Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 121

Schule des Begreifens

Von Alfred Nemeczek

Martin Warnkes Rubens-Monografie ist ein ebenso gelehrtes wie erhellendes Vergnügen BUCH DES MONATS

Leben, Werk und Umfeld des eminent gebildeten und in jeder Hinsicht unabhängigen niederländischen Erfolgsmalers, Diplomaten und Unternehmers Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) liefern wahrlich eine Menge Stoff (und Versuchung) für eine episch ausladende Darstellung. Doch Martin Warnke, bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 Kunstgeschichtsprofessor in Hamburg, begnügt sich mit einer straff gegliederten Abhandlung von beispiellos ökonomischer Themen-, Argumentations- und Faktendichte.

Für seinen alle Phasen geistiger und künstlerischer Entwicklung des flämischen Patrioten und Humanisten, Früh- Aufklärers und Früh-Klassizisten Rubens umfassenden Diskurs reichen ihm weniger als 200 Seiten, die außer dem glasklaren, von 98 Abbildungen synchron begleiteten Text auch noch einen Farbtafelteil nebst Anhang mit Biografie und Rubens-Texten zur Kunst enthalten.

Warnkes scharfsinnige Analyse kulminiert in Dutzenden von Hinweisen auf unmittelbar nachprüfbare Details zur anspielungsreichen Ikonografie der für heutige Betrachter oft verwirrend inhaltsreichen religiösen und weltlichen, oft hochpolitischen Gemälde. Seine Bemerkungen zu Komposition, "Altardidaktik", Erzähl-, Farb-, Formdramaturgie und Auftragshintergrund, geschöpft aus souveräner Werk- und Geschichtskenntnis, entfalten nebenbei auch eine Schule zum Begreifen komplexer gegenständlicher Bilder.

Die Erstausgabe von Warnkes Rubens-Buch, das mit Reflexionen zum rätselhaften Spätwerk und zur Werkstattpraxis des Barockmeisters ausklingt, erschien übrigens bereits 1977, wurde nun aber vom Autor gründlich überarbeitet, ergänzt und auf den aktuellen Stand der Forschung gebracht.

Rubens: "Venus, Amor, Bacchus und Ceres" (um 1613)

Martin Warnke: Rubens. Leben und Werk.

DuMont Verlag. 180 S., 119 Abb., 29,90 Euro