Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 62-67
Das coole Archiv
Von Heinz Peter Schwerfel Ute Mahler
Der Softwareentwickler und Sammler Ivo Wessel, 42, umgibt sich mit Kunstwerken, Designgegenständen, Filmkassetten und Büchern - ein Besuch in seiner Berliner Wunderkammer
Amateur zu sein ist im Französischen eine Ehre. Der Amateur ist nicht einfach Laie, er ist Freund, Fan, Liebhaber. Er frönt seiner Leidenschaft auf höchstem Niveau, aber als Zeitvertreib, nicht als Lebensunterhalt. Amateur zu sein kostet Geld, viel Geld, vor allem, wenn man keines hat. Dann muss mit harter Arbeit verdient sein, was leichten Herzens geliebt werden will.
Als Sammler von Gegenwartskunst ist Ivo Wessel ein Amateur im besten Sinne - besessen, aber nicht fanatisch, genießend, aber nicht genusssüchtig.
Oder besteht doch Suchtgefahr?
Kürzlich ist der jugendliche 42-Jährige aus seinem Junggesellenloft am stillen Kreuzberger Paul-Lincke- Ufer umgezogen mitten in die Szene, ins laute Berlin-Mitte, wo er in der Chausseestraße spielend vier Etagen und 270 Quadratmeter füllt - nicht mit Kunst, sondern mit Leben. So drückt er selbst es aus und beschwört das künstlerische Archiv gelebter Erinnerung, in dem er sich seinen Alltag einrichtet.
Im Keller die Bibliothek, im Erdgeschoss Rauminstallationen von Via Lewandowsky und Sven Johne, zweien seiner Lieblingskünstler. Darüber Wohn- und Arbeitsraum, ebenfalls bis an die Decke gefüllt mit Ottmar Hörl, Karin San der und einer Batterie von Videomonitoren mit Arbeiten von Pipilotti Rist oder Bjørn Melhus, die Wessel mit einer selbst entwickelten Software steuert. Jedes Kunstwerk muss abrufbar sein, in Blickweite, und zu jedem gibt es eine Geschichte. Eine gelebte Geschichte.
Für Wessel ist jede Erwerbung nicht einfach nur ein Kauf, sondern eine emotionsgeladene Erfahrung.
"Ich bin kein Profisammler", stellt er denn auch gleich richtig und zieht Grenzen zu anderen Sammlern seiner Generation. Etwa zu dem Hamburger Rik Reinking, den er schätzt, aber nicht imitieren mag. "Kunst ist für mich viel zu sehr Obsession, um damit Geld zu verdienen", bekennt er und weist auf das Fehlen jeglicher Händ lergene hin.
Beratertätigkeit für und durch andere komme nicht in Frage. Ebenso wenig wie Verkäufe, auch wenn ihm die ersten Künstler finanziell längst entwachsen sind, etwa Karin Sander: Die kann er sich heute nicht mehr leisten.
In der kompromisslosen Ablehnung wirtschaftlicher Erwägungen klingt Romantik mit - Liebhaber machen keine Heiratsanträge, ihre Leidenschaft muss Nebenbeschäftigung sein, um Hauptsache werden zu können.
Kunst will für Wessel verdient, sprich erspart sein, eigenhändig erarbeitet am Computer. Denn Wessel schreibt Computerprogramme, Computerbücher, Computeranleitungen, und je mehr Kunst er kauft, desto mehr Software muss er entwickeln.
"Hauptsache, es bleibt Zeit für die Vita contemplativa", sagt er schwärmerisch und beschwört einen Tagesablauf ohne Routine. Seit 20 Jahren lebt er zwischen Tastatur und Kunst.
Ferien oder Wochenende gibt es nicht, selbst 34 Semester Informatikstudium, natürlich ohne Abschluss, haben den Zweiklang seiner Existenz nicht nachhaltig verändern können. So will es jedenfalls die Legende des eigenen Lebens: Die Vita eines Sammlers ist spannender als jeder Krimi, ein wenig Koketterie darf ruhig dabei sein.
