Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 7
Studio - Glasmosaik von Gerhard Richter
Von
Neues aus der Welt der Kunst
E INE LISTE Die kopflastigsten Ausstellungstitel 2007 1. Reduzierte Aussagen. Kunsthaus Muerz, Mürzzuschlag 2. Shandyismus. Autorschaft als Genre. Secession, Wien 3. Untersuchungen zum Unauffälligen und Zufälligen.
Kulturbahnhof Eller, Düsseldorf 4. Cycle rolywholyover. Onamatterpoetic. Mamco, Genf 5. Differentielle Verweisungen. Emmanuel Walderdorff Galerie, Köln 6. aktuell_actuel. Politik per Zeichenstift aus drei Ländern. Karikatur & Cartoon Museum Basel 7. Politische Landschaften. Galerie Emmanuel Post, Leipzig 8. Unaufgeräumt/As found. Urbane Reanimationen und die Architektur des Minimaleingriffs. Schweizerisches Architekturmuseum, Basel 9. Malen ist Denken. Schloss Gottorf, Schleswig 10. Organische Geometrie. Stadtgalerie im Elbeforum Brunsbüttel 11. Konstruktion und Deutung. Freie Akademie der Künste, Hamburg 12. Hindsight Bias - siehe! Und nicht glauben, es schon gewusst zu haben. Galerie DKM, Duisburg
Mit "No future" durfte man sozialistischen Glückspropheten nicht kommen. Punk war in der DDR ein politisches Statement, wurde vom Staat auch prompt verstanden - und knallhart bekämpft. Diese Jungs hier riskierten, anders als ihre Kollegen im Westen, mehr als einen späten Leberschaden. Was in der wilden Szene von Ost-Berlin, Leipzig, Halle, Erfurt trotz Stasiunterwanderung, Knast und Spielverbot abging, zeigt mit Fotos, Gemälden, Tapes und Spitzelberichten noch bis 14. Oktober das Dresdner Stadtmuse um mit seiner Schau Too much future.
Sehr lesenswert nicht nur für die entgrenzte Jugend von heute sind die Erinnerungen und Essays im Katalog, zu bestellen unter www.toomuchfuture.de
GEHT'S NOCH?!
Das Beispiel Santiago Sierra macht Schule: Künstler verpflichten zunehmend billige Arbeitskräfte, bevorzugt "illegale Einwanderer", um ihnen im Namen moralisch gemeinter Demonstration sinnlose Aufgaben zu übertragen.
Der Frankfurter Jochem Hendricks lässt für sein Projekt "Grains of Sand" seit 1999 Immigranten Sandkörner zählen.
Ein neuer Niedriglohnsektor, den keiner braucht.
Stumme Zeugen einer vergangenen Ära: Diese verlassenen Arbeiterhäuser in der Southern Street im Norden Manchesters waren noch vor wenigen Jahren der flirrende Lebensmittelpunkt vieler Working-Class-Familien. Zur Zeit durchläuft die Geburtsstadt der industriellen Revolution einen ungeheueren Veränderungsprozess, dem auch diese Straße zum Opfer fallen wird. Die Bilder des Berliner Fotografen Stefan Boness halten den Charme der typischen Reihenhäuser fest, dokumentieren den radikalen Wandel und sind auf seiner Webseite www.iponphoto.com zu sehen. Ein Buchprojekt ist in Arbeit.
DIE ART-HOME-STORY ( 3 )
Zu Gast bei Norbert Bisky Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. art-Korrespondent Kito Nedo hat Berliner Künstler in ihren Ateliers besucht und nach ihren Lieblingssachen und Herzensdingen gefragt.
Q-tips Vor ein paar Jahren war hier mal ein Kunsthändler, der mich tatsächlich fragte, ob ich was mit den Ohren hätte. Ich benutze die Wattestäbchen, um Farben auf der Leinwand wieder auszulöschen, sowohl Aquarellfarben als auch Öl, dazu tauche ich die in Terpentinersatz. Manchmal verbrauche ich eine, manchmal fünf Packungen, das kommt auf die Korrekturen an. Für mich ist das eine softe Aggression. Lange Zeit dachte ich, ich hätte diese Technik mit den Q-tips erfunden, bis ich die Dinger auch auf einem Foto aus Jeff Koons' Atelier entdeckte.
