Ausgabe: 10 / 2007

Goldjunge und Schmuckstück

GLOSSE

Manch mal trügt der Schein, meist trügt er nicht. Zu den Premieren der Salz burger Festspiele schreiten im Blitzlicht durchschnittlich aussehende Herren mit viel Gold in der Tasche mit überdurchschnittlich aussehenden Damen am Arm. So läuft das Lustspiel, das sich im Städtchen an der Salzach Jahr für Jahr so sicher wiederholt, wie es über den Domplatz gru selig "Jedermann" hallt. Die berühmte Geschichte des armen reichen Mannes, sie hält dem Publikum jeden Sommer den Spiegel vor.

Gleich neben dem Dom, auf dem Kapitelplatz, ist ein neues Spiegelbild errichtet worden, eines, das ganzjährig wirken soll: Breitbeinig, die Arme locker an den Seiten herunterhängend, als sollten gleich die Pistolen zum Showdown gezückt werden, steht einer der üblichen unscheinbaren Männer des Bildhauers Stephan Balkenhol putzig winzig auf einer goldfarbenen Kugel von fünf Metern Durchmesser. Endlich ein Denkmal für den kleinen Mann in der Stadt von Mozart und Fürsterzbischöfen, jubelte die "Salzburg-Foundation", die den wachsenden Skulpturengarten organisiert. Klingt gut - aber welcher "kleine Mann" darf schon eine Goldkugel sein Eigen nennen? Und wo ist seine Buhlschaft? Nein, es ist nicht die spätbarocke Marienstatue, die nebenan auf dem Domplatz ihren Fuß auf eine kleine Weltkugel setzt. Das weibliche Pendant des Aufstei gers schmachtet an weit weniger prominenter Stelle - weit über Augenhöhe, kaum mehr als halb so groß, in einer Felsnische angebracht, prangt das Figürchen hübsch gemacht in rotem Cocktailkleid über dem Bühnen eingang der Felsenreit schule.

Ein überdurchschnittlicher Dekor eben für einen durchschnittli chen Herrn, den nur eine große goldfarbene Kugel aus der Masse hebt. Das ist Salzburg, wo der Schein nur selten trügt.

"Frau im Fels" und "Sphaera" (beide 2007) von Stephan Balkenhol

ALMUTH SPIEGLER

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