Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 44-51
Die große Einfachheit
Von Petra Bosetti
Sie reduzierte ihre Malerei aufs Wesentliche und überwand so den Naturalismus. Der Tod von Paula Modersohn-Becker jährt sich zum 100. Mal, üppige Ausstellungen ehren die Künstlerin
Zwei junge Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, Otto Modersohn (1865 bis 1943) und Fritz Mackensen (1866 bis 1953), hatten genug von staubigen Schulräumen und dem ewigen "Köpfezeichnen", wie Modersohn es nannte.
Bei ihm musste "das tiefe poetische Gefühl für die Natur alles überragen, um dessen willen ich male". Beide spürten, dass sie sich im akademischen Lehrbetrieb nicht verwirklichen konnten.
Düsseldorf sei "äußerlich, nobel, kokett", vertraute Modersohn seinem Tagebuch an, das "entsetzliche Gewühl" dort war nichts für den Naturburschen aus Westfalen. Wie seine französischen Vorbilder der Schule von Barbizon - etwa Charles-François Daubigny, Camille Corot und Théodore Rousseau - zog es ihn, wann immer er konnte, in die heimatliche Landschaft. Er suchte ein "stilles, ruhiges, tiefes inniges Leben".
Fritz Mackensen, der seinen Sommerurlaub in Worpswede verbrachte, einem kleinen, unberührten Dorf am Rande des Teufelsmoors nördlich von Bremen, lud den Kommilitonen zu sich ein. 1889 ließen die beiden sich in Worpswede nieder, weitere Großstadtmüde folgten, so die Maler Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck und Clara Westhoff sowie deren späterer Mann, der Dichter Rainer Maria Rilke. Eine Künstlerkolonie, die noch heute existiert, war entstanden.
1898 gesellte sich die 22-jährige Malerin Paula Becker dazu. Die gebürtige Dresdnerin, die für kurze Zeit in Bremen, London und Berlin Kunst studiert hatte, fühlte ähnlich wie die abtrünnigen Akademiestudenten. Hier fand sie Verständnis unter Gleichgesinnten - und die große Liebe: Am 12.
September 1900 verlobte sich Paula Becker heimlich mit Modersohn, den sie im Jahr darauf heiratete. Sie malte damals Porträts und vom Impressionismus geprägte Studien der Worpsweder Moor- und Birkenlandschaft.
Aber schon in diesen Bildern sind Ansätze zu einem reduzierten Aufbau zu erkennen, zum Abschied von der Raumillusion, der ihre späteren Werke prägt.
Anders als ihre männlichen Kollegen, die sich hauptsächlich der Landschaftsmalerei verschrieben hatten, wollte Paula Modersohn-Becker den Menschen zum Thema ihrer Kunst machen. Sie suchte nach Wegen, das Wesentliche der Personen herauszuarbeiten, frei von überflüssigem Beiwerk.
Während die Männer sich an Natureindrücken und deren schwelgerischer Darstellung berauschten, an stimmungsvollen Sonnenuntergängen, dem klaren Licht und den fliehenden Wolken über dem Teufelsmoor, strebte sie eher nach dem Gegenteil:
" der Form ist etwas Wunderbares", vertraute sie dem Tagebuch an, das sie zeit ihres Lebens geführt hat.
Paula Modersohn-Becker erkannte, dass sie diese "große Einfachheit" in Worpswede nicht finden würde, und beschloss, die entscheidenden Impulse in der Kunstmetropole Paris zu suchen. 1900 reiste sie zum ersten Mal an die Seine; bis 1907 folgten drei weitere Aufenthalte. Anfangs hatte sie "einen Horror vor der großen Stadt", war dann aber, so der Kunsthistoriker Rainer Stamm, "berauscht von den Möglichkeiten und Sinneseindrücken", von der Atmosphäre, die so ganz anders war "als in der norddeutschen Künstlerkolonie im Teufelsmoor", und geriet in "Champagnerlaune".
Das Außergewöhnliche, das Unakademische, fand sie zunächst beim Außenseiter Vincent van Gogh. In einer Ausstellung von Paul Gauguin lernte sie dann, dass die "Einfachheit der Form" durch große, ruhige Farbflächen erzielt werden konnte und durch Vermeiden der perspektivischen Darstellung. Ein weiteres Schlüsselerlebnis wurde eine Ausstellung im Auktions haus Drouot, die sie gemeinsam mit dem befreundeten Ehepaar Clara und Rainer Maria Rilke besuchte und in der sie ersten Kontakt zu außereuropäischer Kunst bekam - die dort gezeigte Sammlung Hayashi umfasste Kunstgewerbe und Malerei aus China und Japan.
"Mich packte die große Merkwürdigkeit dieser Dinge", schrieb die Malerin in ihr Tagebuch: "Mir scheint unsere Kunst noch viel zu konventionell.
