Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 78-81

Erlkönigs Reise zu sich selbst

Von Jrgen Hohmeyer Wolfgang Wesener

Seine Miniatur-Villa bei Bologna hat der Künstler Luigi Ontani, 63, zum Gesamtkunstwerk voller Anspielungen auf Malerei, Literatur und Mythologie gemacht, zur Bühne, auf der er selbst die Hauptrolle spielt

Meistens ist Luigi Ontani anderswo. "Sono altrove", so deklamiert es sein römischer Anrufbeantworter. Dann mag der Maler und Bildhauer nur eben wenige Schritte ausgegangen, vielleicht aber auch für Monate entschwunden sein - am liebsten weit nach Osten, in sein Sehn suchtsland Indien, nach Bali oder Thailand. Überall weiß er sich einzurichten und rasch ein persönliches Ambiente hervorzuzaubern, indem er etwa sein Hotelzimmer mit eigenen Bildern schmückt und störende Einrichtungsgegenstände entfernen lässt. Doch nirgends sonst ist er in derart ausschweifendem Sinn zu Hause wie auf einem Anwesen im Appennin, nicht weit von Bologna.

Das abschüssige Terrain, von Eichen und Pinien beschattet, hat etwas Verwunschenes, obwohl es gleich neben einer befahrenen Straße am Rand des kleinen Ortes Riola liegt.

Die Zugangspforte ist im wuchernden Grün leicht zu übersehen, und sobald sie sich hinter dem Besucher geschlossen hat, wirkt jeder Alltag träumerisch weit entrückt. Skulpturen in aparter Menschen- und Tiergestalt stehen in einem niedrigen Rosmarin- Labyrinth, auf Säulen einer Terrasse oder inmitten eines Brunnenbeckens.

Eine vergitterte Aussparung über dem Haus eingang hat Raum für ein Figurenensemble en miniature, halb Menagerie, halb Weihnachtskrippe.

Im Innern des Hauses fühlt man sich vollends von einem Gesamtkunstwerk geschluckt, einem der preziösüppigen Sorte: dunkle Täfelung, kontrastreicher Terrazzoboden, Vorhänge und Bezüge in Türkis, Magentarot und Goldgelb, exotische Souvenirs auf allen Ablageflächen, im Bad bunter Fliesendekor inklusive obszöner Details, die Bibliothek mit Regalen wie für eine Rokoko-Apotheke und am Kopfende des massiven Bettes für den Hausherrn eine geflügelte golde ne Sonne, aus der ein einzelnes großes Auge hervorstrahlt. Zufrieden betrachtet Ontani sein Reich als "Verwirklichung einer Fata Morgana". Tatsächlich könnte keine Residenz besser für den nun 63-Jährigen passen, der mal im Seidenpyjama, mal in kuttenartigem Hausund Garten rock empfängt. Mit zitatreichen Masken- und Rollenspielen, mit Exerzitien zwischen Konzept, Performance und Objekt hat er sich zumal in Italien Ansehen und Prominenz erworben. Und da er in nächster Umgebung aufgewachsen ist, lag es nahe, dass just ihm die Erben eines reichen Mannes die heruntergekommene Immobilie in Riola überließen.

Das war Anfang der neunziger Jahre. Ontani begann, das Gebäude zu konservieren und zu restaurieren, legte Reste einer ursprünglichen Farbfassung frei, trug Mobiliar zusammen und vergab Aufträge an lokale Handwerker. Auf begrenzter Wohnfläche entstand ein Schatzhaus. "Klein, aber dicht", sagt Ontanis Schwester Tullia, die hier auch wohnt, wenn er sich "altrove", anderswo, aufhält. Eine Villa im Diminutiv - ein "villino", auf das Palindrom "RomAmor" getauft. Das Wortspiel um Rom und Liebe klingt sehr nach Ontani, aber Irrtum: Der Name hat eine ältere Tradition.

