Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 56-61

Die letzten Dinge des Alltags

Von Kristina Raderschad

Minimalismus ist längst zur Leerformel verkommen, und nicht alles, was reduziert ist, ist auch schön. Nun rückt der japanische Designer Naoto Fukasawa die Maßstäbe zurecht: Seine Entwürfe sind klar und elegant, beweisen aber auch Sinn für verspielte Details. Lange nur in Japan bekannt, wird das Werk des 51-Jährigen nun in Europa entdeckt

Naoto Fukasawa gestaltet Dinge, von denen man glaubt, dass sie längst existierten, so selbstverständlich wirkt ihre Form. Möbeln, CD-Playern oder Leuchten aus der Hand des japanischen Designers ist nichts hinzuzufügen, kein überflüssiger Manierismus stört ihre klaren Formen. Fukasawas Entwürfe sind so essentiell wie schön - und damit die moderne Interpretation des Minimalismus, der tief in der japanischen Kultur verankert ist.

2005 war ein wichtiges Jahr in der Karriere des Naoto Fukasawa. Damals gelang dem bis dato vor allem in Japan bekannten Designer von bestechend klaren, minimalistischen Elektrogeräten und Alltagsgegenständen, Fernsehern und Mobiltelefonen, Uhren und Taschen, Lampen und Möbeln endlich der internationale Durchbruch:

Anlässlich der Möbelmesse in Mailand, dem jährlich stattfindenden wichtigsten Treffen der Einrichtungsbranche, lancierten gleich mehrere namhafte Möbelhersteller Entwürfe des 1956 geborenen Japaners. Die italienische Firma "Magis" etwa hatte Fukasawas Hockerserie "Déjà-Vu" in ihre Kollektion aufgenommen - zwischen Entwürfen von etablierten Designstars wie Enzo Mari, Ron Arad oder Konstantin Grcic. Ein Ritterschlag für den Japaner, der voller Erwartung den Messestand inspizierte, wie er sich heute, rund zwei Jahre später, beim Gespräch in seinem Tokioter Büro schmunzelnd erinnert. Seine Entwürfe fanden sich dort allerdings nicht im Scheinwerferlicht, son dern in der hintersten Ecke. "Müde Messebesucher ruhten sich darauf aus, sie hatten anscheinend gar nicht verstanden, dass es sich bei den Hockern um brandneue Designstücke handelte", erzählt er. "Da war ich im ersten Moment schon ein bisschen deprimiert." Dabei konnte ihm das Messepublikum eigentlich kein größeres Kompliment machen, als die neuen Stühle gleich so unbekümmert und respektlos zu nutzen. Denn Naoto Fukasawa geht es in seiner Arbeit nicht darum, Dinge zu entwerfen, die auf Podesten und in Vitrinen präsentiert um Aufmerksamkeit heischen. Ihm ist die Beziehung zwischen den Menschen und seinen Objekten wichtig, das selbstverständliche, fast intuitive Benutzen der Gegenstände im Alltag.

"Design Without Thought" nennt er das, selbsterklärendes Design, "das den Körper unbewusst anspricht - ohne den Kopf, den ästhetischen Sinn zu vernachlässigen." Was etwa im Falle seines berühmten wandmontierten CD-Players für "Muji", dessen Gehäuse gleichzeitig als Lautsprecher dient und der mit einem einfachen Zug am Stromkabel angeschaltet wird, einfach und fast spielerisch anmutet, ist dabei das Ergebnis gewissenhafter Entwicklung bis ins kleinste Detail. Wie konnte das Gerät ohne eine einzige sichtbare Taste auskommen, ohne an Funktionalität zu verlieren? Wie musste das Kabel gestaltet sein, damit man intuitiv daran ziehen würde, um die Musik zum Laufen zu bringen? Wie ließ sich die Bewegung der CD im offenen Gehäuse in die Ästhetik des Produkts integrieren? "Die Idee basiert auf dem Entwurfsprinzip eines altmodischen Küchenventilators. Zieht man an der kleinen Verdickung des Kabels, ertönt das charakteristische Klicken und die CD setzt sich langsam in Bewegung.

