Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 82-84
Neuer Blick auf Menschenleiber
Von Clemens Bomsdorf
Das Louisiana-Museum zeigt Gemälde des Briten aus sechs Jahrzehnten HUMBLEBÆK/KOPENHAGEN: LUCIAN FREUD
Er ist der Meister des nackten, rohen Fleisches. Das wird sich auch bei der Retrospektive des britischen Malers Lucian Freud im dänischen Museum Louisiana wieder erweisen. Egal, ob es sich um sein "Nachtporträt, Kopf nach unten" handelt, um das "Nackte Mädchen mit Ei" oder die "Nackte Frau", ob der Künstler Freunde, Familienmitglieder oder seine vielen Geliebten dargestellt hat - die meisten der knapp 60 Ölbilder und 20 grafischen Arbeiten, die nun gezeigt werden, beschäftigen sich mit den Lieblingsthemen des 1922 geborenen Enkels von Sigmund Freud: dem menschlichen Körper und dem menschlichen Fleisch.
Konzipiert hat die Retrospektive mit Bildern aus der Zeit von 1940 bis 2006 die Freud-Kennerin Catherine Lampert, ehemals Direktorin der Whitechapel Art Gallery in London. Für Humlebæk ist die Schau fast eine Premiere. "Wir haben 1987 das erste und bisher einzige Mal Werke von Freud zeigen können, und das war in einer Gruppenausstellung mit anderen Mitgliedern der School of London", sagt Helle Crezien, beim Museum Louisiana für die Ausstellung verantwortlich:
"Die Nacktheit, die bei ihm im Mittelpunkt steht, wird nun anders betrachtet als damals, weil mittlerweile überall so viel Nacktheit zu sehen ist. Jetzt haben seine Bilder etwas Psychologischeres, Existenzielleres." Die viel zitierte Pornografisierung der Gesellschaft soll also den Blick auf Freuds Fleisch neu geschult haben. Die Werke in den Räumlichkeiten von Louisiana zu hängen war eine kleine Herausforderung, weil Freud in allen erdenklichen Formaten gemalt hat: Während das kleinste Gemälde der Ausstellung 20 mal 13 Zentimeter misst, hat das größte vier Quadratmeter Fläche. Durch eine Mischung aus thematischer und chronologischer Hängung ist es gelungen, alle Bilder unterzubringen.
Manche Menschen hat der Maler im Lauf seines Lebens immer wieder porträtiert, beispielsweise seine Töchter. Da liegen vergleichende Studien nahe, die zeigen, wie sich sowohl die Sicht auf die Modelle als auch die technischen Mittel verändert haben: Hat Freud den Pinsel in seiner Frühzeit noch geradezu akribisch geführt, sind ab den fünfziger Jahren jene Fleischtöne und groben Striche mit dicker Farbe zu entdecken, die heute als charakteristisch für ihn gelten.
Stilistisch und motivisch am interessantesten dürfte dabei ein Vergleich zwischen dem ältesten und dem jüngsten Selbstporträt in der Ausstellung sein: Mehr als sechs Jahrzehnte liegen zwischen den beiden 1940 und 2002 entstandenen Arbeiten, 62 Jahre künstlerische und körperliche Entwicklung von Lucian Freud.
Termin: 28. September bis 27. Januar 2008.
Katalog: Irish Museum of Modern Art, 24 Euro.
Internet: www.louisiana.dk Gefördert von Dong. Literatur: Lucian Freud.
Gemälde, Verlag Zweitausendeins 2007
"Nackter Mann auf einem Bett" (1989, 35 x 36 cm)
Für das Doppelporträt "Bella und Esther" (74 x 89 cm) lagen 1988 Freuds Töchter ihrem Vater Modell
"Die Mutter des Künstlers, ruhend I" (90 x 90 cm), Ölbild aus dem Jahr 1976
