Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 89
Big Ben und Bollywood
Von Gerhard Mack
Das Kunstmuseum zeigt eine große Ausstellung zur Gegenwartskunst in Indien BERN: HORN PLEASE
Auf der einen Seite thront eine Hindu- Gottheit im Lotussitz neben einer Kobra, auf der anderen sucht ein Plakat nach Zeugen eines Überfalls auf zwei homosexuelle Männer. Es steht am Ufer der Themse, im Hintergrund ist Big Ben zu erkennen. Indem er das lächelnde Götterbild und den Hinweis auf ein lustfeindliches Verbrechen zusammenmontiert, lässt der indische Künstler Sunil Gupta zwei Kulturen aufeinandertreffen, die seit der Kolonialzeit miteinander verwoben sind. Viele Inder sprechen Englisch, die kulturellen Einflüsse sind auch nach der Unabhängigkeit zahlreich geblieben und wirken heute durch Bollywood-Filme und die Dienstleistungen indischer Computerfirmen wiederum auf Großbritannien zurück.
Wie Indiens zeitgenössische Kunst im Austausch mit der des Westens ihre Eigenart bewahrt, zeigt die Ausstellung "Horn Please" im Kunstmuseum Bern - "Horn Please" prangt auf der Rückseite jedes indischen LKW und ist die Aufforderung, vor dem Überholen zu hupen.
Auf drei Reisen hat der Kurator Bernhard Fibicher die Szene des Subkontinents kennengelernt, die auf persönliche Weise von den unterschiedlichen Kulturen, Gesellschaftsschichten und individuellen Erfahrungen berichtet. In dieser Erzählfreude sieht der Kunsthistoriker das Potenzial zum Widerstand gegen die Uniformität eines globalisierten Kunst markts.
Rund 30 indische Künstlerinnen und Künstler entwerfen mit Pinsel, Fotoapparat, Videokamera oder Computer, wie Mohammed Sheik auch in Collagen, das Bild eines Landes, das zwischen Hochtechnologie und traditionellem Weltbild nach einem neuen Selbstverständnis sucht.
Sie schöpfen dabei aus dem uralten Epos Mahabharata, mischen Elemente der Popkultur hinzu, kritisieren soziale und politische Missstände und zeigen ein neues Selbstbewusstsein der Frauen. Fibicher ordnet das aktuelle Geschehen in die Entwicklung seit dem Aufbruch um 1980 ein und gibt mit Werken, von denen zwei Drittel Leihgaben aus Indien sind, dem westlichen Entdeckerrausch stabile Orientierungspunkte.
Termin: bis 6. Januar 2008.
Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro.
Internet: www.kunstmuseumbern.ch
Gulam Mohammed Sheik: "Looking for Layla", Collage aus dem Video "Mappamundi Suite" (2006/07)
