Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 36-40
Die unheimliche Kälte der Romantik
Von Hanspietsch
Mit ausgetüftelten Installationen rekonstruiert Mariele Neudecker Bilder und Stimmungen der Kunstgeschichte. Eine Schau in Ludwigshafen gibt Einblicke in ihr kühles Universum
Die Kinder kommen nicht zurück. "Oft denk' ich, sie sind nur ausgegangen", singt eine Stimme, "bald werden sie wieder nach Haus gelangen." Doch sie sind tot, unwiderbringlich aus dem Leben gegangen. Das Einzige, worauf der Vater hoffen kann, ist ein Wiedersehen in einer anderen Welt.
"Kindertotenlieder" von 2005 ist Mariele Neudeckers jüngste Arbeit aus der Sphäre des deutschen Kunstlieds.
Sie nimmt Gustav Mahlers fünf Vertonungen von Gedichten Friedrich Rückerts, gesungen von der englischen Altistin Kathleen Ferrier, zum Anlass für eine Installation, deren emotionalem Sog man sich kaum entziehen kann. Fünf roh gezimmerte Räume hat die Künstlerin gebaut, einen für jedes Lied. Es sind keine behaglichen häuslichen Szenen. Durch ein Fenster blickt man auf den "schönen Tag", aber durch einen Vorhang aus dunkler Gaze; hinter einem ein Stück weit geöffneten hölzernen Tor öffnet sich eine grüne, dennoch gespenstische Gebirgslandschaft.
Ein auf den Knauf einer verschlossenen Tür projizierter Film zeigt ein kleines Mädchen, das auf die Kamera zuläuft, ohne je anzukommen.
"Wie in den Liedern selbst geht es mir um die Darstellung von Trauer, Verlust und Schuld", sagt die Künstlerin.
Die 1965 in Düsseldorf geborene Mariele Neudecker hat Deutschland als 18-Jährige verlassen und ihre künstlerische Ausbildung unter anderem in London absolviert, am Goldsmiths College, wie Young British Artist Damien Hirst, und am Chelsea College of Art and Design. Seit rund zehn Jahren lebt sie in Bristol, mit der hektischen Londoner Szene will sie nichts zu tun haben. Die Ruhe in der Provinz, sagt sie, sei ihrer methodischen, medienübergreifenden Arbeitsweise förderlich.
Bekannt wurde sie durch ihre "Tanks", Landschaften in Vitrinen mit Wasser, Salzlösungen und Färbemitteln:
Bergmassive, Wälder, Gletscher, das Meer, eingehüllt in Nebelschwaden.
Szenarien wie von Caspar David Friedrich, in Aquarien für tropische Fische versenkt. Trotz ihrer vordergründigen Postkartenschönheit haben diese Installationen etwas Kaltes, Unnahbares, stellen Klischees des Romantischen bloß. "Stolen Sunsets" von 1996, einer der ersten Tanks, spielt auf einen Satz aus einem Film des Regisseurs Hans Jürgen Syberberg an: "Hitler hat uns unsere Sonnenuntergänge genommen." Ist das Erhabene nach dem Dritten Reich noch darstellbar?
"Allein das Widersprüchliche des Begriffs Romantik interessiert mich", sagt Mariele Neudecker.
Ein Landschaftsmaler reduziert die drei Dimensionen der Natur auf zwei. Mit ihren Tanks kehrt Neudecker in die dritte Dimension zurück und fügt noch eine vierte hinzu: die Zeit. Da sich die Vitrinen durch chemische Reaktionen ständig verändern, vergleicht die Künstlerin sie mit "langsam, sehr, sehr langsam ablaufenden Filmen".
Die meisten der Tanks enthalten Zitate aus der Kunstgeschichte. "Who Has Turned Us Around Like This?" (2002) etwa wird durch eine Wand mit einem Fenster zweigeteilt, eine Nachbildung eines von Friedrich gezeichneten Atelierfensters. Doch statt der ursprünglichen Elblandschaft sieht man dahinter schemenhaft einen kahlen Baum in Nebel schweben. Arnold Böcklins "Toteninsel" stand Pate für "There Go I". Die Künstlerin stellt sich die Rückseite der Insel vor, man kann die aus dunklem Wasser em porra genden Felszacken umschreiten. Nichts von südländischem Stimmungsbild - "Tödli ches" wollte Neudecker heraufbeschwören, nördliche "Kälte und Tiefe".
Das Boot hat sie weggelassen, dafür bemerkt man bei näherem Hinsehen gleich zwei Stege: Dass sie uns die Wahl lässt, wo wir landen wollen, macht dann doch ein wenig schmunzeln.
In der Videoarbeit "Stay Here Or Die" verwendete Mariele Neudecker vor fünf Jahren zum ersten Mal Musik.
Damals fuhr sie oft an den walisischen Stahlwerken von Port Talbot vorbei und hörte im Autoradio eine Arie aus Georg Friedrich Händels Oper "Alcina". Das Stahlwerk war zwar noch in Betrieb, Rauch und Flammen stiegen aus ihm auf, doch "die Natur hatte begonnen, von ihm Besitz zu nehmen", erzählt die Künstlerin. Sie postierte die Kamera auf einem Hügel gegenüber wie eine von Friedrichs Rückenfiguren, die in die Ferne blicken, zu den Bildern erklingt Händels Komposition.