Wie die Rotorblätter eines Ventilators dreht sie sich schneller und schneller.

Hat sie eine gewisse Geschwindigkeit erreicht, erklingt die Musik", erklärt Fukasawa.

Was als Designstudie im Rahmen eines Workshops begann, wurde 1999 zum Bestseller bei "Muji". Der Inhaber der japanischen Ladenkette, die minimalistisches, anonymes Alltagsdesign vom Kugelschreiber bis zum Fahrrad verkauft, nahm den puristischen CDPlayer in sein Sortiment auf, und die Kundschaft scharte sich darum. "Die Leute hatten riesigen Spaß daran, das Gerät auszuprobieren und die Bewegung der CD zu beobachten", erzählt Fukasawa. "und ließen so lange nicht locker, bis sie auch den Lautstärkeregler sowie die Vor- und Rückspieltaste an der Oberseite des Gehäuses entdeckt hatten." Dass ein Produkt ausgerechnet bei einer Firma, zu deren Grundidee es gehört, den Designer hinter der Marke verschwinden zu lassen, zur Designikone wird, ist erstaunlich. Das Gerät war ein Meilenstein in der Entwicklung Fukasawas vom Designer namenloser elektronischer Geräte für Großkonzerne wie Seiko Epson zum Autorendesigner, der zur "Art Basel" in diesem Jahr eine limitierte Serie von Sitzskulpturen aus massivem Acrylglas oder Marmor zur exklusiven Neuauflage der Vitra- Edition präsentierte.

Neun Jahre lang hatte Fukasawa nach dem Abschluss des Studiums in der Designabteilung von Seiko Uhren und Mikroelektronik entworfen, bis er 1989 ins Büro "ID Two", dem Vorläufer des bekannten Designbüros "Ideo" nach San Francisco wechselte. Dort arbeitete er bis Mitte der neunziger Jahre - der Zeit in Kalifornien verdankt er nicht nur sehr gute Kontakte und internationale Erfahrung, sondern auch sein brillantes Englisch, mit dem er im Gespräch seine Ideen pointiert erläutert. Zurück in Tokio, baute Fukasawa das dortige "Ideo"-Büro auf, war nebenbei aber auch schon als Design- Consultant für japanische Firmen wie "Muji" tätig.

2003 gründete er schließlich sein eigenes Büro. Im gleichen Jahr rief er auch das Label "Plus Minus Zero" ins Leben, für das er gleich eine ganze Serie Haushaltsgeräte konzipierte. Die Kollektion wurde zum Statement: Ob Taschenrechner, Telefon oder Luftbefeuchter - nicht mehr und nicht weniger als das Wesen eines Produkts schien Naoto Fukasawa mit seinen Entwürfen für die Marke mit dem bezeichnenden Namen zu formulieren.

Der "Plus Minus Zero"-Laden in Aoyama wurde in kürzester Zeit zum Pilgerziel von Fans minimalistischen Designs und gehört zum Besten, was Tokio derzeit in Sachen Produktdesign zu bieten hat. So clean und fast futuristisch die Waren dort anmuten, beziehen sie sich doch immer auf Gegenstände der japanischen Alltagskultur.

Die "Sole Bag" etwa ist eine geräumige weiße Einkaufstasche mit einem Boden aus einer Schuhsohle.

"Von der Grundschule an tragen alle Schüler in Japan die gleichen weißen Stoffschuhe mit Plastiksohle", erzählt Fukasawa. "Die farbige Einfassung signalisiert die jeweilige Schulklasse.