Ivo Wessel hat sich seine Leidenschaft erarbeitet. Seine frühe Kompetenz am Rechner spielt er gern zur "Löterei" herunter, als wäre für den talentierten Jugendlichen das Computer- Tuning schlichtes Handwerk gewesen.
Sein Vater, Anwalt in Paderborn, machte ihm früh klar, dass die Leidenschaft vom Taschengeld finanziert werden müsse. Damit meinte er weniger den ersten Computer als literarische Erstausgaben, auf die sich der Sohn als Student eingeschossen hatte.
Wessel lötete im Akkord und kaufte.
Zuerst kam Oscar Wilde, dessen traurig weinender "Glücklicher Prinz" zum Schlüsselerlebnis wurde. Dann folgten spätsurreale Franzosen wie Raymond Queneau oder Eugène Ionesco, später die Neue Frankfurter Schule der absurden Vernunft, deren Papst Eckhart Henscheid war. Wessel wurde zu Henscheids Fan und Verehrer, ein werkanalytischer Groupie, der ganze Restaufl agen und manches Buch gleich hundertfach erwarb.
Das Wort kam vor dem Bild, die Liebe zur Literatur vor der Liebe zur Kunst. Es fing an mit Karl May, für lesende Knaben aus der deutschen Provinz nicht ungewöhnlich. Dann kam Marcel Proust. Der Hang zum Beschwörer der verlorenen Zeit verbindet Wessel ebenso wie die Leidenschaft für die Gegenwartskunst mit einem Sammler wie dem Kölner Mediziner Reiner Speck, dem großen Vorbild für lustvolles Leiden an der eigenen Sucht. Man sieht sich regelmäßig bei Treffen der deutschen Marcel- Proust-Gesellschaft, im Zeichen eines feingeistigen Hintersinns, einer Liebe zur Kunst des doppelten Bodens, die sich als ästhetische und intellektuelle Falle versteht.
Kein Zufall also, dass Wessel sich zu gern Gemälde von Andreas Slominski zugelegt hätte, dem Erfinder der Fallenskulptur, auch wenn ihm selber eine solche Erwerbung eine Nummer zu groß erschien. Wochenlang hat er mit sich, der Hamburger Produzentengalerie und der Welt gerungen, ob er es wagen solle oder nicht. Am Ende haben die Vernunft und das selbst gesetzte Preislimit gesiegt: Bei Preisen über 15 000 Euro würde das fragile Gleichgewicht von Leidenschaft und Lebensunterhalt ins Trudeln kommen, der Sammler geriete in jene "Spirale der Ratenzahlungen", die er bis jetzt immer vermieden hatte.
Schuld an der Liebe zur Kunst war nicht zuletzt die Mutter, sie schleppte die Brüder Wessel - von denen einer brav Jura studieren sollte - schon früh in Museen und Ausstellungen, vor allem konkreter Kunst. Etwa zu Günter Fruhtrunk, auch das eine Falle der Klassischen Moderne, vor allem eine optische. Ivo Wessel ist der abstrakten Malerei und Grafik bis heute treu geblieben, wurde Mitglied der Griffelkunst und verteidigt bis heute einen von der Kunstgeschichte links liegen gelassenen Grafiker wie Anton Stankowski. 1977 erlebte er als Elfjähriger seine erste Documenta, mit Walter De Marias Erdkilometer, 1982 beeindruckten ihn die 7000 Eichen des Joseph Beuys. 1992, vier Jahre nach der ersten größeren Buchanschaffung, erstand er auf der Frankfurter Messe einen Ottmar Hörl, dessen konzeptuelle Skulptur ebenfalls vom doppelten Boden lebt. Wessel besitzt von ihm unter anderem Besenbilder und die Serie "Sieben Wege zur Malerei", minimale Variationen von Notausgangsschildern.
