Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 52-61

Theater der Begierden

Von Hans Pietsch

Überall sieht die portugiesische Malerin Paula Rego die Macht der Sexualität, die sich hinter Riten, Spielen und Masken versteckt. Mit ihren stark symbolischen Gemälden beschreibt sie weibliche Erfahrungen von Angst und Lust in großen, verstörenden Tableaus - und erfährt damit jetzt einen späten Erfolg

Das knallgrüne Kleid, über ein grob zusammengezimmertes Kreuz gehängt, fällt sofort ins Auge. Etwas verloren steht es in einer Ecke des Ateliers, es hat seine Schuldigkeit getan. An der Wand hängen die ersten Probedrucke einer neuen Serie von Litografien, auf denen das Kleid eine Hauptrolle spielt.

Die Arbeit erzählt das traurige Märchen vom Schwein "Scarecrow" (2006), das der Vogelscheuche bei einem Feuer das Leben rettet. Als es geköpft wird, greift die Vogelscheuche nicht ein: Sie kann sich ja nicht bewegen.

Auch der "Pillowman", die Hauptfigur eines Triptychons von 2004, lungert noch auf einem Sofa herum, mit schlenkernden Gliedmaßen. Ebenso die ganz in Schwarz gekleidete Frau, die zur furchteinflößenden "Aunt" ("Tante", 2006) wurde. In einer anderen Ecke liegen dicht gedrängt einige Stofftiere, überall stehen Requisiten herum, hängen Kleider, aufgereiht an langen Stangen.

Sie alle werden in der Zukunft vielleicht noch einmal Verwendung finden. Nur nichts wegschmeißen!

Sechs Tage in der Woche verbringt Paula Rego in diesen zwei Räumen, halb Requisitenkammer, halb Spielzimmer, von morgens bis abends. In ihrem "wahren Zuhause" fühlt sie sich am wohlsten. Hier baut sie die Tableaus auf, die sie mit ihren Modellen zum Leben erweckt. Entweder von ihr selbst gebaute Puppen oder ihr vertraute Menschen schlüpfen in die Haupt rollen: die portugiesische Krankenschwester Lila etwa, die die meisten ihrer Frauen darstellt, ihr Lebensgefährte Tony für die Männer und ihre Enkel für die Kinder. Auch Bewohner eines nahe gelegenen Altersheims tauchen auf ihren Bildern auf.

Was im Atelier dieser Malerin allerdings fehlt, sind Pinsel und Farbe - Paula Rego arbeitet ausschließlich mit Pastellkreide. Vor etwas mehr als zehn Jahren entdeckte sie Pastell als Medium, beginnend mit der Serie "Dog Woman" (1994). "Für mich geht nichts übers Zeichnen", erläutert sie.

"Deswegen arbeite ich so gerne mit Pastell. Es ist eine physische Aktivität, der ganze Körper nimmt teil. Sogar die Farbe wird gezeichnet." Ihre Arbeit mit Pastellkreide unterscheide sich von der anderer Künstler, sagt Rego. Sie lege Farbschichten übereinander, fast wie mit Öl oder Acryl. "Für die menschliche Haut zunächst Grün, dann Rosa, die Schatten sind manchmal blau. Dann nehme ich einen gelb-grünen Contéstift und bürste die Farben zusammen, so dass sie ineinander fließen. Dann gehe ich zur nächsten Schicht." Die Oberfläche der Bilder wirkt rau und trocken und ist doch von großer Farbigkeit.

Der Wechsel von Acryl zu Pastell änderte auch Regos Arbeitsweise.

Zuvor hatte sie zahlreiche, auf eine endgültige Komposition hinführende Vorzeichnungen angefertigt, ehe sie mit der Arbeit auf der Leinwand begann. Nun arbeitet sie direkt vom Modell. "Ich kopiere, deshalb muss ich die Szene vor mir haben." Es ist fast wie Theaterspielen, sagt sie. "Wir arbeiten zusammen, probieren aus, manchmal stundenlang, um die richtige Haltung, den richtigen Gesichtsausdruck zu finden. Dann male ich die Szene, als sei sie wirklich.

Das ist sie auch: wirklich." Paula Rego bekennt sich in ihrer Kunst zum Narrativen. "Meine Bilder erzählen Geschichten; sie illustrieren sie nicht", sagt sie, "alles spielt sich in der Gegenwart ab." Wo die Ideen herkommen?

