Ausgabe: 10 / 2007
Seite: 129
Das Erbe des Ahnherrn
Von Peter Meyer
Mit seinen Paris-Aufnahmen wurde Eugène Atget zum Pionier der dokumentarischen Fotografie BUCH DES MONATS
Nie änderte er das Format, und auch der Blickwinkel war häufig der gleiche: An Experimenten war Eugène Atget nicht interessiert - doch unermüdlich schleppte der Stellmachersohn aus der Provinz ab zirka 1897 seine sperrige Kamera mit den 18-mal-24-Zentimeter-Glasplatten durch die Straßen und Gassen von Paris, fotografierte den Alltag und die Geschichte der Jahrhunderte alten Stadt. Ob schwitzende Asphaltierer oder verlebte Prostituierte, ob Schuhe in einem Regal oder Blumentöpfe auf einer Balustrade, ob romantische Parks oder muffige Hinterhöfe: Für Atget gehörte alles zu dem Universum Paris, das er in seinen Bildern festhalten wollte, nicht zuletzt, weil vieles davon alsbald verschwinden würde.
Rund 1500 Negative und 10 000 Abzüge hinterließ er bei seinem Tod 1927 in seinem Atelier, das reichte, um den schweigsamen Autodidakten, der zuvor weder als Schauspieler noch als Maler sonderlich Erfolg gehabt hatte, zum akribischen Chronisten der französischen Hauptstadt zu machen - und zum Ahnherrn einer dokumentarischen Fotografie, zu der inzwischen so berühmte Größen wie Berenice Abbott (seine eigentliche Entdeckerin), Walker Evans, Lee Friedlander oder Bernd und Hilla Becher gehören.
Zu Atgets150. Geburtstag wird sein Werk umfassend gewürdigt: Der deutschsprachige Band begleitet eine Retrospektive, die nach ihrer ersten Station in Paris nun vom 28.
September bis zum 6. Januar 2008 im Berliner Martin-Gropius- Bau läuft, und zeigt mit hervorragend gedruckten Aufnahmen einen repräsentativen Querschnitt durch das Erbe, das zudem in mehreren Essays (gelegentlich ein wenig zu essayistisch) interpretiert wird.
Paris, am 17. April 1912: Auf der Place de la Bastille fotografiert Eugène Atget "Vor der Sonnenfinsternis"
Eugène Atget. Retrospektive. Nicolai Verlag.
288 S., zirka 260 Abb., 49,90 Euro