Damals lebte der ewige Student noch in Braunschweig, erst Ende 2000 entschloss er sich zum Umzug. Köln oder Berlin? Die Rheinländer Sigmar Polke, Martin Kippenberger oder Georg Herold waren längst zu teuer für ihn, außerdem gab es schon einen Samm ler wie Speck. Wessel ging nach Berlin, wo junge Galerien händeringend eine neue Generation von Sammlern suchten, und hat es nicht bereut, lebte er sich doch schnell in die Galerienszene ein. Grundsätzlich kauft er nicht im Atelier, und nicht zuletzt dank dem Umzug in die Chausseestraße ist er jetzt Teil des Betriebs.
Während der Messe Art Forum besuchen schon mal Gruppen internationaler Sammler seinen mit Kunst gefüllten Lebensraum.
Vor allem aber sind seine wichtigsten Künstler hier, etwa Via Lewandowsky, ein weiterer Meister des Hintersinns und der ästhetischen Fallenstellerei.
Der hat Wessel "Spaß am Spieß" beschert, Daunenkissen auf der Stahllanze, oder jene im Haus des Sammlers horizontal aufgehängte alte Berliner Tür, auf der in einer verdächtigen Idylle ein Mann mit einem Kind an der Hand eine verlassene Allee entlang ins Nichts spaziert, eine kitschige Wanderung in den Missbrauch. Mehr doppelter Boden geht nicht.
Wessel und Lewandowsky sind längst befreundet, trotzdem siezen sie einander. Verehrung muss nicht unbedingt zu Nähe führen, das galt schon für Henscheid und manch andere Jugendliebe, etwa zum Werk von Wim Wenders. Was einen prägt, das kann man besitzen. Wenders-Fan Wessel besitzt alle seine Filme, Schlüsselwerke wie "Der Stand der Dinge" erwarb er gleich in Super 8, in 16 und 35 Millimeter, außerdem in Pal-, Secam- und Beta-Videoformaten, auch wenn er letztere gar nicht vorführen kann. Muss er ja auch nicht - Hauptsache, die Kassetten bleiben in Blickkontakt, und die Kunst ist Teil des alltäglichen Lebens.
Ausstellung: Ivo Wessel zeigt einen Teil seiner Sammlung vom 18. November bis 20. Januar 2008 in der Galerie der Stadt Sindelfingen
Berlin, Chausseestraße - der Eingangsbereich zu Wessels Wohn- und Arbeitshaus, links oben eine Lichtinstallation von Marcel Bühler: "Revolutionsbedarf"
Ivo Wessel mit Via Lewandowskys Arbeit "Geteilte Freude ist doppelter Spaß"
Seit 20 Jahren lebt Wessel zwischen Tastatur und Kunst. Ferien oder Wochenende gibt es nicht, selbst 34 Semester Informatikstudium, natürlich ohne Abschluss, haben den Zweiklang seiner Existenz nicht nachhaltig verändern können
Via Lewandowsky: "Der Wald (Zur Rache IV)" (Detail) Der Arbeitsraum des Programmierers: an der Wand Arbeiten von
Sven Johne ("Ship Cancellation") und ein Video von Tracey Moffatt ("Doomed", ganz rechts)
Bild links: Im Wohn- und Schlafbereich findet sich viel abstrakte Kunst, von Anton Stankowski bis Hajo Hangen. Bild oben: Wessel mit der Arbeit "Dauerbrenner" von Robert Barta
Im Altbauteil des Hauses hat Wessel einen ganzen Raum mit Medienkunst ausgestattet, hinten steht ein Regiestuhl von Ottmar Hörl
Alles fing an mit den Romanen von Karl May, die Ivo Wessel als Junge las, später entdeckte er Marcel Proust, den Beschwörer der verlorenen Zeit. Das Wort kam vor dem Bild und die Liebe zur Literatur vor der Liebe zur Kunst
HEINZ PETER SCHWERFEL
