Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 18-27
Der rastlose Rollenwechsler
Von Silke Mller
Vor 40 Jahren entwickelte Timm Rautert eine "Grammatik der Fotografie". Ohne Scheu erprobte er diese in der Kunst wie im Journalismus und fand so zu einer sehr wandlungsfähigen Bildsprache. Eine große Werkschau in Leipzig würdigt jetzt den Ausnahmefotografen mit den vielen Gesichtern
Die Unruhe, die sein Lebenswerk vorangetrieben hat, ist Timm Rautert nicht anzumerken. Er wirkt beständig, fast altmodisch authentisch, mit sich selbst im Reinen. 65 Jahre alt ist er nun, als Professor für Fotografie in Leipzig emeritiert, doch mangels Nachfolger noch immer an der Hochschule tätig.
Timm Rautert empfängt inmitten sorgsam aufgetürmter Stapel von Fotografien, auf zwei windschiefen Etagen einer ehemaligen Schreinerei in Essen- Werden, um die Ecke liegt die Folkwangschule.
Ein höflicher, leise sprechender Mann, der grünen Tee und Bio-Pflaumenkuchen anbietet und vor lauter Reden übers Bildermachen einen Termin beim Arzt vergisst - der Meniskus ... beim Wandern.
Und dennoch: Mit seinen Erfindungen und Kehrtwenden, seinen Rollenwechseln und Selbstbefragungen hat er die Fotografie einmal vor- und wieder zurückdekliniert. Sein Werk könnte auch von diversen Autoren stammen und ist doch so miteinander verknüpft, dass sich die Arbeiten kaum einzeln betrachten lassen. Es gibt den Schüler von Otto Steinert, den Konzeptkünstler, den Fotoreporter, den unabhängigen Bildermacher und den Fotografieprofessor Rautert, und was all diese Rauterts in 40 Jahren hervorgebracht haben, soll nun eine große Werkschau im Museum der bildenden Künste Leipzig vorstellen.
Wie der Mythos Ferdinand Sauerbruch über der Chirurgen-Zunft schwebt der Geist Otto Steinerts über den Köpfen der deutschen Fotografen.
Wer bei Steinert zwischen 1959 und 1974 an der Essener Folkwangschule studiert hat, spricht den Namen des Begründers der "Subjektiven Fotografie" mit Furcht und Bewunderung aus.
Dirk Reinartz (1947 bis 2004) und Hein rich Riebesehl (Jahrgang 1938) waren seine Schüler und von 1966 bis 1971 auch Timm Rautert.
Nach einer Lehre zum Schaufenstergestalter, Schrift- und Plakatmaler entdeckt Rautert die Fotografie und wird bei Otto Steinert in Essen angenommen.
Der große Meister treibt seine Schüler zum vollendeten, künstlerisch autonomen Einzelbild - auf dem größtmöglichen Format, dem besten hochglänzenden Barytpapier und unter Auf bietung aller Labor-Raffinessen.
Ein Steinert-Porträt, so er innert sich Rautert, entstand zu mindestens 50 Prozent in der Dunkelkammer.
Und war solch ein kongenialer Print erst einmal vollbracht, so ließ er sich nicht wiederholen. Allein ein Repronegativ ermöglichte weitere Abzüge - natürlich kleiner, wegen des Qualitätsverlusts.
Diesem übermächtigen Lehrer und "kompromisslosen Genauigkeitsfanatiker" begegnete der junge Rautert mit Schlendrian und später mit Rebellion.
"Er hat mich mal rausgeschmissen.
Alle Guten bei Steinert sind mal rausgeflogen.
Er hat gesagt, hör zu Rautert, du bist begabt, aber du bist faul. Wenn du die Themen, die du nicht gemacht hast, bis zum Wintersemester nicht anbringst, Schluss'. Dann habe ich den ganzen Sommer geschuftet. Mir fehlte das Glas Wasser, die Münze, Schwarzes Telefon auf Schwarz. Das war eklig zu fotografieren. Dann kam ich mit den Bildern an und konnte weitermachen." Doch was Rautert suchte, war alles andere als das kunstvolle, in Schönheit sich selbst genügende Einzelbild.
Es sind die späten sechziger Jahre, Rautert ist politisch aktiv, an aktueller Kunst und Literatur interessiert. Steinerts Auf gaben nimmt er ernst, er pro duziert die geforderten Auslandsfeatures (1969 New York, 1970 Japan), macht eine Werksreportage bei Porsche in Zuf fenhausen (und hat bis heute damit nicht aufgehört) und löst die Auf gabe "Kinderserie", indem er die beiden wilden Bengel von Künstlerfreund Franz Erhard Walther in New York fotografiert. Aber die Distanz zum Leh rer wächst: "Mir war das alles zu grafisch, zu ästhetisch. Leerer Formalismus. Ich brachte es nicht übers Herz, so ein paar Oberleitungen zu fotografieren." Rautert startet eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Fotografie.
