Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 52-55
Das zweite Ich des Martin Eder
Von Barbara Hein
Der Maler Martin Eder hat Lolitas, Nymphen und Kätzchen mit großem Erfolg kunstfähig gemacht. Sein Alter Ego, den Sänger Richard Ruin, inszeniert er als Dandy und Abenteurer der Nacht. art-Redakteurin Barbara Hein ist ihm in die Dunkelheit gefolgt
Berlin-Mitte, Torstraße, zweiter Hinterhof. Milchiger Laternenschein auf Kopfsteinpfl aster. Vor dem Eingang ein Maserati. Schummerlicht im Treppenhaus, im ersten Stock eine Eisentür und eine Klingel ohne Namensschild.
Ein großer blonder Mann mit Pomade im Haar öffnet. Martin Eder - heute Abend in seiner Rolle als Richard Ruin - trägt ein rot-schwarz gestreiftes Hemd, drei Knöpfe offen, schwarze Jeans, roten Ledergürtel, schwarzes Samtjackett und einen Samtschal mit Spinnennetzmuster. Er hat sein neues Loft - ungefähr 380 Quadratmeter, schwarzer Holzfußboden, nackter Backstein - gerade erst bezogen. Etwas weiter hinten ist ein großes Podest, darauf frei im Raum: Wanne, Dusche, Toilette, Spiegelwand. Auf die Frage, was er hier mache, grinst er. Ist doch klar, was man in einem Bad macht.
Die Preise für Martin Eders Aquarelle und Ölbilder haben sich in den letzten fünf Jahren vervielfacht, die Bilder sind ausverkauft, noch bevor das Papier gewässert oder die Leinwand gespannt ist. Manchmal wird er zur "Leipziger Schule" gezählt, was daran liegen mag, dass Eder von "Eigen + Art" vertreten wird, also von Gerd Harry Lybke, dem Ziehvater von Leipziger Legenden wie Neo Rauch oder Matthias Weischer und einem der umtriebigsten Galeristen zur Zeit.
Eder kommt aus Bayern, genau gesagt aus Batzenhofen an der Schmutter, einem 1000-Seelen-Nest in der Nähe von Augsburg, wo er 1968 geboren wurde. Man hört es noch leicht an der Melodie seiner Sätze. Sein Vater war Anzeigenverkäufer bei der Lokalzeitung, die Mutter technische Zeichnerin, gemeinsam hatten sie eine Schlagerkapelle, mit der sie schützen festtaugliche Schunkelmusik spielten.
Nach dem Schulabschluss studierte Eder Kommunikationsdesign, jobbte in der Werbebranche, stellte fest: "Das ist nix", und studierte Kunst in Nürnberg, Kassel und Dresden. Das Studium finanzierte er sich unter anderem mit einem Job als malender Clown im Swingerclub "St. Tropez" in Burtenbach.
Da habe er den Leuten kleine Bildchen auf die Haut gemalt, erzählt er. Total strange sei das gewesen, aber irgendwie auch lustig, diese Mischung von Separee, Schweiß und Salatbuffet.
Mitgemacht habe er freilich nie. Um Gottes Willen!
Richard Ruin ist sehr höflich. Ob es okay wäre, wenn er mal bei seinem Stammitaliener "Bonfini" in der Münzstraße nachfragte, ob noch ein Tisch frei wäre? Ein kurzes "Hey, Bruno" am Handy und die Plätze sind reserviert.
Der Laden ist in Laufweite, aber Eder besteht darauf, "die Karre" zu nehmen, obwohl er, wie er sagt, kein besonders guter Fahrer sei. Eigentlich sei ihm der Maserati mit seinem ganzen Wurzelholz mittlerweile viel zu protzig. Der Neo habe sich gerade einen Porsche Cayman gekauft, aber so ein Auto sei ihm persönlich jetzt echt zu deutsch.
Eders Durchbruch als Künstler war die "Art Cologne" 2001. Richtig be kannt wurde er 2004 mit Einzelausstellungen im Kunstverein Lingen und bei "Eigen + Art", wo er die Wände schwarz anmalte, weil er findet, dass seine Bilder auf dunklem Grund am besten wirken. Vielleicht ein Versuch, die dunkle Seite seiner Kunst betonen, die den Kitsch aus Kätzchen, Kindfrauen und Hundewelpen überhaupt erträglich macht. Jedes der Motive für sich genommen ist nämlich ziemlich flach, erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre abgründige Wirkung. Softporno- Grazien laden Welpen und Kätzchen sexuell auf, umgekehrt verleihen Tierbabys Lolitas den nötigen Hauch heuchlerischer Unschuld am Rande der Legalität. Alles in allem eine explosive Mixtur, die mit den ursprünglichsten Instinkten spielt. Manchmal überspannt Eder den Bogen aber auch:
Eine vollbusige Nackte, die vor zwei riesigen Perserkatzenbabys kniet, ist grotesk. Zu allem Überfluss heißt das Bild auch noch "The Birdwatchers".
Diese Ästhetik ist so schwülstig wie Herrenparfüm - ein Hauch ist schön, ein bisschen mehr macht Migräne.
Als Richard Ruin benutzt Eder einen intensiven Duft: schwer, süßlich, teuer. Selbst zwischen Pasta und vielen Zigaretten ist er noch wahrzunehmen.