"Von Büchern, von Begebenheiten, von Geschichten, an die ich mich erinnere." Vor allem Erinnerungen an ihre Kindheit in Portugal beflügeln Regos Fantasie. Zum Beispiel Märchen und Geschichten oder die Erlebnisse einer strengen katholischen Erziehung. Disziplin war damals alles, trotz eines liberalen Vaters. Sie zog sich dann in ihr Zimmer zurück und zeichnete. "Dabei konnte ich Luft ablassen und die Wahrheit sagen. Und mich auch an Menschen rächen. Das tue ich heute noch." In den sechziger Jahren schuf die 1935 geborene Künstlerin subversive politische Collagen gegen die seit mehr als 30 Jahren bestehende faschistische Diktatur in ihrer Heimat Portugal. Wie die Surrealisten, die sie bewundert, benutzte sie die Collage als Negierung traditioneller künstlerischer Formen und als Angriff auf das bestehende Wertesystem. Gleichzeitig verweisen diese Arbeiten mit ihrem erzählerischen Impetus aber auch schon auf ihre großen Gemälde der achtziger Jahre wie das Fest im Mondschein "The Dance" (1988), mit denen ihr, nun in London ansässig, der endgültige Durchbruch gelang.

Nur eine ihrer nach den frühen Collagen entstandenen Arbeiten hat eine deutlich politische Aussage. 1998 war in Portugal ein Volksbegehren zur Legaliserung der Abtreibung wegen mangelnder Wahlbeteiligung gescheitert.

Der Zorn der Künstlerin entlud sich in einer Serie ohne Titel, in deren Mittelpunkt drei schlicht "Triptychon" (1998) betitelte Bilder stehen, die junge Frauen unmittelbar vor und nach einer illegalen Abtreibung zeigt - mit gespreizten Beinen oder vor Schmerz verkrümmt auf alten Betten liegend, auf einem Eimer sitzend, in Erwartung, dass der Körper den Fötus abstößt.

In den meisten ihrer Werke spielen Frauen die Hauptrolle. Der Kritiker Robert Hughes nennt die Künstlerin auch "die beste lebende Malerin weiblicher Erfahrungen", und Germaine Greer - Regos Porträt der Feministin von 1995 hängt in Londons National Portrait Gallery - schwärmt, es sei Frauen "nicht oft vergönnt, sich selbst auf Gemälden wiederzuerkennen.

Noch seltener, ihre private Welt, ihre Träume mit solcher Unbescheidenheit dargestellt zu sehen." Regos Frauen sind stark, hart, praktisch - und skrupellos. "Ich kann den Spieß umdrehen", sagt sie, und wieder huscht dieses kauzige Lächeln über ihr Gesicht, "und Frauen stärker machen als Männer. Ich kann sie gleich zeitig gehorsam und aufmüpfig machen." Ihren Männern, auch wenn sie sich als Monster verhalten, verleiht sie eine Aura der Verwundbarkeit, die sie für notwendig hält, "damit ich sie kontrollieren kann." Dieses Mal schüttelt sie ein lautes Lachen.

Paula Regos Arbeit kennt kein Schwarz und Weiß, sie interessiert sich für die Zwischentöne. Die plumpen Frauen der "Dancing Ostriches" (1995), frei nach Walt Disneys Film "Fantasia", sind von großer Leichtigkeit, ja sogar Eleganz, und in Bildern der Serie "Girl and Dog" (1986), in der Mädchen einen kranken Hund umsorgen - ihn bürsten, füttern, zärtlich kraulen und ihren Rock für ihn hochheben - ist eine delikate Gratwanderung zwischen Fürsorge und Verletzung, Liebe und Abhängigkeit, Sehnsucht, Frustration und Zorn spürbar. Dass eines der Mädchen den aus dem Bildraum flieh enden Hund mit dem Ziel verfolgt, ihn zu erwürgen, spricht ebenfalls von Zweischneidigkeit.

Ihr Werk hat unverblümt autobiografischen Charakter, und Paula Rego steht dazu. "Alles handelt von mir.

Meistens stellt Lila mich dar." Und warum nimmt sie dann nicht gleich sich selbst als Modell? "Weil ich es hasse, in den Spiegel zu schauen. Ich kann nicht ich selbst sein, wenn ich mich ansehe. Ich habe es einmal versucht, es war abstoßend. Nur die Beine in ,Dog Woman' gehören mir, weiter gehe ich nicht." Diese Serie zeigt Frauen in der Haltung von Hunden - knurrend, bellend, an einem Knochen nagend.

