatien. Normaler weise zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz gediegene Schauen zur Moderne, mit Künstlern wie Pablo Picasso, Ernst Ludwig Kirchner oder Henri Toulouse-Lautrec. Seit bekannt wurde, dass hier die weltweit erste Ausstellung mit Bildern von Bob Dylan stattfindet, ist eine Art Medien-Tsunami über das Haus gekommen.
Ingrid Mössinger trägt ein hellgrünes Kostüm, kerzengerade sitzt sie auf einem roten Sessel in ihrem Direktorenzimmer.
Es ist ein spätsommerlicher Freitagnachmittag, jemand bringt Kaffee und Bienenstich, Mössinger sagt knapp "danke". Draußen auf dem Vorplatz werden Buden für ein Stadtfest aufgebaut. Im Vorzimmer hört man das Telefon klingeln.
Sie sei da "ganz unbedarft reingeschlittert", sagt Mössinger tapfer lächelnd.
Bob Dylan - ein sehr berühmter Musiker, sicher. Sie ahnte aber nichts von dem fast religiösen Kult, der um ihn getrieben wird. Weder kannte sie die "Dylanologen"-Kongresse, die sich in endlosen Sitzungen der Textexegese widmen, noch die Fanblogs im Internet, auf denen Anhänger mit börsenhafter Hektik Neuigkeiten austauschen. Sie hatte auch die legendäre Geschichte des irren A.
J. Weberman nicht gehört, der in den Siebzigern den Müll des Sängers inspizierte, um dort Antworten auf die Welträtsel zu finden.
Kürzlich hat sich Ingrid Mössinger endlich mal ein paar Dylan-CDs gekauft, um sich einen Überblick zu verschaffen. "Die Lieder entwickeln einen gewissen Sog", sagt sie anerkennend.
Aber eine gotische Kathedrale sei doch auch was. Man müsse ja mal die Maßstäbe zurechtrücken.
Es könnte sein, dass Bob Dylan das ähnlich sieht. Seit er in den frühen sechziger Jahren berühmt wurde, hat er versucht, die Maßstäbe zurechtzurücken.
Er habe nie ein "Prophet einer Generation" sein wollen, schreibt er im ersten Band seiner Autobiografie "Chronicles". Die verbissene Gefolgschaft seiner Fans hat ihn abgestoßen und geängstigt. Den Mann, der im Müll wühlte, hat er damals eigenhändig verprügelt. Vielleicht hat es ihm gefallen, dass Ingrid Mössinger gerade mal eine einzige CD von ihm besaß.
Dass sie ihn als Künstler entdeckte, als Zeichner. Dass sie interessiert war, ohne Fan zu sein.
Alles begann im Frühjahr 2006.
Ingrid Mössinger hatte im Sommer 2005 in ihrem Museum eine Ausstellung von Carlfriedrich Claus (1930 bis 1998), dem bedeutenden Grafiker, Schriftsteller und Zeichner aus Sachsen präsentiert. Claus arbeitete mit einer Art Mikroschrift, die sich zu grafischen, quasi abstrakten Gebilden zusammensetzt. Schrift wird Bild, und Bild ist Schrift. "Als ich mich mit Claus intensiv beschäftigte, fiel mir dieser Film von Bob Dylan ein", erzählt Mössinger. Eines der frühesten Videos der Popgeschichte, entstanden im Jahr 1965: Dylan singt atemlos den "Subterranean Homesick Blues", reiht mit monotoner Stimme Assoziationen aneinander; in dem Film dazu steht er in einem Hinterhof und hält einen Stapel Blätter in die Kamera.
Auf jedem Blatt ist ein Wort aus dem Songtext zu lesen, Dylan zieht immer dann eines weg, wenn das Wort in dem Text zu hören ist. "Wer so bildhaft und abstrakt mit Sprache arbeitet, der zeichnet vielleicht auch", dachte Mössinger.
Sie stieß in einer kulturhistorischen Bob-Dylan-Ausstellung in der New Yorker Morgan Library auf ein schmales Buch, das 1994 im Verlag Ran dom House erschienen war:
"Drawn Blank" - Zeichnungen von Dylan aus den Jahren 1989 bis 1992.
Das Buch war längst vergriffen, in New York konnte die Museumschefin "das letzte Exemplar von Manhattan" in einem verstaubten Antiquariat auftreiben.