Sie drückt sehr mangelhaft jene Regungen aus, die unser Inneres durchziehen. Das scheint mir in der altjapanischen Kunst mehr gelöst. Der Ausdruck des Nächtlichen, des Grauenhaften, des Lieblichen, Weiblichen, des Koketten, alles dies scheint mir auf eine kindlichere, treffendere Weise gelöst zu sein, als wir es tun würden." Und sie formulierte in schlichter, eindringlicher Form den Satz, der ihr Credo wurde: "Auf das Hauptsächliche das Gewicht legen!" Die bedeutendste Anregung aber bekam sie im Louvre: 1903 entdeckte sie in einem abgelegenen Saal ägyptische Mumienporträts. Diese realistischen Bildnisse waren entstanden, weil nach ägyptischem Glauben nur dann das ewige Leben gesichert war, wenn der Tote nicht in Vergessenheit geriet.
Deshalb wurden die Porträts schon zu Lebzeiten angefertigt. "Nicht wir, die Besucher, betrachten ungeniert die fremden Gesichter, sondern wir fühlen uns unversehens von ihnen gemustert, gewogen - und gelegentlich zu leicht befunden", schreibt die Schriftstellerin Eva Demski (art 2/1999) über die Bilder aus dem 1. bis 4. Jahrhundert nach Christus, die in der Oase Fayum gefunden worden waren.
Besonders die Augen - "sehr ruhig, nicht immer gerade auf den Betrachter gerichtet, sondern oft an ihm vorbei in Gegenden, die wir noch nicht sehen können" (Demski) - müssen es Paula Modersohn-Becker angetan haben. Die "Einfachheit der Natur" könne sie "an den Köpfen der Antike lernen", notierte sie 1903. "Wie sind sie groß und einfach gesehen.
Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel." Die Begegnung mit der Antike wirkte auch daheim im ländlichen Worpswede nach. Der oft melancholische Gesichtsausdruck, der eigentümlich entrückte, aber auch äußerst suggestive Blick kehrte nun in ihre Bilder ein, vor allem in ihre Selbstporträts.
Sie reduzierte die Züge auf strenge, karge Formen, modellierte ihre Motive aus ruhigen, wiewohl pastosen Farbflächen und verlieh ihren Bildern so eine große Kraft und Monumentalität.
Vor allem die Bauern des Dorfes und deren Kinder wurden zu ihren bevorzugten Modellen. Modersohn- Becker war nicht daran gelegen, das ländliche Leben im Stil der Genremalerei zu idealisieren. Sie malte das Wesentliche dieser kantigen, von harter Arbeit in der rauen Landschaft gezeichneten Menschen, gab ihnen Würde und Eigenart. Denn sie verlor nie das Individuum aus den Augen; ihre Bilder sind bei aller Kraft und innerer Größe zugleich empfindsame menschliche Charakterstudien.
Vor allem das Motiv Mutter und Kind, das am ehesten zu poetischer Verklärung verführen könnte, bekam in Paula Modersohn-Beckers Malerei eine ganz eigene Qualität. Eine Mutter im Bild von 1906, die ihren Säugling stillt, hat ausladende Hüften, riesige Brüste, kräftige Arme und Beine - und doch ist die Szene voller Innigkeit und Intimität. Mit dieser Haltung stand die Künstlerin in krassem Gegensatz zu ihrem Kollegen und früheren Lehrmeister Fritz Mackensen: "Die Art, wie Mackensen die Leute hier auffasst, ist mir nicht groß genug, zu genrehaft", notierte sie 1902: "Wer es könnte, müsste sie mit Runenschrift schreiben." Rund 750 Gemälde und 1000 Zeichnungen hat sie hinterlassen, dazu unzählige Tagebuchseiten und Briefe - Früchte eines langen, erfüllten Leben, sollte man meinen. Aber Paula Modersohn- Becker wurde nur 31 Jahre alt.
Am 2. November 1907 gebar sie nach schwersten Komplikationen die Tochter Mathilde. Schmerzen in den Beinen wurden fälschlich als Nervenleiden diagnostiziert, in Wirklichkeit erlitt sie eine Embolie. Ihre letzten Wor te waren am 20. November: "Wie schade!" "Die Ergebnisse ihres Tastens und Suchens nach dem 'großen Einfachen' in der Kunst", so Rainer Stamm, hatte die Malerin "weitgehend vor neugierigen Blicken verborgen gehalten". Erst mit der Sichtung des Nachlasses kam die Bedeutung ihres Lebenswerks zum Vorschein.
Ausstellungen: Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900 - Von Cézanne bis Picasso. Kunsthalle Bremen, 13. Oktober bis 24.
Februar 2008. www.kunsthalle-bremen.de Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienporträts. Paula-Modersohn-Becker- Museum Bremen, 13. Oktober bis 24. Februar 2008. www.pmbm.de Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn - Ein Künstlerpaar um 1900. Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, 13. Oktober bis 24.