Pinsel Nr. 40 Diese Pinsel kaufe ich immer bei Farben Kacza in Berlin- Kreuzberg, die gibt es nur da. Nicht ganz billig, aber ziemlich gut. Für größere Formate ist das die ideale Breite.
Salatbecher Die gibt es bei Metro. Wichtig für mich, weil ich die Farben rein halten will. Das Problem: Das ist das Einzige, was ich bei denen kaufe, dafür knallen die mich ganz schön mit Werbung zu.
Holzkröte Ein Mitbringsel meines Bruders. Der hat lange Zeit in Neuseeland studiert. Sie soll böse Geister vertreiben. Das Haus, in dem mein Atelier ist, wurde grade verkauft - mal sehen, ob ich sie für den neuen Eigentümer brauche ...
Klappstuhl Den habe ich Anfang der neunziger Jahre in den Kunst-Werken in Berlin geklaut. Im Hof gab es da irgendeine Veranstaltung. Ist das schon verjährt? Damals hatte ich eine ganz kleine Wohnung und gar kein Geld.
Der Stuhl stand bisher in jedem Atelier und hat alle meine Bilder gesehen.
Da der Satz "Das Gebäude sieht aus wie ein eben gelandetes Ufo" bei art auf dem Index steht, muss dieser kleine Text eben ohne ihn auskommen. Statt dessen könnte man vielleicht erzählen, dass Olafur Eliasson und Kjetil Thorsen den neuen Pavillon der Londoner Serpentine Gallery in Kensington Gardens entworfen haben. Seit 2000 lädt die Galerie jeden Sommer namhafte Architekten, die noch nicht mit einem Bau auf den Britischen Inseln vertreten sind, dazu ein, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Dieses Jahr war eigentlich Frei Otto angefragt, doch sein Entwurf erwies sich als so kompliziert, dass er auf nächstes Jahr verschoben wurde.
Internet: www.serpentinegallery.org
Die Pubertät hat sich als unerschöpfliche Quelle für provokative Kunst erwiesen.
Farbe an die Wand schmieren, verbotene Symbole benutzen, obszöne Wörter brüllen - Künstler von Paul McCarthy über John Bock bis Jonathan Meese haben das ganz Vokabular pubertärer Verhaltensweisen kunstfähig gemacht. Nun hat der Schweizer Olaf Breuning eine alte Erwachsenenregel verletzt: "Mit Essen spielt man nicht." Seine Skulpturengruppe "Eatmes" zeigt kleine Monster aus Croissants, Spiegeleiern und Hamburgern aus Kunststoff. Wir meinen: Gähn! Mit Wurstscheiben hat das Duo Fischli & Weiss vor vielen Jahren schon geistreicher gearbeitet, Breunings Plastiken sind Kindertellerkunst.
PRESSETEXT DES MONATS Aus dem Pressetext zu Hotel California - Desiree Dolron und Thomas Wrede, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, 7.9.-18.11.: "Vom Vergnügungspark ins Martyrium und mit dem Fakir ins Paradies - mit seiner neuen Ausstellung Hotel California schickt das Wallraf seine Besucher auf eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle. Bei der ungewöhnlichen Zusammenführung von Alter und Neuer Kunst treffen frühbarocke Paradiesdarstellungen auf Fotografien von menschenleeren Freizeitparks und spätmittelalterliche Martyrienbilder auf zeitgenössische Dokumente religiöser Ekstase. Die daraus entstehenden Dialoge sind kein leichter Kunstgenuss, sondern polarisieren und provozieren."
EINE ZAHL 40 - 60% aller Kunstwerke sind gefälscht, meinen Experten des Landeskriminalamts Stuttgart. Besonders beliebt bei Fälschern seien Werke von Miró, Chagall, Picasso, Dalí und Dix, von denen es mehrere Variationen gibt. Dem Kunstbetrieb entstehe so jährlich ein Schaden von mehreren Milliarden Euro. Das Graphikmuseum Pablo Picasso Münster zeigt dazu noch bis 18. Januar die Schau "Wahre Lügen".
KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (6)
Sinnkrise, die: [von altgriech. krísis >Entscheidung
