Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 121

Inszenierung einer Leerstelle

Von Susanne Altmann

Architektur: Das Besucherzentrum "Arche Nebra"

Schwerelos scheint die langgestreckte golden glänzen de "Arche Nebra" über dem Hang des Unstruttals zu schweben: Das von den Zürcher Architekten Barbara Holzer und Tristan Kobler entworfene Besucherzentrum bietet einen verblüffenden Anblick in den waldigen Hügeln nahe der Kleinstadt Nebra in Sachsen-Anhalt, dem Fundort der berühmten bronzezeitlichen Himmelsscheibe.

Sein dominierendes Obergeschoss mit der eloxierten Aluminiumverkleidung wird durch die transparente Eingangshalle gleichsam vom Boden abgehoben.

Ein Sockelgeschoss, in dem Büroräume liegen, trägt wie ein schlichtes Fundament die beiden oberen Stockwerke Schiffsform und Name des Gebäudes verweisen auf jene Barke, die auf der Himmelsscheibe am Rande des vorgeschichtlichen Kosmos anlegt, neben Sonne, Mondsichel und Plejaden. Überhaupt spielen der Himmel und sein Licht eine entscheidende Rolle in der Konzeption der Architekten. So spiegeln sich in den großflächigen Stirnfenstern der Ausstellungsetage die Wolken, in die rundum verglaste Eingangszone fällt das Licht von allen Seiten, und auch das Treppenhaus hat seinen Lichtschacht.

Im Eingangsbereich mit Foyer und Café dominieren Grau- und Weißtöne, unterbrochen von einigen orangefarbenen Akzenten, die sich oben in den Schauräumen gezielt fortsetzen. Wie aus einer Kanzel blicken die Besucher von dort ins Land und sehen etwa einen Kilometer entfernt einen Aussichtsturm. Der gehört mit zum Ensemble und markiert den eigentlichen Fundort des berühmten Objekts, das 1999 von Raubgräbern entdeckt wurde.

Mit dem leicht geneigten Turm auf dem Mittelberg ist Holzer und Kobler eine überzeugende Synthese zwischen Funktionsarchitektur und Skulptur geglückt. Ein Schlitz teilt den 30 Meter hohen Betonbau, der auch als gewaltige Sonnenuhr funktioniert, entlang dem leuchtend gelben Treppenaufstieg in zwei Teile. Von der Aussichtsplattform schaut man direkt auf Kyffhäuser und Brocken, die unseren Vorfahren schon vor 3600 Jahren zur astronomischen Orientierung dienten. Natürlich fällt der Blick auch auf die im Tal liegende Arche, die eine Kameraschaltung live mit dem Turm verbindet.

Diese Koppelung gehört zum multimedialen Ausstellungskonzept des Besucherzentrums, das ebenfalls vom Team Holzer/Kobler ersonnen wurde. Dabei war das Problem der "großen Abwesenden", wie Tristan Kobler es verschmitzt nennt, wohl die größte Herausforderung: Hier wird nur der Fundort inszeniert; die Himmelsscheibe selbst soll zwar ab 2008 öffentlich gezeigt werden, aber im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Diesen Umstand sucht eine verspielt-elegante Aufführung im zentralen Ausstellungsraum zu vertuschen.

Dort erzählen dreidimensionale Repliken von Himmelskörpern, elektronische Bilder, Schrifttafeln, Comics und sogar ein Kasperletheater die Geschichte der Bronzezeit und des spektakulären Fundes. Dass die eigentliche Hauptattraktion fehlt, ist bei so viel profunder Unterhaltung dann doch rasch vergessen.

Internet: www.himmelsscheibe-erleben.de

Weitere Bilder: www.art-magazin.de

Langgestreckt und goldglänzend: das Besucherzentrum "Arche Nebra" im Unstruttal, entworfen von Barbara Holzer und Tristan Kobler

Barbara Holzer, 41, und Tristan Kobler, 46, betreiben seit 2004 ein gemeinsames Büro in Zürich. Sie haben sich auf Ausstellungsarchitekturen spezialisiert und arbeiten derzeit an dem Erlebniszentrum Base Camp Gottardo am Sankt-Gotthard-Pass, das 2009 fertig sein soll. Für Dresden entwarfen sie die Präsentation im Deutschen Militärhistorischen Museum, das mit einem Erweiterungsbau von Daniel Libeskind Ende 2010 eröffnet wird. Mit dem Besucherzentrum in Nebra haben die beiden erstmals Architektur und Szenografie innerhalb eines Projekts verbunden.

Skulptur und Architektur: Turm am Fundort der Himmelsscheibe