Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 98
Sexy Stützstrümpfe
Von Mirja Rosenau
STUTTGART: JOSEPHINE MECKSEPER
Den schicken Kunstmuseums-Neubau, der mitten in Stuttgarts Haupteinkaufszone liegt, hat Josephine Meckseper zum Kaufhaus umgedeutet. In Vitrinen und an Kleiderständern, vor Spiegelwänden und an Schaufensterpuppen wird ein Verwirrspiel der Symbole inszeniert, das über die Verbandelung von Kunst, Politik, Werbung und Pop aufklärt.
Malerei wird mit Schmuck, Parfums und Protestbildern assoziiert. Den bundesrepublikanischen Kleinbürgermief (Miederwaren, Putzmittel, Stützstrümpfe, Gesundheitsschuhe), den die 1964 bei Bremen geborene Künstlerin mit ihrem Umzug nach New York 1992 hinter sich gelassen hat, setzt sie sexy in Szene. Das RAF-Abzeichen wird auf einem Silbertablett serviert, Meckseper hat die Parteienlogos von CDU und CSU zu Kettenanhängern gegossen und malt Schwarz-Rot-Gold glitter.
Das inszenierte Schillern ist "subversiv" gemeint, vieles soll mit dieser Kunst "untergraben", "hinterfragt" und "bloßgestellt" werden: "Normen" und "festgefahre ne Prinzipien", eine "frauenfeindliche" und "post-kolonialistische Gesellschaftsstruktur", "die Konformität zeitgenössischer Nachrichtenbilder" ebenso wie "amerikanische bürgerliche Ängste". Ihre auf Hochglanz gebrachte Kritik richtet Meckseper gegen Moden, Medien und Kapitalismus, kurz: "unsere rein konsumorientierte Gesellschaft". Dafür wird sie von der anderen Seite wie die verlorene Tochter umarmt - Hugo Boss sponsert, Charles Saatchi kauft, die Medien fei ern die "Zeitgeist-Rebellin" ("Der Spiegel").
Ihre Konzepte findet die Künstlerin in der einschlägigen Medien- und Kapitalismuskritik, bei Paul Virilio, Michael Hardt/Antonio Negri und Jean Baudrillard.
Der machte - wie von Meckseper auf einem Buchumschlag von 1978 angeführt - als Zeichen seiner Zeit einen "Interpretationstaumel" aus, das Schwinden aller festen Bezüge, die "Agonie des Realen", zu der die Künstlerin nun reichlich Anschauungsmaterial liefert. Über 150 Exponate zeigt das Kunstmuseum in Mecksepers erster großer Einzelschau, die einen Überblick über ihr Gesamtwerk gibt, das konzeptuell allerdings weitgehend auf der Stelle tritt. Kraftlos werden die immer gleichen Symbole über vier Etagen hin und her arrangiert, was das aufgeklärte Denken nach kurzem Taumel in die Ermüdung stürzt.
Termin: bis 28. Oktober. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29 Euro, im Buchhandel 35 Euro.
Internet: www.kunstmuseum-stuttgart.de
Mehr Bilder zur Ausstellung bei: www.art-magazin.de/kunst
Mecksepers Konzeptkunst zwischen Kaufhausästhetik und Protestkultur: "G4 summit" (2007)
