Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 8

Studio

Von

MINI-ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (7) Avantgarde, die [avã-, frz.] Gruppe von Vorkämpfern für neue Ideen, die anfangs belächelt und später bewundert wird. Typisch sind Aktionen und Manifeste, die Außenstehende wg. des Verzichts auf hergebrachte Logik nicht kapieren (->Dadaismus, Fluxus). Meist zerfällt die A., wenn Mtgl. d. so g. "Inner Circles" mit den zu Dogmen erstarrten Idealen brechen. Die Unverbesserlichen laufen Gefahr, als Karikatur ihrer selbst zu enden (-> Dalí)

EINE LISTE Die urbansten Ausstellungstitel 2007 1. Sex und die Stadt. Stadtmuseum Düsseldorf 2. Video as Urban Condition. Lentos-Kunstmuseum Linz 3. Im Dickicht der Städte. Kunsthaus Zürich 4. Stuhl Haus Stadt. Haefeli Moser Steiger.

Museum für Gestaltung Zürich 5. Großstadtvisionen - Architektur und Film.

Filmmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf 6. STADTansSICHTen: Seoul - Räume, Menschen. ifa-Galerie Berlin 7. Urban Imaginaries from Latin America.

Fundació Antoni Tàpies 8. Architektur-Werk-Stadt. Historisches Museum Frankfurt am Main 9. Power - Die Erschaffung der heutigen Stadt.

Kunsthal Rotterdam 10. Mutamenti - Kulturelle Entwicklungen und globalisierte Welt. Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung, Zürich 11. Subsubnetcity. Atelier Berlin 12. Die essbare Stadt. NAI - Nederlands Architectuurinstituut Maastricht

Zimmer wie Zellen und das Klo auf dem Gang, so stellt man sich Studentenwohnheime vor. Doch in München entstehen auf dem Gelände des ehemaligen Olympischen Dorfs der Frauen neue Unterkünfte fernab aller Klischees. Dort standen immer noch die Häuser, die 1972 die Teilnehmerinnen der Olympischen Spiele beherbergten.

Jetzt werden diese fast vollständig abgerissen und durch 1052 kleine Wohnwürfel ersetzt. Jeder ist als zweigeschossiges Häuschen mit Dachterrasse konzipiert, Wohnfläche: 18 Quadratmeter. Die Planung des Projekts teilt sich das Münchner Architektenbüro Bogevisch mit dem 88-jährigen Werner Wirsing, der schon 1970 die Sportlergebäude entwarf. Der Clou:

Die Sichtbetonwände dürfen die künftigen Bewohner von innen und außen selbst bemalen. In Anlehnung an den olympischen Geist soll der Charakter eines kleinen Dorfs in der Großstadt bewahrt werden. Bezugstermin ist erst 2010, doch der Ansturm ist schon jetzt riesig.

LOGO-KRITIK

Therapeutische Werbung Das japanische Verteidigungsministerium hat neuerdings einen blauen Ball als Logo. Merkwürdig, fanden wir und baten Grafikguru Erik Spiekermann um seinen Kommentar - und bekamen prompt noch drei weitere:

Es ist schon fast niedlich, wie die Japaner sich selbst einreden, dass sie eine friedliche Nation sind. Sie sind die Einzigen, die ein Verteidigungsministerium als schützende Institution darstellen, das seine grünen Arme um den eigenen Bauch legt. Selbst das aggressive Rot auf der schönsten Flagge der Welt haben sie zum sanften Hellblau geändert, und die lateinische Schrift ist abgerundet, damit sie niemandem weh tut. Als Logo schrecklich, aber vielleicht wirkt es ja therapeutisch.

Das deutsche Eiserne Kreuz ist erfrischend einfach! Karl Friedrich Schinkel entwarf es in der Tradition von Deutschrittern über Friedrich den Großen bis zu den Befreiungskriegen 1813. Es ist ein militärisches Abzeichen. Damit verleugnet die Bundeswehr weder Herkunft noch Zweck ihrer Existenz. Das ist ehrlich, kraftvoll und klar. Der jetzige Entwurf stammt von Peter-Schmidt-s.

