Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 90
Themse statt Canal Grande
Von Hans Pietsch
Die Dulwich Picture Gallery zeigt 71 Gemälde und Zeichnungen des Italieners LONDON: CANALETTO IN LONDON
Gegen Ende des Monats Mai kam der berühmte Maler von Landschaftsansichten, Cannaletti aus Venedig, in London an", so schrieb es der englische Kupferstecher George Vertue 1746 in sein Tagebuch. Damit begannen für Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto (1697 bis 1768), neun äußerst fruchtbare Jahre. Seine wichtigsten Kunden waren die englischen Italienreisenden.
Sie scheuten sich, während der östereichischen Sezessionskriege in das Land ihrer Träume zu reisen. Also folgte ihnen der venezianische Meister in ihr Heimatland, vorsorglich ausgestattet mit Empfehlungsschreiben seines bedeutendsten Mäzens, des englischen Konsuls Joseph Smith.
Er malte die Themse mit ihren beeindruckenden Brücken, die bedeutenden Gebäude wie Westminster Abbey und Somerset House, und er reiste durchs Land, um die Schlösser seiner Auftraggeber auf die Leinwand zu bannen.
Canalettos Englandaufenthalt, unterbrochen nur durch eine achtmonatige Rückkehr in seine Heimatstadt, wurde bisher oft als relativ unbedeutende Fußnote einer illustren Karriere angesehen. Die Schau in der Londoner Dulwich Picture Gallery bringt 71 Gemälde und Zeichnungen zusammen und will zeigen, dass er in dieser Schaffenperiode keineswegs stillstand, sondern seine topografische Kunst ständig vertiefte. Sein Atelier in einer ruhigen Straße des heutigen Stadtteils Soho war voller Leben und Arbeit. Einige der Ausstellungsstücke sind Dulwich Picture Gallery zum ersten Mal zu sehen, denn sie stammen aus englischen Schlössern, für die sie ursprünglich in Auftrag gegeben wurden und die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.
Doch nicht nur englische Ansichten malte Canaletto in dieser Zeit. In seinem Gepäck befanden sich unzählige Skizzen von Ansichten vor allem von Venedig und Rom. Sie verarbeitete er auf Anfrage zu Gemälden.
Auch Glück half Canaletto weiter. So waren zwei Londoner Stadtschlösser, Norfolk House und Chesterfield House, gerade fertiggestellt worden und benötigten dringend Kunst für ihre Wände. Ihre Bauherrn, der Duke of Norfolk und der Earl of Chesterfield, gaben eine Reihe von Capriccios in Auftrag - imaginäre Ansichten von Palästen, Kirchen und Ruinen, mit denen er schon in Venedig besonderen Erfolg gehabt hatte.
Termin: 24. Januar bis 15. April 2007. Katalog: 25 Pfund. Internet: www.dulwichpicturegallery.org.uk
Die Ansicht von "Warwick Castle" (43 x 72 cm) malte der Italiener Canaletto 1748/49
