Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 96

Viel Lärm um Kunst

Von Hans Pietsch

LONDON: TURNER PRIZE

In der Tate Britain stehen die Werke der Turner-Preis-Anwärter zur Schau. Im ersten Raum ist ein satter Brummton die Geräuschkulisse für Mark Titchners Installation "How to Change Behaviour": Schwarzweiße Op-Art-Scheiben drehen sich im Kreis, Fernsehmonitore flimmern, an den Wänden stehen anonyme Zitate wie "Wird einer verletzt, werden alle verletzt". Hier scheint es um viel zu gehen. Zu viel. Die Aussage bleibt schleierhaft.

So sehr Mark Titchner sich um ernsten Tiefgang müht, so nonchalant nimmt Rebecca Warren die großen Bildhauer von Rodin über Degas bis Giacometti auf die Schippe. Ihre klumpigen Plastiken aus Ton und Bronze stecken voller Anspielungen: hier eine Brustwarze, dort ein rundlicher Bauch. Ihre neuen Glasvitrinen, in denen sie im Atelier Gefundenes, von Staubflocken bis Bleistiften, winzigen Tonfiguren gegenüberstellt, verweisen mit einem Augenzwinkern auf Joseph Beuys. Der Witz ihrer Arbeiten liegt in der Verwirrung, die sie stiften - doch die mitschwingende feministische Attitüde wirkt müde. Den meisten Wind macht mit Abstand Phil Collins. Hinter Glas hat er in ein TV-Büro aufgebaut, in dem Montag bis Freitag emsige Redakteure eine Reality Show recherchieren. Besucher werden aufgefordert, ihre Erfahrungen mit solchen Sendungen zu erzählen. In Collins' zweiter Arbeit lässt der türkische Filmemacher Kutlug Ataman grüßen.

Doch welch ein Unterschied! Während dessen Interviews mit türkischen Randexistenzen ("Küba", 2006) einen nicht loslassen, bleibt der Brite mit seinen Interviews an der Oberfläche - wo auch Titchner und Warren verharren.

Fast könnte man am Turner-Preis verzweifeln, wäre da nicht die Malerin Tomma Abts (art 12/2006), die dann ja auch am 4. Dezember den Preis aus den Händen von Yoko Ono entgegennehmen konnte. Auf den abstrakten Gemälden baut sie elegante Muster auf. Manchmal scheinen die Linien in die dritte Dimension ausbrechen zu wollen. Die Formen symbolisieren nichts, stehen nur für sich selbst. Die in Kiel geborene Künstlerin ist eine Unzeitgemäße: Ihre Bilder sind umstritten, weil weder konzeptuell noch figürlich. Und trotzdem vermag ihre leise Kunst das, was ihre lauten Konkurrenten nicht schaffen: Sie berührt.

Termin: bis 14. Januar 2007. Katalog: Tate Publishing, 2,99 Pfund. Internet: www.tate.org.uk

TV-Show-Kandidaten sprechen sich aus: "the return of the real" (2005) von Phil Collins

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