Eine hebt gar ihr Bein und pinkelt an ein Bett. Immer ist das nicht gezeigte Herrchen präsent. Sie nennt die Serie "eine Liebesgeschichte", die sie nicht sadomasochistisch verstanden wissen will. "Brutalität ist notwendig, um extreme Gefühle ausdrücken zu können." Eine ihrer großen Arbeiten, das Triptychon "Pillowman", geht auf eine Episode des gleichnamigen Erfolgsstücks des Iren Martin McDonagh zurück, das sie wegen der Verflechtung mit makabren Märchen begeisterte.

Der aus weichen Kissen bestehenden Kissenmann, "mit zwei Knopfaugen und einem ständigen breiten Lächeln", versetzt Erwachsene, die Selbstmord begehen wollen, zurück in ihre Kindheit und versucht sie zu überreden, sich bereits als Kind umzubringen, um so ein freudloses Leben zu vermeiden.

In Regos Version dominiert der von ihr selbst ausgestopfte, gewaltige Kissenmann den Bildraum. Doch ihr mörderischer Verführer ist auch eine melancholische Kreatur, die sich nach Zärtlichkeit sehnt - die Grenzen zwischen Gut und Böse sind verwischt.

Diese Zweideutigkeit tritt besonders im mittleren Panel des Triptychons zu tage. Es ist unmöglich zu sagen, ob das junge Mädchen in seinem Arm ihn vor dem Selbstmord tröstet oder von ihm getröstet wird. Alarmierend ist jedoch die Tatsache, dass sein Hosenlatz offensteht: Ist er nur schlampig gewesen, oder hat sie etwa mit seinem "Spielzeug" gespielt? Überall sieht die Malerin Sexualität.

"Kinder haben erstaunlich starke sexuelle Sehnsüchte und Ängste", sagt sie. "Sie sind sich ihres Körpers und ihrer Sexualität bewusst. Erst später benennen wir alles." Ihre Darstellungen junger Mädchen werden mit denen von Balthus verglichen. Aber die Autorin Marina Warner benennt die Unterschiede: "Balthus ist ein Voyeurist, der auf sich ihrer Sexualität nicht bewusste Mädchen blickt. Paula Regos junge Mädchen dagegen sind im Besitz der eigenen Gefühle, und wir als Betrachter werden aufgefordert, sie mit ihnen zu teilen." Und doch spielt immer wieder Unaussprechliches, fast Bedrohliches mit hinein. Das ganz in Weiß gekleidete Mädchen von "The Policeman's Daughter" (1987) sieht auf den ersten Blick wie die gehorsame Tochter aus, die ihres Vaters Stiefel poliert. Doch der bis unten in den Stiefel gesteckte Arm des Mädchens deutet auf sicher nicht zufällige sexuelle Untertöne. "Sie tut etwas für den Vater und putzt gleichzeitig seine Stiefel", kommentiert die Künstlerin. Was sie "tut", bleibt unklar.

In Paula Regos Welt ist eben nichts, was es zu sein scheint.

Literatur: Fiona Bradley: Paula Rego. Tate Publishing, 2003; John McEwen: Paula Rego. Phaidon Verlag, 2006, in Englisch. Galerie: Marlborough Fine Art, London, www.marlboroughfineart.com

"Brutalität ist notwendig, um extreme Gefühle ausdrücken zu können", sagt Paula Rego: "The Shakespeare Room" (2005, 110 x 120 cm)

Paula Rego in ihrem Atelier in London mit dem "Pillowman" und anderen Puppen, die ihr als Vorlage dienen (Foto:

Elke Bock)

Düstere Geschichten über einen Kissenmann als sexuelles Objekt: "The Pillowman" (Triptychon, 2004, je 180 x 120 cm)

Paula Regos Frauen sind stark, hart, praktisch - und skrupellos

Modernes Schneewittchen: "Swallows the Poisoned Apple" (1995, 170 x 150 cm)

Alles handelt von mir", sagt Rego über ihr Werk unverblümt

Versprechen der Lust und Grimassen der Enttäuschung:

"Broken Promises" (2006, 160 x 120 cm)

In der Serie "Dog Woman" malte Rego Frauen in der Rolle von Hunden. Das Herrchen ist stets präsent (1994, 120 x 160 cm)

"Die Arbeit mit Pastell ist eine physische Aktivität, der ganze Körper nimmt teil"

Auch die "Dancing Ostriches" (Tanzenden Sträuße) zeigen Frauen in tierischen Posen - frei nach Disneys "Fantasia" (1995, 150 x 150 cm)

Abtreibung als politisches Thema: "Untitled No. 1" (1998/99, 110 x 100 cm)

Versteckte Inzestsymbolik: "The Policeman's Daughter" (1987, 213 x 152 cm)

Der Kritiker Robert Hughes nannte Paula Rego einmal "die beste lebende Malerin weiblicher Erfahrungen"