Für das Verteidigungsministerium der Niederlande, die seit der Abgabe ihrer Kolonien bis in die siebziger Jahre mehr durch Marihuanakonsum ihrer Rekruten auf gefallen sind als durch Säbelrasseln, sind diese Designerraketen schon recht peinlich. Diese Visualisierung einer Raketenabwehr, die sich so ostentativ von der Tradition abwendet, ist nur noch Grafikdesign um seiner selbst willen. Die niederländische Polizei hat auch Streifen auf den Autos, aber da dienen sie wenigstens dem Zweck, von Weitem erkennbar zu sein.

Italien hat ein Logo, dem man nicht ohne Weiteres ansieht, dass es dem Verteidigungsministerium gehört. Stern, Anker und Schwinge neben zwei brennenden Vasen unter güldener Mauerkrone sehen doch aus, als wären sie nur für das Aufnähen auf dunkelblauen Blazerstoff entworfen worden. Und da wären die Nationalfarben Grün, Weiß, Rot lange nicht so dekorativ wie diese Blau- und Rottöne. Allemal der Sieg des Stils über die Abschreckung.

DIE ART-HOME-STORY ( 4 )

Zu Gast bei Christian Hahn

Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Handschutz Eine der besten Entdeckungen überhaupt: Wenn man diese Creme benutzt, gehen sogar Lack und Ölfarbe von den Händen! Einfach mit Wasser. Unglaublich, oder?! Sie ist etwas pappig, aber man gewöhnt sich dran.

Ein Student hat mich drauf gebracht, als ich Gastdozent in Offenbach war.

Hörspiele Zur Ideenfindung und Komposition eines Bildes brauche ich absolute Ruhe. Bei der Umsetzung der Ideen kann ich dann schon mal Musik anmachen. Ich mag Björk oder Anne Clark. Klassische, leichte Hörspiele sind auch ganz gut, aber nur, wenn der Arbeitsprozess nicht so viel Konzentration erfordert. Beim Ausarbeiten von Hintergründen macht es echt Spaß, einer Geschichte zu lauschen.

Sprühflasche Ich arbeite nur noch mit fertig grundierten Leinwänden. Ich mag ihre technische Perfektion und Glätte. Damit der Stoff gut spannt, muss man ihn nach dem Aufziehen mit Wasser einsprühen.

Dafür ist diese Flasche.

Schuhe Das sind meine Arbeitspuschen. Da schlüpf ich sofort rein, wenn ich im Atelier ankomme. Dann legt sich ein Schalter in mir um, und ich bin total konzentriert. Gekauft habe ich sie vor fünf Jahren in Spandau, als ich ein Atelier in der Zitadelle hatte.

Overheadprojektor Ein wichtiges Utensil für den Entstehungsprozess meiner Bilder: Ich mache erst einen Entwurf, den übertrage ich auf Folie und projiziere ihn dann auf die Leinwand.

Dieses Gerät habe ich gebraucht im Internet gekauft.

Was auf den ersten Blick aussieht wie Käfige für wilde Tiere, ist das neueste Kunstprojekt von Gregor Schneider.

Er hat auf dem berühmten australischen Bondi Beach 21 Zellen eingezäunt und mit Sonnenschirm und Luftmatratze ausgestattet. Schneider, der 2001 den Goldenen Löwen von Venedig erhielt, will mit seiner Installation Kunst in Zeiten des Terrorismus zeigen und das lockere "Hangin' Loose"-Leben an Australiens Stränden anprangern. Ob er mit diesem didaktischen Vorhaben Erfolg hat, ist fraglich - die Surfer dürften sich eher freuen, dass sie ihr Equipment nun sicher unterstellen können.

