Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 91
Ein Meister aller Klassen
Von Kerstin Schweighfer
Eine Werkschau des vielseitigen Architekten und Designers im Vitra-Design-Museum WEIL AM RHEIN: LE CORBUSIER
Mit seinen kubistischen Frauenfi- guren in bunten Farben erinnert es an die Werke von Pablo Picasso oder Fernand Léger: das Wandgemälde "Frauen und Muscheln" von 1948. Es stammt jedoch von Le Corbusier (1887 bis 1965). Eines Morgens prangte es an der Stirnwand in seinem Pariser Büro - zur Überraschung der Mitarbeiter, die ihren Chef wiederholt aufgefordert hatten, etwas auf diese kahle Mauer zu malen.
Die Tafeln wurden vor kurzem im Keller von Le Corbusiers Wohnhaus wiederentdeckt. So kann das Werk auf der ersten großen Retrospektive seit 1987 präsentiert werden.
Le Corbusier soll darin als Universalgenie gewürdigt werden, das nicht nur Architekturgeschichte geschrieben hat: Der Schweizer-französische Kunstgewerbler, der eigentlich Charles-Edouard Jeanneret hieß, aber unter dem Künstlernamen Le Corbusier weltberühmt wurde, war auch Maler, Bildhauer und Designer.
Die Schau zeigt deshalb neben Modellen, Fotos und Zeichnungen bekannter Bauten wie der Wallfahrtskirche in Ronchamps Gemälde, Textilien, Collagen, Skulpturen und Möbel. Die berühmte Chaiselongue von 1928 findet der Schweizer Co-Kurator Stanislaus von Moos dabei gar nicht besonders bequem: "Da schlafen einem beim Zeitungslesen die Arme ein." Dennoch besitze jeder Baumeister, der auf sich halte, eine solche Liege: "Le Corbusier ist nicht nur der am meisten publizierte Architekt des 20. Jahrhunderts, er hat auch die am meisten verkauften Designermöbel entworfen. Insofern hat er das Gesicht der Wohnungen ganz enorm beeinflusst." Gleiches gilt für das Gesicht der Häuser.
In seinen "Fünf Punkten einer neuen Architektur" hat Le Corbusier festgelegt, wie ein Gebäude auszusehen habe: Säulen im Erdgeschoss, breite Fensterstreifen in der Mitte und eine Dachterrasse oben.
Schwerelos habe es zu sein, transparent und weiß. Le Corbusier hatte auch genaue Vorstellungen von den Städten, plante ganze Hochhauswälder. Kaum einer ging darin so weit wie er, das macht ihn bis heute umstritten. Selbst für die sozialen Unruhen in den Pariser Vororten wurde er verantwortlich gemacht, denn seine kühnen Gedankenexperimente sind hundertfach in trostlosen Billigausführungen kopiert worden. Dass er selbst andere Vorstellungen hatte, beweist die "Unité d'habitation" in Marseille. Die Bewohner teilen sich Kindergarten, Schwimmbad und eine eigene Ladenstraße. "Das funktioniert mustergültig", so von Moos, "bis heute ist das eine der gesuchtesten Wohnlagen der Stadt."
Termin: 29. September bis 10. Februar 2008.
Katalog: 79,90 Euro.
Internet: www.design-museum.de Literatur: Maison Blanche. Charles-Edouard Jeanneret, Le Corbusier. Geschichte und Restaurierung der Villa Jeanneret-Perret 1912-2005, Birkhäuser Verlag, 39,90 Euro
Buchumschlag für "Ronchamp - les carnets & la recherche patiente" von 1957
Unbequem, aber beliebt:
Chaiselongue aus dem Jahr 1928
KERSTIN SCHWEIGHÖFER