Denn um RomAmor geistert ein wunderlicher Schutzheiliger: Cesare Mattei aus Bologna, mit geerbtem Reich tum wohlversehen und vom Papst in den Grafenstand erhoben, hatte 1850 eine verfallene mittelalterliche Festung oberhalb des Tals gekauft, die er bis an sein Lebensende 1896 immer weiter zur gotisch-maurisch-jugendstiligen Fantasiekulisse aus baute. Von hier aus betrieb er eine eigentümliche Alternativmedizin namens "Elektro-Homöopathie", die gegen vielerlei Krankheiten helfen sollte. Geheimrezepte des Grafen haben sich in der Familie eines Adoptivsohns bis heute fortgeerbt; Ontani selbst wappnet sich gern mit Kügelchen à la Mattei gegen allfällige Reise-Unpässlichkeiten.

Zur Zeit ihres Erfinders hatte die Doktrin eine Weile schwunghaft floriert und zahllose, auch prominente Heilgläubige aus vielen Ländern herbeigelockt.

Sollte wirklich, wie die Fama will, der spätere Bayernkönig Ludwig II. darunter gewesen sein, hät ten sich zwei Seelenverwandte getroffen (mit Ontani als nachgeborenem Dritten im Bunde?): Durchaus sinnig ist die "Rocchetta Mattei" ein "Bologneser Neuschwanstein" genannt worden.

Dem fortschreitenden Verfall dieses Bauwerks möchte neuerdings ein gemeinnütziger Verein "S. O. S. Rocchetta" entgegenwirken, der Ontani mit dem Titel "Paladin" ehrt. Treffend nennt der sein Villino ein "Echo" des nahen Kastells. Mit dem eklektischen Großbau nämlich war es Mattei nicht genug gewesen. Er erwarb außerdem etliche Einzelhäuser ringsum und setzte sie stilvoll instand, hauptsächlich, um der andrängenden Kundschaft Logis zu bieten. Von der Dependance "RomAmor" allerdings raunt die Lokallegende, hier habe er eine Geliebte einquartiert und sich durch einen unterirdischen Gang diskreten Zutritt verschafft.

Wie die Rocchetta für den Grafen, so bildet für seinen Bewunderer Ontani dessen Villino-Bezirk das Projekt eines idealen Lebensraumes - und damit ein unabsehbares work in progress.

Endlich ist nach langer Vorbereitungs- und Wartezeit der Dekor eines zusätzlichen Atelierbaus fertiggeworden:

Fassadengesims und -karyatiden als Terrakottareliefs, Glasmalerei für die Fenster, Mosaiken als Sopraporten und Fußboden.

"Ein kleiner Tempel der Kunst", sagt Ontani, "ein Raum, in dem ich mich konzentrieren, aber auch zerstreuen kann." Denn die Kunst, die er meint, soll bitte nicht den Zwängen der Arbeitswelt gehorchen, sondern einer spielerischen oder rituellen Haltung entspringen. Dazu braucht der Autodidakt, der keine Akademie besucht hat, die Partnerschaft fähiger Handwerker und spezialisierter Manufakturen in Rom, Faenza, Murano und Bologna. So wie er das Talent und die Erfahrung von Maskenschnitzern auf Bali, in Südtirol oder Burkina Faso nutzt, um sich hinter ihren Werken zu verbergen und auch wieder zu entdecken.

"Anderswo zu sein", in einer fremden, aber gleichzeitigen Kultur, bedeutet ihm immer eine "Reise durch die eigene Identität".

Zurück bringt er zum Beispiel exotisch tänzelnde Wesen in schlaffen Formen und blässli - chen Farben, so wie sie jetzt als Mosaikbilder die Front des Ateliers schmücken, unverkennbar verwandt den Personifikationen der vier Jahreszei ten und Elemente, die Ontani in Glasmalerei für den Ratssaal seines Geburtsortes Vergato nahe Riola abgeliefert hat. Seiner "Wurzeln" in dieser Gebirgsregion, so sagt er, seiner "Provinzialität" also, sei er sich stets bewusst.

Kunsttradition hat diese Provinz allemal. Hier ließ sich früh im 20.