Es entsteht noch zu Studienzeiten seine zusammen mit dem Kunsttheoretiker Manfred Schmalriede entwickelte Konzeptkunst-Arbeit "Bildanalytische Photographie" (1968 bis 1974), die in ihrer Fragestellung an das Medium so ungebrochen aktuell geblieben ist, dass sie 2000 erneut als Ausstellung auf Tournee ging. "Ich habe versucht, eine Grammatik der Fotografie zu machen", sagt Rautert.
Ab nun verschmäht er das schöne Einzelbild, arbeitet in Serien und stellt erst einmal seine Kamera auf den Kopf.
Er zieht Negative seitenverkehrt ab, belichtet sie nur zur Hälfte, produziert ein fotografisches "Schwarzes Quadrat" in Anspielung auf Kasimir Malewitsch, fotografiert Postkarten ab, rubbelt Letra-Set-Buchstaben auf die Abzüge. Bilder sind gemacht, sagen all diese Arbeiten - nichts, was auf einer Fotografie zu sehen ist, ist einfach nur echt oder wahr.
Seine Abkehr von der hehren Fotokunst erscheint aus heutiger Sicht zwangsläufig. In einem Interview sagt Rautert, die Fotografie sei viel zu schade, um nur als Kunst gebraucht zu werden. Rautert zieht es zum Journalismus, in die noch junge Zeitschriftenwelt von "Zeitmagazin" (1970 bis 1999) und "Geo" (1975 gegründet). "Ich habe eine Million Auflage", begeistert er sich - der junge Fotograf glaubt an die aufklärerische Wirkung der Presse, ein wenig will auch er die Welt verändern. Michael Holzach wird sein Partner, der eine fotografiert, der andere schreibt. Es erscheinen einfühlsame, wie aus einem Guss gefügte Bildreportagen über jugendliche Trinker, Penner, Langzeitarbeitslose, Gastarbeiterkinder. "Wir haben keine Exoten gesammelt. Unser Thema war die gesellschaftliche Wirklichkeit und das Randgruppendasein vieler Menschen im Deutschland der siebziger Jahre." Als diese Zeilen 1985 als Vorwort des gemeinsam geplanten Buchs "Zeitberichte" erscheinen, ist Michael Holz ach tot und Timm Rautert fertig mit der Medienbranche.
Immer schneller hatte sich die Welt für die beiden gedreht, immer größer wurden die Spesen, weiter die Reisen, die zwei waren die Stars der Szene und empfanden ihr Eintauchen in die Welt der Armen, Abgebrannten und Verzweifelten schließlich als "halbseiden", so Holzach. Er ertrinkt bei der Recherche am Emscher-Kanal, den er "Tor zur Unterwelt" nannte, im Abwasser.
Rautert muss ihn identifizieren, sie waren verabredet.
Er verliert nicht nur einen Kollegen, er verliert einen Freund. Es ist ein tiefer Einschnitt in sein Leben.
"Ich habe dann gesagt, ich mache jetzt nur noch das, wovon ich selber etwas lerne oder etwas davon habe. Und ich entwickle jetzt mein eigenes Welt- Bild." Rautert will Abstand, Reflexion statt Unmittelbarkeit. Er widmet sich langfristigeren Vorhaben, arbeitet mit dem Grafiker Otl Aicher zusammen, beobachtet Gerhard Richter in seinem Atelier, begleitet die Berliner Philharmoniker 1986 ein Jahr lang für ein Buchprojekt und findet zurück zu einem Thema, das ihn bereits 1968, bei Steinert, zu interessieren begonnen hatte: die Welt der Arbeit.
Es entstehen Fotografien, die auf seltsame Art zu schweben scheinen zwischen einer ungeschönten und doch eleganten Form von Wirk lichkeitsbeschreibung und einer darüber hinausweisenden Allgemeingültigkeit.
Ein Triptychon von 1992 zeigt eine vollautomatisierte Produktionsstraße bei Porsche in Zuffenhausen.
Die Helden der Arbeit: knallrote Roboterarme.
Wie ein von Schädlingen befallenes Insekt liegt die rohe Karosse auf ihrem Transportgestell. "Er führt uns in diesen Bildern die Unsichtbarkeit modernster Arbeit so vor Augen, dass uns die Bilder selbst unheimlich werden; ihre Unbegreiflichkeit scheint uns fast größer als die Unbegreiflichkeit des Dargestellten", schreibt der Kunsthistoriker Daniel Stemmrich im Katalog "Arbeiten" (2000). Und der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme findet in seinem Aufsatz über Rauterts Serie "Gehäuse des Unsichtbaren" (veröffentlicht 1992) ein "Rauschen der Medien" in den Bildern: "Mit Kalkül gibt Timm Rautert uns dauernd etwas zu sehen, was nichts mehr mitteilt.