Sie nahm Kontakt zu Bob Dylan auf - nicht über die Plattenfirma, an der schon viele Kontaktaufnahmen gescheitert sind. Mit Dylan "Kontakt aufzunehmen" ist etwa so leicht, wie die Durchwahl von Papst Benedikt XVI. zu bekommen. Sie versuchte es beim Buchverlag und bekam bald eine Antwort. Wenn sie Interesse habe, könne Herr Dylan ihr gerne Arbeiten für eine Ausstellung zur Verfügung stellen, hieß es.
Seitdem kommuniziert Frau Mössinger mit Herrn Dylan über dessen Sprachrohr - einen sachlich-freundlichen Manager, der als Stimme seines Herrn seit vielen Jahren im Geschäft ist. Irgendwann ließ Dylan ein paar Aquarelle nach Chemnitz schicken - es waren kleine Serien von Übermalungen seiner "Drawn Blank" Zeichnungen, von denen er zuvor Drucke hatte machen lassen. "Ich fand die gut", erzählt Mössinger, "stellte aber fest, dass sie nicht signiert waren." Also was tun? Alles zurückschicken, wochenlang warten? "Ich bin da praktisch veranlagt." Mössinger fuhr im Mai dieses Jahres nach Leipzig, wo Dylan ein Konzert gab.
Man könnte sagen, es war ein . Mössinger, sonst eher an klassische Liederabende gewöhnt, fand die Musik deutlich zu laut: "Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr." Auch der Ablauf eines typischen Rockkonzerts erschien ihr unplausibel:
"Die Leute jubeln schon, bevor überhaupt klar ist, ob er gut singt oder schlecht." Nach dem Auftritt marschierte Mössinger mit den Mappen unterm Arm hinter die Bühne. Dylan sei höflich gewesen, aufmerksam, aber auch ein bisschen verunsichert, als er bemerkte, dass Mössinger nicht alle Bilder gleich gut fand. Er signierte die Blätter mit einem dicken, besonders weichen Bleistift der tschechischen Traditionsmarke Koh-i-Noor. Das sei ja ein toller Bleistift, so Dylan. Ob er da von noch ein paar Exemplare haben könnte? Mössinger schickte sie ihm.
Dylans Bilder zeigen Alltagsszenen.
Oft sind es Interieurs oder Blicke von innen nach außen. Klassische Porträts und Akte kommen hinzu, die in den Übermalungen stark variiert werden.
Er tauscht Figuren aus, Mann statt Frau, die Farben ändern sich und damit die Stimmung, die Proportionen der Räume. Anders als seine Songs, die von dunklen, oft verrätselten Sprachbildern und surrealistischen Szenarien leben, sind seine Bilder nüchtern und lakonisch.
Würde das Museum diese Arbeiten auch zeigen, wenn sie ein Unbekannter gemalt hätte? Ingrid Mössinger bescheinigt Dylan "großes Talent" und einen "ganz eigenen Blick". Sie ist klug genug um zu wissen, dass der Erfolg dieser Ausstellung programmiert ist. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig ordnet die Sache schon richtig ein: "Diese Ausstellung wird in den USA ein nationales Ereignis werden - das in Chemnitz stattfindet." Wenn die Ausstellung am Abend des 27. Oktober eröffnet, wird Bob Dylan nicht in Chemnitz sein. Er spielt an diesem Abend das erste von drei Konzerten im "Chicago Theatre".
Die Direktorin ist sich aber sicher, dass er irgendwann kommen wird.
"Ich glaube, er will das sehen." Termin: "The Drawn Blank Series", Aquarelle und Gouachen, bis 3. Februar 2008, Kunstsammlungen Chemnitz. Katalog: Prestel Verlag, 28 Euro, im Buchhandel 49,95 Euro. Mehr Bilder von Bob Dylan bei www.art-magazin.de/dylan
Direktorin Ingrid Mössinger mit einem Dylan-Original (Foto: Jörg Gläscher)
"Porträt Paul Kararian" (2007, 77 x 61 cm), Gouache/Aquarell auf Zeichnungsdruck
"Komba Hotel" (2007, 51 x 41 cm), Aquarell/Gouache auf Zeichnungsdruck
RALF SCHLÜTER