Bei einer Arbeit von der Musik auszugehen war der logische nächste Schritt. Für "Winterreise", ihre Antwort auf Franz Schuberts gleichnamigen Liederzyklus, unternahm Mariele Neudecker 2003 mit der Videokamera ihre eigene frostige Fahrt ent lang dem 60. Breitengrad und drehte an vier Orten: auf den Shetland-Inseln im Norden Schottlands, in der Nähe von Oslo, Helsinki und Sankt Petersburg.
Jedem der 24 Lieder ist ein kurzer Film zugeordnet, nicht als Illustration, sondern als visuelles Echo: ein Schiff, das Eis durchbricht, aufgewirbelter Schnee, ein vereistes Fenster. Ein erstarrter Wasserfall steht für die gefrorenen Tränen, ein flatterndes Tuch für die Wetterfahne. "Die Verbindung von Musik und Bild kann überwältigend sein", sagt Neudecker. "Die Frage ist, welches Bild man auswählt, damit das Ganze auf subtile Art wirkt." In der Originalfassung wurde der Zyklus live aufgeführt, dahinter lief der 90- minütige Film. In der Galerieversion bilden die Lieder eine Art Soundtrack.
Für "Another Day" (2000) filmte die Künstlerin Aufgang und Untergang der Sonne simultan - von entgegengesetzten Punkten der Erde. "Ich hätte es als konzeptuelle Idee auch in Cornwall drehen können", sagt sie, "zuerst die aufgehende und dann die untergehende Sonne. Doch die Gleichzeitigkeit der beiden Ereignisse faszinierte mich." In komplizierten Berechnungen fand sie die Drehorte: Ponta Negra auf den Azoren und Wilson's Promontory, wo der südlichste Leuchtturm Australiens steht. Sie wollte das Klischee eines Sonnenaufgangs und eines -untergangs filmen, mit Meer und Horizont, ein blasskühles Blau auf der einen Projektion, ein leuchtendes Gelb-Rot auf der anderen.
Optische Phänomene wie perspektivische Verzerrungen faszinieren sie ebenso wie neue Digitaltechniken. So wurde der anamorphotische Totenkopf auf Hans Holbeins d. J. berühmtem Porträt zweier Gesandter in der Londoner National Gallery zum Vorbild für die Arbeit "Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived": Mit einem computergestützten Laserverfahren namens Stereolithografie stellte Neudecker einen verfremdeten Kunstharzschädel her, der nur zweidimensional auf einem Sockel zu schweben scheint. Lediglich von einer Stelle aus ist das Gebilde als plastischer Totenkopf erkennbar.
"The Land Of The Dead" von 2001 verwirrt die Wahrnehmung auf andere Art. Mit einem Heißluftballon stieg Mariele Neudecker über dem Nil bei Luxor auf und filmte senkrecht nach unten - Lehmhütten, Felder, Wüste, gelegentlich Menschen. Je höher der Ballon steigt, desto abstrakter wird das Bild. Diesen Film projiziert sie auf zwei horizontal angebrachte Projektionsflächen, von denen sich die eine über dem Boden, die andere unter der Decke befindet. Der Betrachter meint, im Ballon zu sitzen, die Landschaft zieht wie eine Wolke vorbei. Sie wolle keine Illusion erzeugen, sagt die Künstlerin trotzdem: "Es geht mir um Darstellung, Vermittlung, Künstlichkeit, nicht um Natur."
Ausstellung: "Kindertotenlieder" im Rahmen des Fotofestivals "Reality Crossings", Wilhelm-Hack- Museum, Ludwigshafen, bis 21. Oktober (siehe Seite 90). Galerie: Galerie Barbara Thumm, Berlin, Ausstellung: Mariele Neudecker, voraussichtlich 21.
März bis 26. April 2008. Internet: www.bthumm.de Literatur: In Profile: Mariele Neudecker: Moving Image, Music and Text 2002-2005. DVD, hrsg. von Picture This. In Profile: Mariele Neudecker: Sculptural and Video Installation, Works 1997-2002.
DVD, hrsg. von Picture This, jeweils 16 Pfund
Drei Wassertanks formen ein Bild: "Over and Over, Again and Again" (2004)
Die Landschaft in den Tanks (je 48 x 48 x 48 cm) entsteht unter anderem durch Fiberglas, Salz und Lebensmittelfarbe
"Who Has Turned Us Around Like This?" (2002, 170 x 125 x 50 cm) zitiert Caspar David Friedrichs Zeichnung eines Atelierfensters
Die unnahbaren Installationen stellen Klischees des Romantischen bloß
Trauerarbeit: 2005 gestaltete Neudecker mit Video- und Toninstallationen fünf Räume zu Mahlers "Kindertotenliedern"
Für "Kindertotenlieder" (Lied 3, 2005) projizierte sie Filmbilder eines Mädchens auf einen Türknauf
Die Videoarbeit "Stay Here Or Die" (2002) zeigt zur Händel-Oper "Alcina" ein Stahlwerk
Mariele Neudecker, 1965 in Düsseldorf geboren, lebt und arbeitet in England
Man meint, im Ballon zu sitzen, die Landschaft zieht wie eine Wolke vorbei
HANS PIETSCH
