Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 87
Ein Kämpfer für die Fotografie
Von Heinz Peter Schwerfel
Im Jeu de Paume wird das Lebenswerk des Kamera-Künstlers gezeigt PARIS: EDWARD STEICHEN - EIN FOTOGRAFISCHES HELDENEPOS
Das Leben des amerikanischen Fotopioniers Edward Steichen liest sich wie eine Geschichte der modernen Fotografie. Kein anderer hat die Möglichkeiten und Funktionen des Mediums gründlicher ausgelotet als das 1879 im Großherzogtum Luxemburg geborene, früh mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Multitalent, das abwechselnd und gleichzeitig auch Maler, Lithograf, Botaniker, Galerist, Layouter und Museumskurator war.
Steichen debütierte mit künstlerisch radikalen Landschaften und Porträts, ehe er ab 1900 das Starporträt erfand, indem er Berühmtheiten wie den Bildhauer Auguste Rodin mit komplexen Belichtungen und Negativmontagen für die Kamera inszenierte.
Schon ab 1904 experimentierte er mit Farbe, und gemeinsam mit seinem Kollegen Alfred Stieglitz gründete er neben der amerikanischen Fotografengruppe "Photo Secession" das erste Bildermagazin "Camera Work" und die legendäre New Yorker Avantgardegalerie "291".
Zeitlebens fotografierte Steichen nicht nur selbst, er kämpfte auch für die Fotografie als populäres Medium und nutzte sie für kulturelle, kommerzielle und politische Propaganda. Er floh 1914 mit seiner Familie vor dem Ersten Weltkrieg aus Paris nach New York, kehrte 1917 als Freiwilliger und Kriegsreporter in Uniform zurück. Ab 1923 entwickelte er als Cheffotograf für "Vogue" und "Vanity Fair" die moderne Modefotografie und prägte als sein eigener Art Director die bis heute für Glamour-Magazine typische Mischung aus mondäner Eleganz und künstlerischem Kommerz. Während des Zweiten Weltkriegs organisierte er in den USA Propagandaausstellungen für den Kriegseintritt; ab 1947 leitete er die Fotoabteilung des New Yorker Museum of Modern Art und erfand die erfolgreichste Fotoausstellung aller Zeiten, "The Family of Man", die mitten im Kalten Krieg Optimismus und Humanität ausstrahlte.
Sie wurde weltweit von über zehn Millionen Menschen gesehen.
Seine erste Ausstellung in Paris hatte Steichen bereits 1902, damals mit Fotos und Gemälden. Auf das malerische Werk hat man jetzt im Jeu de Paume verzichtet.
In nie gesehener Ausführlichkeit geht es nur um den Fotografen Eduard alias Edward Steichen, mit über 400 Vintage Prints, die das gesamte kreative Spektrum des unermüdlichen, 1973 in West Redding/ Connecticut gestorbenen Pioniers dokumentieren.
Termin: 9. Oktober bis 30. Dezember. Katalog:
50 Euro. Anschließend: Lausanne, Zürich, Reggio Emilia, Madrid, Wolfsburg und New York. Gefördert von Neuflize Vie und Jaeger-Le Coultre. Internet: www.jeudepaume.org Literatur: Edward Steichen. Ein Leben für die Fotografie. Hatje Cantz Verlag, 75 Euro
Steichen wusste Stars in Szene zu setzen: Porträt Marlene Dietrich von 1934
Foto des amerikanischen Tänzers Fred Astaire von 1927
