Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 97

Zurück zur Natur

Von Ute Thon

HAMBURG: IDYLLE

Wer heute noch ernsthaft nach einer besseren Welt strebt, wird schnell als hoffnungslos naiv belächelt. In der zeitgenössischen Kunst kommt das Idealistische fast nur noch ironisch gebrochen oder ins Kitschige überdreht vor. So haben die Kuratoren Martje Schulz und Oliver Zybok ihrer "Idylle"-Ausstellung in der Sammlung Falckenberg auch den abwiegelnden Untertitel "Traum und Trugschluss" gegeben.

Gezeigt werden Werke von 56 Künstlern in allen Medien. Gleich zu Anfang verkündet ein Schriftzug im rosa Neonschein das "Paradise". Die Wandarbeit von Pietro Sanguineti lenkt den Blick aber nicht auf paradiesische Fülle, sondern ein kärgliches Foto-Stillleben mit Äpfeln und Mandarinenschalen von Wolf gang Tillmans. Landschafts- und Naturbetrachtungen sind wiederkehrende Motive, meist als kunsthistorisches Zitat: Rowena Dring malt Seerosen à la Monet in grellen Farben, Olaf Nicolai fertigt im Plain-Air-Stil Aquarelle von Golfplatzlandschaften an. Peter Land führt uns mit seinem Video "The Lake" an einen Waldsee, in dem ein stoischer Waidmann langsam absäuft. Idylle als Kulisse für Kalauer. Im letzten Ausstellungsraum ist es dann vorbei mit der Beschaulichkeit. Da grunzen Mike Kelley und Paul McCarthy unter Gummimasken in ihrem schmuddeligen "Heidi"- Video. Und Carl Emmanuel Wolffslebens großer "Knallermann" sorgt für theatralischen Schrecken. Das habe nichts mehr mit Idylle zu tun, sondern gelte als Beispiel für "Anti-Idylle", wird uns im Katalog erklärt. Doch ließe sich unter diese Kategorie nicht so ziemlich alles subsummieren? Es drängt sich der Verdacht auf, als sei der Titel nur ein Kuratorenvehikel, um eine Fülle doch sehr unterschiedlicher Künstler unter einen Hut zu bringen. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen. Denn trotz der thematischen Unschärfe gibt es überraschende Entdeckungen - wie die isländische Künstlerin Inga Svala Thorsdottir, die mit naiverotischen Bleistiftzeichnungen und Installationen ein komplettes Universum ihrer Traumstadt "Borg" entwirft. In den Phoenix-Hallen lädt sie zum wackeligen Gang über gläserne Schwellen. Da gerät die zynisch-abgeklärte Weltsicht einen Moment ins Wanken, und wir schaukeln mitten hinein in die Traumidylle.

Termin: bis 22. April 2007, Besichtigung nur nach telefonischer Vereinbarung: (0 40) 32 50 67 62 (Mi-Fr 11-18, Sa 14-18 Uhr). Katalog: erscheint im März im Hatje Cantz Verlag, 35 Euro

Idylle, Anti-Idylle? Franz Ackermanns "Könnte hier nicht ein Mango-Baum sein oder sowas" (2002)