Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 94
Edle, böse Wilde
Von T S
PARIS: D'UN REGARD L'AUTRE
Willkommen im Herz der Finsternis: Von außen ist das neue Pariser Musée du Quai Branly (siehe Bericht Seite 41) schön bunt, modern und lustig. Drinnen in der Dauerausstellung aber findeich der Besucher in einem Zauberreich fremder Kulturen wieder, wo nur ein magisches Leuchten die Schätze aus der Düsterkeit ihrer edlen Vitrinen blitzen lässt.
Kaum merklich sind die Übergänge vom Inneren Afrika zum Fernen Osten, von den Prärien Amerikas zu den Kannibaleninseln im Pazifik. Man muss schon aufpassen, um bei dieser Rundreise zu den Völkern dieser Welt nicht in leichte Trance zu geraten.
Systematik bietet die erste Sonderschau im Erdgeschoss: "D'un regard l'autre" (etwa: "Ein Blick auf den anderen") erzählt die Geschichte der Wahrnehmung neuer Welten durch die "alte", also uns. Gleich am Eingang werden die Haupterkenntnisinstrumente Europas vor gezeigt: Für die Wissenschafteht ein dem Kartografen Martin Waldseemüller zugeschriebener Globus von 1507, der 15 Jahre nach der Entdeckung Amerikas schon detailliert dessen Ostküste zeigt. Dem gegenüber steht das Modell einer goldenen Galeone, bestückt mit Kanonen und Soldaten. Sinnfälligerweise sind diese Stücke in einem Spiegelkabinett platziert, so dass auch immer das Medium der Erkenntnis mit in den Blick gerät, das Selbst, das alle Eindrücke filtert und alles Fremde mit dem schon Bekannten vergleicht.
Der edle Wilde, die wilde Bestie, das sind die Pole zwischen denen die Wertschätzung der anderen letztlich bis heute immer neu ausgependelt wird. Die Schau führt mit exzellenten Exponaten durch die Jahrhunderte, erzählt spannend und mit überraschenden Wendungen die Geschichte von Annäherungen, Vereinnahmungen und Missverständnissen bis hin zur Faszination der Künstler der Moderne, die afrikanische Skulpturen als Kraftquell der Ursprünglichkeichätzten.
Eine gute und schön inszenier te Schau, die nur an der ererbten Bildlage krankt:
Zwar sieht man reihenweise Kannibalen beim Festmahl, die Blutbäder der Kolonisatoren wurden kaum dargestellt.
Termin: bis 21. Januar 2007. Katalog: 49 Euro.
Internet: www.quaibranly.fr
Forschergeist contra rohe Gewalt: Anthropologische Gipsstudien vor einem Fächer aus Speeren
Forschergeist contra rohe Gewalt: Anthropologische Gipsstudien vor einem Fächer aus Speeren Forschergeist contra rohe Gewalt: Anthropologische Gipsstudien vor einem Fächer aus Speeren