Februar 2008. www.landesmuseum-hannover. niedersachsen.de Paula Modersohn-Becker - Leben! Worpsweder Kunsthalle Kunststiftung Friedrich Netzel, bis 24. Februar 2008. www.worpsweder-kunsthalle.de Hommage à Paula Modersohn-Becker. Frauenmuseum Bonn, 2. Dezember bis 28. Februar 2008. www.frauenmuseum.de
Eine kurze Lebensgeschichte Buchveröffentlichungen zum 100. Todestag von Modersohn-Becker Auf die Nähe der jung Gestorbenen zu den Größen der Kunst am Anfang des 20. Jahrhunderts geht Christa Murken in ihrer Monografie ein, die erstmals 1980 erschienen ist und jetzt überarbeitet und aktualisiert vorliegt.
Die Kunsthistorikerin skizziert Lebensumstände und geistiges Klima, erörtert fasslich die einzelnen Werkgruppen, deutet behutsam den Symbolgehalt der ausdruckskräftigen Bildsprache Paula Modersohn-Beckers.
Christa Murken: Paula Modersohn-Becker.
Leben und Werk. DuMont Literatur und Kunst Verlag. 149 S., 110 Abb., 24,90 Euro Die Historikerin Barbara Beuys bietet als Recherche-Profieine Fülle von Fakten auf und breitet vor dem Hintergrund von historischen, soziologischen und familiären Zusammenhängen die kurze Lebensgeschichte der Malerin mit Sympathie aus.
Barbara Beuys: Paula Modersohn-Becker. Oder:
Wenn die Kunst das Leben ist. Carl Hanser Verlag.
344 S., 28 Abb., 24,90 Euro Rainer Stamm, Direktor des Paula-Modersohn- Becker-Museums, legt eine Biografie der Künstlerin vor. Sein Buch kommt mit handlichem Kleinformat aus, weil der Autor aus gutem Grund nicht noch einen weiteren Bildband, sondern die Kraft des Wortes im Sinne hatte.
Rainer Stamm: Ein kurzes intensives Fest.
Reclam Verlag. 260 S., 32 Abb.,19,90 Euro Wie Paula Modersohn-Becker durch die Mumienporträts angeregt wurde, ist ebenso wie die Herkunft und Bedeutung dieser Sargbilder anschaulich im Katalog zur Ausstellung im Bremer Modersohn-Becker- Museum beschrieben.
Rainer Stamm (Hrsg.): Paula Modersohn- Becker und die ägyptischen Mumienporträts.
Hirmer Verlag. 200 S., 90 Abb., 34,90 Euro Das Katalogbuch zur Ausstellung in der Bremer Kunsthalle untersucht die alles entscheidenden Aufenthalte in Paris, vor allem Einflüsse der Großen der Moderne auf die junge Künstlerin.
Anne Buschhoff, Wulf Herzogenrath (Hrsg.):
Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900. Hirmer Verlag. 300 S., 100 Abb., 39,90 Euro Beiträge zeitgenössischer Künstler zu Paula Modersohn-Becker - vom Gedicht über das Theaterstück bis zur Fotografie - vereint ein Bilder- und Lesebuch.
Wulf Herzogenrath (Hrsg.): Paula Modersohn- Becker heute. Hirmer Verlag. 128 S., 64 Abb., 9,90 Euro
In ihrem Worpsweder Garten: Paula Modersohn- Becker und ihr Mann Otto Modersohn
"Selbstbildnis, frontal" (25 x 27 cm), Gouache aus dem Jahr 1897
Während die Männer in der Natur schwelgten, suchte die junge Malerin nach Klarheit
"Alte Armenhäuslerin im Garten" (96 x 80 cm), Öltemperabild von 1907
Den "Kinderakt mit Storch" (73 x 59 cm) malte Paula Modersohn-Becker 1906
Landschaft ohne poetische Verklärung: "Moorgraben" (um 1900/02, 54 x 33 cm)
"Selbstbildnis mit Kamelienzweig" (1906/07, 62 x 31 cm), rechts: Mumienporträt einer jungen Frau (120 bis 130 nach Christus, 35 x 16 cm)
Auf den "Horror" vor der Stadt Paris folgten die entscheidenden Impulse: Paula Modersohn- Becker lernte von van Gogh, Gauguin und Mumienporträts
"Selbstbildnis nach halblinks, die Hand am Kinn" (1906, 29 x 20 cm)
Vom Bildband bis zum Lesebuch:
Neuerscheinungen über die Malerin
Innig und intim: "Kniende Mutter mit Kind an der Brust" (1906, 113 x 74 cm)
Kantige Menschen, von Arbeit und rauer Landschaft geprägt, wurden ihre liebsten Modelle