Jahrhundert der Maler Giorgio Morandi auf die Landschaft ein. Von hier, aus dem Dorf Calvenzano, stammte der barocke Großmeister Guido Reni.

Auf einem fotografischen Tableau vivant mit dem Titel "Sankt Sebastian im Wald von Calvenzano" stellt Ontani in Person huldigend ein Reni-Gemälde nach, wie denn überhaupt das Motiv des von Pfeilen durch bohrten Märtyrerjünglings eine seiner Lieblingsposen ist. Auf Schritt und Tritt begegnet man dem Künstler selber in dessen androgyner Bildwelt. Plastisch ausgeformt oder auf Tableaus, pathetisch und zugleich witzig, spielt Ontani unzählige wechselnde Rollen mit kunsthistorischem und mythologischem Hintergrund nach. Er kann Judas oder Leda mimen, Raffael oder Lawrence von Arabien, einen Schlangenbeschwörer oder den klassischantiken Hermaphroditen. Überall ist Selbst porträt, und wo die Gesichtszüge undeutlich ausfallen sollten, bleibt immer noch ein prägnanter Leberfleck auf der Wange als unveränderliches Kennzeichen. In keramische Figuren sind allerlei Abgüsse von Körperteilen Ontanis verbacken.

Kein Wunder, dass der Künstler- Narziss sich auch über die verbale Ebene in seine Schöpfung einschleicht.

Ontano (Plural: ontani), so heißt auf Italienisch der Erlenbaum, und folglich bilden Zweige mit zackig stilisierten Erlenblättern ein allgegenwärtiges Leitmotiv im artifiziellen Kosmos von RomAmor - im Gitterwerk gusseiserner Geländer, im plastischen Fassadendekor und im Bodenmosaik des Ateliers. Ein janusköpfiger Kentaur mit den Gesichtszügen beider Geschwister Ontani, der am Haupthaus als Keramikwappenschild fungiert, trägt ein solches Blatt als flatternde Standarte mit sich. Und im Studio wartet eine "ErmEstetica" - so ein typischer siamesischer Wortzwilling des manischen Sprachspielers Ontani aus "Herme" und "Ästhetik". Das Bildwerk kombiniert Motive diverser Skulpturen aus der römischen Galleria Borghese, und in heikler Körperregion entsprießt ihre eine Hand mit einem speziellen grünen Daumen. Doch nicht in Lorbeer wie die berühmte Daphne des Barockbildhauers Gianlorenzo Bernini scheint die Gestalt sich zu verwandeln, sondern? Richtig: in Erlenlaub.

Nur die Natur sträubt sich gegen botanische Invasion. Erlenpflänzlinge wollen auf dem trockenen Grundstück nicht gedeihen.

Was soll's? Das Wort behält der "GrilloDante poliglotta" im Studio, ein Gnom mit dem Haupt des großen Dichters und einem Titel, der an die redende Grille, den "grillo parlante" aus dem Buch vom Lügenbold Pinocchio anklingt. Dank eingebauter, noch pannenanfälliger Elektronik kann er angeblich in über 80 Idiomen sagen:

"Es lebe die Kunst." Ontani, der keine fremden Sprachen spricht, berichtet es mit Selbstironie. "Viva l'arte", das ist auch die Parole, mit der sein Anrufbeantworter die Durchsage beschließt.

Literatur: Luigi Ontani. Genthara.SMAK, Gent 2003; Luigi Ontani. Edition Stemmle 1996

Luigi Ontani im Atelier neben dem Großfoto "Der Grabende (nach Tintoretto)" von 1975/76. Rechte Seite: "ErmEstetica Borghese" (Detail, 2002), Fassade des neuen Ateliers, Maske "EGGoista" (1993/94), das Bett "HelioEndiminio" (im Uhrzeigersinn von links oben)

Im Atelier mischen sich Werke des Hausherrn mit exotischer Einrichtung, am Villino dient eine Erlenblatt-Hand als Glockenzug

Den Regeln von Spiel und Ritus soll Ontanis Kunst gehorchen, nicht den Zwängen der Arbeitswelt

JÜRGEN HOHMEYER