Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 90
Ein Geheimtipp wird publik gemacht
Von Ute Diehl
Ausstellung im Palazzo dei Diamanti zur Renaissancemalerei in Ferrara FERRARA: COSMÈ TURA UND FRANCESCO DEL COSSA
Bei der italienischen Renaissance denkt man meist zuerst an Florenz und Mittelitalien: Die Eleganz eines Botticelli oder Perugino hat den Geschmack von Generationen geprägt. Dass andere Künstler der neumodischen Forderung nach Idealisierung nicht nachkamen, wurde lange verdrängt. So pflegten die Hauptmeister der "Schule von Ferrara", Cosmè Tura (um 1430 bis 1495) und Francesco del Cossa (um 1435 bis 1477), eine kantige, fast groteske Malerei, die lange ein Geheimtipp blieb. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist intensiver geforscht und ein Werkverzeichnis erstellt worden, das auch eine Reihe strittiger Zuschreibungen zu klären versucht.
Eine Ausstellung im Palazzo dei Diamanti in Ferrara gibt nun tieferen Einblick.
Einige der gezeigten Gemälde, Zeichnungen und Miniaturen stammen von Künstlern, die nur vorübergehend in Ferrara tätig waren, wie Pisanello, Jacopo Bellini und Rogier van der Weyden. Sie dokumentieren das kosmopolitische Klima der Stadt, die unter der rund 20 Jahre dauernden Herrschaft des Herzogs Borso d'Este einen Kunstboom erlebte. Ein Schwarm von Dichtern, Gelehrten und Künstlern lebte am Hofe, die Festlichkeiten rissen nicht ab, und das Volk musste hart für diesen Aufwand arbeiten.
Cosmè Tura begann seine Karriere als Hofkünstler mit 17 Jahren. Er war, was man heute einen Designer nennen würde, entwarf Silbergeschirr, Baldachine, Schilde und Trompetengehänge für die vielen Turniere. Daneben malte er Madonnen und Heilige in einem harten, kompromisslosen Stil. In der Ausstellung schockiert etwa seine "Pietà": Maria sitzt auf einem offenen Sarkophag und hält den verkrampften Körper ihres toten Sohns auf den Knien. Ganz dicht zieht sie die linke Hand des Leichnams vor ihre Augen und schaut forschend auf die Nagelwunde.
Ihren Höhepunkt findet die Schau im Palazzo Schifanoia, wo nach zehnjähri ger Restaurierung wieder ein Großteil der "Monatsbilder" sichtbar ist. Die schönsten dieser seltsam ekstatischen Fresken, die auf die Pittura Metafisica und den italienischen Surrealismus gewirkt haben, hat Francesco del Cossa gemalt - bis der Herzog ihm eine Lohn erhöhung ausschlug und der stolze Künstler Ferrara verließ.
Termin: bis 6. Januar 2008. Katalog: Ferrara Arte Verlag, 35 Euro, im Buchhandel 58 Euro.
Internet: www. palazzodiamanti.it
Cosmè Tura malte um 1460/65 die "Madonna mit Kind" (46 x 32 cm)
Von Francesco del Cossa stammt dieses "Porträt eines Mannes" (um 1473, 39 x 28 cm)