Die Tasche ist eine Erinnerung an die Schulzeit - und hinterlässt Spuren, wo immer sie abgestellt wird." Durch ihren formalen Bezug zu vorhandenen Alltagsgegenständen erscheinen Fukasawas Entwürfe vertraut und neu zugleich. "Ich gehe in meiner Arbeit immer von dem Bild aus, das wir alle von einem Objekt im Kopf haben", erklärt er. So bringt der Barhocker mit dem vielsagenden Namen "Déjà-Vu" das Bild eines Barhockers auf den Punkt, den jeder schon einmal gesehen hat. Der archetypischen Form gibt Fukasawa mit seinem Design jedoch immer einen neuen, unerwarteten Dreh. Poliertes Aluminium ersetzt bei "Déjà-Vu" das für Barhocker übliche Holz und erhebt so das normale zu einem "supernormalen" Objekt. Mit dem Begriff hatte der japanische Wissenschaftler Takashi Okutani Fukasawas Entwurf kommentiert; der britische Designer Jasper Morrison, ebenfalls bekennender Minimalist, fand ihn so treffend für das, "was Design sein sollte, heute mehr denn je", dass er mit Fukasawa eine gemeinsame Ausstellung zum Thema konzipierte. Im Rahmen von "Super Normal" zeigten Fukasawa und Morrison im vergangenen Jahr in Tokio und London, im April 2007 dann in der Mailänder Triennale anhand von rund 200 Alltagsgegenständen, wie schön schlichtes Design sein kann.

Eigene Entwürfe mischen die beiden dabei unerkannt unter anonymes Alltagsdesign wie Weingläser, Flaschenöffner oder Kunststoffschüsseln.

Auch in den ganz in Weiß gehaltenen Räumlichkeiten von Fukasawas Büro im Herzen Tokios entdeckt man dessen eigene Entwürfe erst auf den zweiten Blick: Zwischen ordentlich aufgereihten Buchrücken steht dort ganz unauffällig die geradlinige graue "Plus Minus Zero"-Stereoanlage, in der Ecke der kugelige Luftbefeuchter, wie ein Ball, den jemand zufällig dort liegen gelassen hat. Und auf dem Schreibtisch des Meisters, der gerade als einer der Design-Direktoren die nächste Ausstellung in Tokios neuem Designzentrum "21_21 Design Sight" vorbereitet und nebenbei seinen emsigen Mitarbeitern mit leiser Stimme Anweisungen erteilt, scheint sich das himmelblaue schnurlose Telefon vor seinem Gestalter zu verneigen - fast so, als wüsste es, dass es Japans bedeutendsten zeitgenössischen Designer vor sich hat.

Literatur: Naoto Fukasawa: Phaidon Verlag, in Englisch, 69,95 Euro

Portabler LCD-Fernseher für "Plus minus Zero" (2003) mit extralangem Kabel

Taschenrechner für "Plus minus Zero" (2006)

Produkte von Naoto Fukasawa, von links: Vase, Toaster, Handy, Safttüte, Taschenrechner, Teekanne, Wasserkocher, Luftbefeuchter, Kaffeemaschine

LED-Armbanduhr, 2001 entworfen für "Ideo"

Spiel mit der Farbpalette:

Handyentwurf von 2003

Abspielgerät für DVD und Minidisc, mit Lautsprecher und Fernbedienung (2003)

Müde Messebesucher bewunderten seine Entwürfe einer neuen Hockerserie nicht, sondern ruhten sich darauf aus

Das erfolgreichste Produkt Fukasawas:

Wand-CD-Spieler für "Muji" (1999)

Naoto Fukasawa in seinem Design studio in Tokio, rechts oben der CDSpieler für "Muji" (Foto: Christian Schaulin)

facilis autpatum digna facil ut iustrud modiatum aut Einkaufstaschen mit Schuhsohle zum Abstellen:

"Sole Bag" (2004)

Fast futuristisch - doch seine Entwürfe beziehen sich immer auf Gegenstände der japanischen Alltagskultur