Die Bilder zeigen sich, aber nicht mehr et was." Analoge Fotografie im digitalen Zeitalter. Böhme sieht darin eine Verschwörung von Mensch und Kamera, beides natürlich Auslaufmodelle, "vielleicht mit dem Rücken zur Zukunft".
Mag sein. Für die Studenten ist digitale Fotografie, das Generieren von Bildern am Computer, bereits Alltag. Was der Senior gelten lässt: "Die Fotografie ist ein technisches Mittel. Mit allen technischen Neuerungen hat sich auch das Bild verändert. Das Authentische ist heute ganz weg, das ist vielleicht ein bisschen schade. Obwohl - so richtig konnte man dem nie trauen." Als Rautert 1993 Professor in Leipzig wird, schließen sich gleich mehrere Kreise in seinem Leben.
Seine Mutter stammte aus Leipzig, und Rautert empfindet eine große Verbundenheit mit der Stadt. Und er, der gegen den großen Steinert aufbegehrte, ihn mit Medientheorien und Konzept-Fotografie quälte und im Auftrag der Studentenschaft die Abschaffung der Noten forderte, steht nun selbst vor ehrgeizigen Jungkünstlern und ringt mit ihnen um die gültige Definition von Fotografie. Und das ausgerechnet an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, an der von den Sechzigern bis zum Ende der achtziger Jahre die "Leipziger Schule" um die Malerei-Professoren Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer den Ton angab. "Als ich in Leipzig anfing, war das ein Problem.
Bestimmte Maler, die Traditionalisten, haben einem vorgeworfen:
Ihr seid mechanisch - und wir sind haptisch, emotional, subjektiv. Da mochte man gar nicht darüber reden, dass Steinert ja den Begriff der subjektiven Fotografie geprägt hat. Davor ist es das objektive Medium schlechthin gewesen. Als Leitmedium des 20. Jahrhunderts hat die Fotografie die Malerei verändert und wird sie immer noch weiter verändern." Heute geben wieder die Maler den Ton an - nur die Professoren haben gewechselt. Doch dazwischen, in den neunziger Jahren, baute Rautert zusammen mit seinen Kollegen den Foto- Fachbereich zur führenden Ausbildungsstätte in Deutschland auf. Nun geht es darum, eine neue Generation von Professoren an die Schule zu holen.
Und dann ist ja noch die Nachfolge von Timm Rautert zu klären. Der kann sich schließlich nicht ewig selbst vertreten.
Außerdem hat er noch eine Menge zu tun. Sein Frühwerk aufarbeiten, zum Beispiel. Es erscheint erstmals die komplette Serie "Deutsche in Uniform" von 1974 als Buch. So vieles liegt im Archiv, das noch nicht im richtigen Umfeld ausgestellt oder veröffentlicht wurde.
Fotografiert er überhaupt noch selbst? "Natürlich! Ich habe da einen ganzen Schrank voller Geräte. Die gucken mich manchmal an. Ich mache den Schrank auf, sehe die und mache ihn ganz schnell wieder zu. Sie werden mich nie mit einer Kamera in der Hand sehen."
Ausstellung: bis 18. Februar, Museum der bildenden Künste Leipzig. Kataloge: Steidl Verlag, Wenn wir dich nicht sehen, siehst du uns auch nicht, 50 Euro; Deutsche in Uniform, 40 Euro.
Internet: www.mdbk.de
Timm Rautert in seinem Essener Atelier. Foto: Lisa Marei Schmidt
Unter dem Einfluss der "Subjektiven Fotografie" seines Lehrers Otto Steinert entstand dieses Bild der New Yorker Börse (1969, 60 x 50 cm)
Die Inszenierungen des American way of life werden durch Rauterts Sicht ironisch gebrochen: "New York" (1969, 40 x 50 cm) und ...
... "Model V, New York" (1969, 60 x 50 cm)
Doppelporträt einer Wolke: ohne Titel (1974, je 21 x 14 cm)
Seit 1968 verfolgt Rautert die Entwicklung der Arbeitswelt bei Porsche: "Porsche AG, Zuffenhausen" (1968, 49 x 59 cm)
Im gleichen Maße wie die Montagetechnik änderte sich die fotografische Methode: "Porsche" (1992, 70 x 100 cm)
Seine Abkehr von der hehren Fotokunst hin zur Magazinfotografie begründete Rautert mit dem Satz, die Fotografie sei zu schade, um nur als Kunst gebraucht zu werden
Mitte der siebziger Jahre wendete sich Rautert vom Kunstbild ab und fotografierte Serien: "The Amish" (1974, 30 x 40 cm)
Der Wechsel zur Pressefotografie verbindet sich mit der Hoffnung auf das aufklärende Bild: "Hutterer" (1978, 23 x 32 cm)
"Als Leitmedium des 20. Jahrhunderts hat die Fotografie die Malerei verändert und wird sie immer noch weiter verändern", ist sich Timm Rautert sicher
SILKE MÜLLER