Diese düstere Vision des Berliner Lustgartens 2057 von Michael J. Birn war das meistdiskutierte Stück beim 4. Berliner Kunstsalon im Oktober. In dem Modell hat der Künstler, Architekt und Regisseur das Stadtschloss als Stützpunkt paramilitärischer Einheiten nachgebaut. Den Palast der Republik lässt er als bösen Geist auferstehen: als Hochhaus am Alex. Der digitale Drama- Himmel macht den Alptraum perfekt. Infos: www.atrans.org

Beim Schnaps-Knutschen, Bettenmachen oder Terrassensalto will garantiert niemand fotografiert werden. Aber seit die Fotografie in die Hände von Amateuren geriet, ist keiner mehr sicher. Die unfreiwillige Komik privater Schnappschüsse zeigt nun die Washingtoner National Gallery of Art. Noch bis Silvester sind dort die Snapshots, die der US-Kunsthistoriker Robert E. Jackson gesammelt hat, zu sehen. Sie stammen aus dem amerikanischen Provinzalltag, überwiegend aus den fünfziger und sechziger Jahren, der Anfangszeit der Kleinbildfotografie für jedermann. Infos: www.nga.gov

Was verbindet Popeye und Hulk mit einer japanischen Geisha? Der eiserne Vorhang der Wiener Staatsoper. Dort hat sie Jeff Koons zu Motiven seines 176 Quadratmeter großen Gemäldes "Geisha" gemacht. Koons (siehe auch Seite 125) ist neben Matthew Barney und Kara Walker bereits der zehnte Künstler, der sich für eine Spielzeit prominent auf der Brandschutzvorrichtung präsentieren darf.

Milde belächelt: Hugo Ball 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich und der junge Dalí

Studentenbude im Tetrapakformat: Durch ein Küchenfenster begutachten potenzielle Bewohner das Innere des Wohnwürfels

Die Küche: Jede noch so kleine Nische wird genutzt

Christian Hahn, 38, zwischen zwei seiner bunten, großformatigen Gemälde in seinem Hamburger Atelier (Foto: Axel Martens). Kontakt über seine Galerie: www.sfeir-semler.de

Schauen Sie mal nach oben: Wenn dort, wie in Belgrad, ein Pfeil hängt ...

... handelt es sich um eine Wortspiel-Arbeit von Street Artist "Above"

Gregor Schneiders Kunst-Zellen am coolsten Fleck von Down Under: "Bondi Beach"

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Snapshots

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Der eiserne Vorhang der Wiener Staatsoper

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Eine Liste - Die urbansten Ausstellungstitel 2007

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Kleine Enzyklopädie der Kunstklischees (7) - Avantgarde, die

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1052 kleine Wohnwürfel

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Therapeutische Wirkung

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Die ART-Home-Story (4) - Zu Gast bei Christian Hahn

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Bondi Beach

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Warum bringst du überall Pfeile an?

Ich bin ein Skater aus Kalifornien, der schon früh mit Graffiti experimentiert hat. Aber nur meinen Namen in der ganzen Stadt zu taggen, war mir zu wenig. 2003 habe ich mich auf Pfeile und Wortspiele mit vier Buchstaben spezialisiert.

Wie wählst du die Wörter aus?

Im Englischen sind Wörter mit vier Buchstaben sehr häufig.

Ich mag es, mit kurzen Wörtern viel zu sagen.

Würdest du dich von einer Galerie vertreten lassen?

Ich liebe die Straße! Sie ist vielseitig, kennt keine Zensur und wird von allen Menschen geteilt - die ideale Plattform, um mir Gehör zu verschaffen. In einer Galerie kann man Kunst nur in einem festgelegten Raum und zu einer festgelegten Zeit sehen. Street Art kennt keine Öffnungszeiten.

Du hängst die Pfeile bis zu 50 Meter hoch ... ... aber eher selten. Ich spiele mit der Bedeutung von "Above", einem Anagramm meines Namens. Mir ist es egal, wenn manche Leute die Pfeile nicht sehen. Es ist ohnehin viel intimer, wenn man etwas sieht, was nicht jeder sehen kann.

Du hast schon 1000 Pfeile in 26 Ländern, wie reist du?

Ich übernachte privat. Und: Ich habe mein Eurail-Ticket gefälscht.

Es ist verdammt einfach es durch Photoshop abzudaten.

Ich habe mir ein Ticket für einen Monat und 18 Länder gekauft und es dann selber sechsmal verlängert.

Und wovon lebst du?

In den USA arbeite ich als Kellner - und ich verkaufe einige Arbeiten auf meiner Webseite: www.goabove.com

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Warum bringst du überall Pfeile an?