Wenn er spricht, beugt er sich über den Tisch und schnickt seinen Spinnenschal über die Schulter, damit der nicht ins Essen fällt. Er spricht viel - über sich und seine Arbeit.
Musik hat er schon immer gemacht und gemocht: Morrissey, Nick Cave, Bach, Billie Holiday. Seine Bilder findet er so überreizt, dass es ihm völlig unverständlich ist, wie sie bei manchen Leuten bloß als niedlich ankommen.
Ihm erschienen die Miezen manchmal fast schon wie kleine Monster.
Süß und gruselig liegen bei ihm verdammt nah beieinander.
Das spiegelt sich auch in den Liedern, die Richard Ruin mit überspanntem Timbre aufnimmt und performt.
Sie haben Titel wie "Misfortunate", "Lacrima" oder "The Scariest Thing", handeln von Sehnsucht, Verzweifl ung und Weltuntergang. Dabei ist der Sänger eigentlich ein ganz schön kerniger Bursche, dem man auf den ersten Blick solch eine innere Zerrissenheit gar nicht anmerkt. Im Gegenteil:
Er ist lustig, lebhaft, aufmerksam.
Bei ihm wirkt selbst die Geschichte von einem Drogenexzess mit Herzstillstand eher wie eine hübsche Anekdote als wie ein erlebter Grenzgang.
Es ist bereits weit nach Mitternacht, als er vorschlägt, noch Karaoke singen zu gehen. Wir bringen den Maserati zurück in die Torstraße und nehmen ein Taxi in den Wedding.
Hier seien überall Bordelle, erzählt Ruin auf dem Rücksitz. Draußen rauschen die dunklen Häuserblocks vorbei, in manchen Eingängen blinken rote Plastikherzen. ir landen in einer koreanischen Bar. Sie ist leer, nur im Hinterzimmer ist ein kleines Podest. Eine Gruppe von jungen Asiaten schmettert Schnulzen. Eder trinkt Campari-O und raucht Kette.
Dann geht er auf die Bühne. Er hat sich für Morris Albert entschieden.
Hingebungsvoll formt er Worte und Töne: "Feelings, nothing more than feelings ..." Als er fertig ist, klatschen alle, und er verbeugt sich tief. Es ist nicht zu übersehen, dass er die Bühne liebt, den Auftritt, die große Geste, mit der Ruin singt und Eder malt.
Wirken die Ölbilder geplant, se hen die Aquarelle aus wie mit einer Handbewegung hingeworfen. Die Eder-Faszination besteht auch darin, dass er sich jeglicher Kopflast zu verwehren scheint, denn Kätzchen und Mädchen funktionieren auch jenseits aller Brüche ganz simpel nach dem Kindchenschema.
Wer nicht will, muss hier nicht nach verschlüsselten Botschaften suchen.
Wer allerdings Lust hat, weiter zu denken, landet bald bei Begriffen wie Dekadenz, Reizüberflutung, Abstumpfung.
Alles Themen, die heute fast wieder so virulent erscheinen wie vor rund 100 Jahren, als schon einmal das Kippen, das Neigen, das Vergehen als Ausdruck für ein zu Ende gehendes Zeitalter gesehen wurden.
Zurück im Atelier, mixt Ruin den eben noch an der Tankstelle gekauften Gin mit Tonicwater. Er freue sich darauf, endlich hier in den neuen Räumen zu arbeiten. Er habe auch Lust, noch das Erdgeschoss zu mieten und dort einen gepflegten Club zu eröffnen oder nur einen Proberaum für seine Band.
Auf den schöpferischen Akt komme es an. Eigentlich sei es doch egal, ob man male, singe oder koche.
Galerie: Eigen + Art, Berlin. Tel. (0 30) 2 80 66 05, www.eigen-art.com
Pomade im Haar, Stahl im Blick: Martin Eder liebt große Auftritte
Die Nacht mit Eder beginnt beim Italiener und endet beim Karaoke-Singen
Süße Monsterkätzchen lauern auf Lolita: "The Birdwatchers" (2006, 180 x 240 cm)
Eders Ästhetik ist so schwülstig und schwer wie Herrenparfüm - ein Hauch ist schön, ein bisschen mehr macht Migräne
Katzen, Mädchen, Retro-Pop Für art-Leser: zwei ungewöhnliche Künstler-Kalender 2008
Die erste Ausgabe einer neuen Kalenderreihe, in der art und der DuMont Verlag exklusiv zeitgenössische Künstler präsentieren: "Martin Eder - Watercolours 2008" mit Reproduktionen von 13 Aquarellen wurde vom Maler selbst gestaltet.
Kultprodukt, wieder aufgelegt: der erste DuMont-Art-Kalender von 1970 mit zwölf Werken von Josef Albers, Jan Voss, Günter Fruhtrunk, Eduardo Paolozzi, Robert Indiana, Tom Wesselmann, Georg Karl Pfahler, Claes Oldenburg, Allen Jones, Nicholas Krushenick, Roy Lichtenstein und Victor Vasarely.
Spiralbindung, 68,5 x 49,5 cm, 89 Euro, Bestellung online: www.artmagazin. de/eder
Spiralbindung, 68,5 x 49,5 cm, 68 Euro, Bestellung online: www.artmagazin. de/popart
