Ausgabe: 10 / 2007

Buergel und die Butterfahrer

Bildungsreisen: Studiosus klagt gegen die Documenta-Leitung

Sie drängeln sich an Warteschlangen vorbei ins Museum, verstopfen dort die Säle und zwingen andere Besucher, den lauten Ausführungen ihrer Führer zu lauschen. Reisegruppen sind bei Kunstfreunden nicht beliebt, doch alle Ausstellungsmacher sind heilfroh, wenn sie kommen. Alle bis auf einen: Die Documenta ließ dieses Jahr organisierte Kulturtouristen die ganze Arroganz elitären Denkens spüren. Als "Butterfahrten" diffamierte Kurator Roger M. Buergel die Gruppenreisen, und Documenta- Geschäftsführer Bernd Leifeld erklärte, man wolle keine "schreienden Horden von 100 Mann" in der Ausstellung haben, deren Führer eventuell laut verkünde, "wie sch... er die Documenta findet". Auslöser dieser Attacken ist eine Klage des Münchner Bildungsreisen- Veranstalters Studiosus gegen die Regelung, in Kassel keine Führungen durch kommerzielle Anbieter zuzulassen.

Förmlich begründet wurde diese Praxis mit den strengen Maßstäben Buergels, der Kunstvermittlung als Kernanliegen der Schau ausgerufen hatte. Im Ablehnungsschreiben heißt es dazu verschwurbelt: Der Wissenstransfer, den die Documenta beabsichtige, müsse "die autorisierten Sprecherpositionen problematisieren, durch die sich übliche Führungen strukturieren". Externe Vermittler, "die konventionelle Vorstellungen von 'Führung' pflegen", würden "unserem Anspruch" einfach nicht genügen.

Nun liegt in München eine E-Mail vor, in der sich die Documenta- Macher nach Beschwerden von Studiosus-Kunden für die dürftige Qualität ihrer eigenen Guides entschuldigt haben.

Doch bei dem Prozess geht es nicht in erster Linie um das Niveau der hauseigenen Erklärer.

Dieter Lohn eis von der Studiosus-Leitung führt die Auseinandersetzung mit voller Rückendeckung des Deutschen Rei severbands vielmehr als Musterprozess um freie Berufsausübung.

Hilfreich für Studiosus dürfte sein, dass die Documenta mit ihrem Alleinvertretungsanspruch offenbar keine Verbündeten hat. Zwar behauptet Leifeld, andere Institutionen wie der Prado in Madrid oder die Berliner Neue Nationalgalerie mit ihrer erfolgreichen Franzosen- Ausstellung schlössen Fremdführer ebenfalls aus. Auf Nachfrage erweist sich aber das Gegenteil:

Kommerzielle Anbieter sind willkommen, müssen lediglich Zeitfenster res pek tie ren und Lizenzgebühren zahlen, die zwischen 15 und 40 Euro pro Führung liegen.

In vielen Museen herrscht Unmut über die Kasseler Kollegen. Die Freunde der Hamburger Kunsthalle etwa waren brüskiert, als sie nicht von einem Kurator des Museums durch die Weltkunstschau geführt werden durften, sondern mit einer studentischen Zeitkraft vorlieb nehmen mussten. Niveau, das hat die Documenta ja auch inhaltlich gezeigt, ist eben Ansichtssache.

Kunstvermittlung: Eine Documenta-Führerin erklärt Besuchern im Kasseler Fridericianum die raumsprengende Skulptur der Brasilianerin Iole de Freitas

Studiosus-Mann Dieter Lohneis

TILL BRIEGLEB

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