Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 94
Die Schilder in den Köpfen
Von Sandra Danicke
FRANKFURT/MAIN: ANONYM
Wie ein Punk-Fan, der irrtümlich bei einem Zwölfton-Konzert gelandet ist, kam sich art-Autorin Sandra Danicke in der Schirn Kunsthalle vor: Geleitet von provisorischen Hinweistafeln klettert man über die Außentreppe ins Kunsthallen-Kabinett, blickt in einen düsteren, lila schimmern den Gang. Den tapst man entlang, spürt an der linken Seite einen Vorhang, hinter dem es rauscht und hupt. Hinter einem Spalt blitzt Licht auf, doch eine Öffnung ist nirgends zu finden. Man stolpert weiter bis man vor einer verschlossenen Glastür steht. Dahinter erkennt man drei Solarium-Kabinen. "Anonym - In The Future No One Will Be Famous" heißt die Ausstellung, die den Besucher mit Absicht im Unklaren lässt. Zum Beispiel darüber, wer die elf internationalen Künstler sind. Schildchen? Fehlanzeige.
Auch der oder die Kurator/in bleibt ungenannt.
Somit sei der Betrachter, so Direktor Max Hollein, von der "riesigen Datenmenge, mit der das zeitgenössische Kunstsystem operiert", befreit, könne "Trends und Markennamen" außer acht lassen, und "das Werk in erster Linie nach werkimmanenten Kriterien beurteilen". Wenn es doch so einfach wäre.
Schließlich ist Kunst häufig viel zu komplex, um außerhalb ihres Kontexts und bar jeder Erklärung ihren kompletten Gehalt zu vermitteln. Und ein Künstler wird nicht dadurch relevant, dass er mal eben einen cleveren Ein fall hat, sondern durch ein OEuvre, dessen Kenntnis häufig eine für die Rezeption entscheidende Rolle spielt.
Natürlich stimmt es, dass manche Betrachter den Schildern mehr Beachtung schenken, als dem Werk, und die Schau ist diesbezüglich ein originelles Lehrstück. Doch wie soll man der Kunst begegnen, wenn man rein gar keine Anhaltspunkte hat? Die Seifenblasen, die aus einem Loch unter der Decke kommen (Teresa Margolles?), werden leicht übersehen, während man über einen Spritzfleck an der Wand womöglich zu lange grübelt (Action Painting? Enthusiastischer Vernissagebesucher mit Weinglas?).
Auch das Kinderfahrrad, das mit abmontiertem Vorderreifen hinter der Schirn steht, ist nur durch gezielte Hinweise zu finden. Wer überdies weiß, dass Andreas Slominski derzeit ein Taxi mit abmontiertem Reifen vor dem Museum für Moderne Kunst parken lässt, könnte daraus Schlüsse ziehen - aber das soll in der Schirn ja umgangen werden.
Man meint, im Zentrum der Schau stünden weniger die Kunst und die Unvoreingenommenheit des Betrachters, als vielmehr die Gerüchte und Spekulationen, die sich um das ungewöhnliche Projekt ranken. Und dass es so ganz ohne Label nicht geht, demonstrierten bei der Eröffnung die Besucher selbst: Sie ließen sich nicht wirklich auf den unbevormundeten Kunstgenuss ein, sondern versuchten unermüdlich die Künstler zu raten: "Das ist doch exakt die gleiche Kameraführung wie bei Pipilotti Rist."
Termin: bis 14. Januar 2007. Katalog: Snoeck Verlag, 19,90 Euro, im Buchhandel 29,90 Euro.
Internet: www.schirn-kunsthalle.de
Weder Künstler noch Werktitel der abstrakten Skulptur sind bekannt - das ist das ungewöhnliche Konzept der gut besuchten Ausstellung "Anonym"
Weder Künstler noch Werktitel der abstrakten Skulptur sind bekannt - das ist das ungewöhnliche Konzept der gut besuchten Ausstellung Anonym Weder Künstler noch Werktitel der abstrakten Skulptur sind bekannt - das ist das ungewöhnliche Konzept der gut besuchten Ausstellung Anonym
