Ausgabe: 10 / 2007

Symbolischer Vatermord

Eine Werkschau der in New York lebenden Bildhauerin mit rund 200 Arbeiten LONDON: LOUISE BOURGEOIS

Sie ist klaustrophobisch, extrem klaustrophobisch. "Kein Entrinnen", sagt Louise Bourgeois, gebe es aus ihrer Arbeit "The Destruction of the Father" (Die Zerstörung des Vaters, 1974). Mit der blutrot ausgeleuchteten Installation aus Gummi, Holz und Stoff rief sie Erinnerungen an den tyrannischen Vater hervor. "Zeitweilig waren meine Schwierigkeiten mit ihm zu viel für mich", verriet Bourgeois in einem Interview. Diese Gefühle habe sie noch lange gehabt, nachdem er gestorben war, sie "wuchsen und wuchsen und lebten weiter". Erst das Kunstwerk, das aus den Überresten eines symbolischen Vatermords besteht - der Patriarch wurde demnach von seiner gedemütigten Familie verschlungen -, "kanalisierte diese Gefühle gegen ihn". Heute habe sie ihren Frieden mit ihm gemacht. Die Installation nimmt einen zentralen Platz im Werk der Künstlerin ein und steht im Mittelpunkt der großen Retrospektive in der Tate Modern mit über 200 Arbeiten.

Die heute 95-jährige Bourgeois, in Paris geboren und seit 1938 in New York ansässig, hat in ihrem langen Leben Verbindungen zu vielen Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts geknüpft - zum Surrealismus, zum Abstrakten Expressionismus, zur Konzeptkunst. Doch von Anfang an ist sie ihren eigenen Weg gegangen, von den frühen, noch durch die Klassische Moderne beeinflussten Gemälden und Grafiken über ihre großen Installationen wie die "Zellen" (Cells) bis zu den jüngsten Stoffplastiken.

In ihrem Werk arbeitet sie die eigene Erinnerung auf, aber auch weiter gefasste Themen wie die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft. Jüngere Künstlerinnen berufen sich auf sie als Vorbild. Eine von Bourgeois' gigantischen Spinnenplastiken steht im Freien am Themseufer. Sie spielt mit Metaphern vom Spinnen, vom Weben und von Mütterlichkeit auf die emotionale Kraft der Mutter an.

Die persönlichen Bezüge wirken dabei keineswegs aufdringlich oder egozentrisch:

Gerade "die Art, wie die Künstlerin das eigene Leben einbringt", macht für den Tate-Kurator Gregor Muir ihre Arbeit "zeitlos und brillant".

Termin: 10. Oktober bis 20. Januar 2008. Weitere Ausstellung: Hauser & Wirth Colnaghi, London, 10.

Oktober bis 17. November. Katalog: 24,99 Pfund.

Internet: www.tate.org.uk

Vergangenheitsbewältigung durch Kunst: "Die Zerstörung des Vaters", Installation von 1974

HANS PIETSCH

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