Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 42

Kuratorenwahn und Klimaanlagen

Von Thomas Wagner

Was von Kassel, Venedig und Münster übrig bleibt: ärgern selbstherrliche Kuratoren, abhanden gekommene Fragen und Künstler, die zu Schaustellern mutieren

Komm in den kuratierten Park und schau: Die Zeit der Blütenträume ist vorbei. Die Documenta 12 ist zu Ende, und auch in Venedig und Münster läuft bald der Abspann. Der Betrieb geht zur Tagesordnung über, als sei nichts gewesen. Dabei täte es Not, die Folgen abzuschätzen. Denn eines lässt sich weder übersehen noch ignorieren: Der Triumph der Kuratoren über die Kunstproduktion zwingt den Begriff des Künstlers abermals zur Mutation, und die Präsentation verschlingt die Werke.

In den vorfabrizierten Gewächshäusern in der Kasseler Aue gedieh eines besonders: der Kuratorenwahn. Denn wie Roger M. Buergel und Ruth Noack zwischen Fridericianum und Schloss Wilhelmshöhe Kunst arrangiert haben, beruht auf der Vorstellung, es sei allein der Ausstellungsmacher, der über Auswahl und Verknüpfung der Werke befindet. Neuproduktionen bleiben Randerscheinungen, wo der Kurator das Bühnenbild bestellt und mit Werken jongliert. Das Regietheater, dessen man im Theater längst überdrüssig geworden ist, feiert im Kunstbetrieb fröhliche Urständ, wobei sich der Kurator zum Künstler stilisiert und, auch wenn er ein poröses Ich predigt, die Meta-Erzählung kontrolliert. Und nur einen Wimpernschlag konnte die Marktferne dauern, weil der Markt in seiner gefräßigen Vielfalt unendlich beweglicher ist, als ein Kuratorenpaar, das auf Autorschaft beharrt.

Also folgte auf die Migration der Künstler und das postkoloniale Reisefieber der elften Documenta bei der zwölften die Migration der Form. Hätte sich Buergel darauf beschränkt, im Fridericianum sein Spiel mit der ersten Ausgabe von 1955 zu treiben und einige Formschicksale über Kulturgrenzen hinweg zu verfolgen, es wären ihm die drei Fragen womöglich nicht abhanden gekommen, die das Terrain doch strukturieren sollten: Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was kann ästhetische Bildung unter den Bedingungen der Globalisierung leisten? Nicht zu viel, zu wenig Bezüge und zu wenig Komplexität spross in Buergels Treibhaus. Nichts wurde aus einem Zauberwald der Kunst, in dem man sich lustvoll verlaufen, lachen, staunen und denken hätte können, zu ausgedacht wirkte am Ende selbst das Provisorische. Vielleicht ist es ja an der Zeit, sich einzugestehen, dass der Künstler als individuelles Sensorium ausgedient hat. Der Kurator hält sich, wie in Venedig zu besichtigen, wie der Markt, lieber an den Produzenten konformer Illustrationen des Zeitgeists. Angesichts der globalen Überproduktion gibt es immer genügend Werke, die sich zu Themenparks und hybriden Thesensammlungen verbinden lassen. Erst hat man sich mittels unverdauter Theoriefragmente die Kunst vom Leib gehalten, nun wird sie erledigt, indem arrangiert, umarrangiert und neu arrangiert wird, bis das gute Weltgewissen massenverträglich geworden ist.

Einher geht solche Selbstermächtigung mit allerlei Empfindlichkeiten und allergischen Reaktionen. Am heftigsten fallen sie aus, wo es um den "White Cube", den neutralen Ausstellungsraum geht. Erdbeertöne, Lindgrün und rot eingefärbter Teer in Kassel, Träumereien in einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert in Venedig, Grünflächen voll Harmlosigkeiten in Münster. Hauptsache, die emotionale Mischung von Räumen und Zeiten schafft neue Dunkelheiten. "Wir sind an dem Punkt angelangt, an dem wir nicht zuerst die Kunst betrachten, sondern den Raum", konstatierte Brian O'Doherty in seinem berühmten Essay "In der weißen Zelle". Dieser ideale Raum, nicht irgendein Gemälde, sei "das archetypische Bild der Kunst des 20.

Jahrhunderts". Das Schema bewährt sich abermals. Nur die Atmosphäre wird neu justiert wie eine Klimaanlage.

Kann man es tatsächlich beklagen, dass die Zeit vorüber ist, in der sich wilde Frauen und Männer Künstler nannten, weil sie keine Autorität über sich duldeten und ein Beispiel für freies Produzieren liefern wollten? Dabei sein und kassieren, heißt heute die Devise. Und damit das auch klappt, schmiert das notorische Gestammel von Genie und Schöpfertum weiterhin die Bewunderungsmaschine.

Der Künstler wird Schausteller und betätigt sich als Spediteur, der allerlei Inhalte transportiert, wobei er die Tatsache ignoriert, dass in der globalisierten Mediengesellschaft stets das Format die Botschaft ist. In Kassel ist es die Weltkunstschau mit Anspruch, die einmal alle fünf Jahre den besten Sendeplatz bekommt, in Venedig steigt alle zwei Jahre der große Preis der Nationen mit Prominenz und Glamour, in Münster alle zehn das Sonntagsfamilienspiel mit Fitnessprogamm für alle, die sonst nie ein Fahrrad besteigen.

Und dann und wann ein bleicher Chinese. Das muss reichen.

Dabei sein und kassieren, heißt die Devise. Und damit das auch klappt, schmiert notorisches Gestammel vom Genie die Bewunderungsmaschine