Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 46-51
Bilanz 2006: Zu viel Marketing
Von
Zu Events gestylte Großausstellungen und zu viele Kunstmessen ärgerten die Kritiker. Überzeugen konnten dagegen solide Einzelschauen von Hans Holbein, Neo Rauch und Brice Marden
1. Welche Ausstellung des Jahres 2006 war für Sie die wichtigste und warum? 2. Welche Ausstellung des Jahres 2006 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum? 3. Welche Künstlerin bzw. welcher Künstler, deren/ dessen Werk Sie 2006 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert?
Holger Liebs, "Süddeutsche Zeitung", München 1. Das Beste an der Art Basel 2006 war die Holbein-Ausstellung im Kunstmuseum, das Beste an der Frieze Art Fair in London war wiederum die Holbein-Ausstellung, Teil zwei, in der Tate Britain.
2. Ein quietschbuntes, erkenntnisarmes Allerlei, unbeleckt von kuratorischem Zugriff, war die Malereischau Zurück zur Figur in der Münchner Hypo-Kunsthalle, der ihre sture Beschränkung aufs Porträtgenre zum Verhängnis wurde: So eindimensional ist die Gegenwartskunst nun wirklich nicht.
3. Die in New York lebende Argentinierin Mika Rottenberg mischt in ihren Videos Marx und Matthew Barney: In selbst entworfenen, klaustrophobischen Sweatshops lässt sie unförmige Frauen ackern, damit diese buchstäblich mit Blut und Tränen bizarr quellende Formen produzieren - bissige Kommentare zu Ausbeutung und Verschwendung im Turbokapitalismus.
Peter Plagens, "Newsweek", New York 1. Die Brice Marden-Retrospektive im MoMA, weil sie das Potenzial schlichter, schnörkelloser, abstrakter Malerei auf traditioneller, flacher, rechteckiger Leinwand aufs Neue bestätigte.
2. Die 2006 Whitney Biennial of American Art, weil sie trotz einer aggressiven Kuratoren-These ("Day for Night" nach Truffauts Film und einer Filmtechnik, bei der Nachtszenen bei Tageslicht gedreht werden) auf fast allen Ebenen versagte: bei Installationen, echter Neuheit, Ernsthaftigkeit, sinnvoller Erweiterung der Definition "amerikanische Kunst", beim Katalog und bei der Begründung, die Biennale in ihrer jetzigen Form weiterzuführen.
3. Dies soll nicht als besonders negative Antwort gelten (vielleicht bin ich nur altmodisch), aber für mich ist es wichtiger, einen Künstler das zweite Mal zu sehen. 2006 bin ich etwa 20 "interessanten" Künstlern begegnet.
Sie werden in meinem geistigen "Halte"-Ordner gespeichert, bis ich sie wiedersehe und sie das Versprechen des ersten Mals halten. Das ist noch nicht geschehen.
Paolo Vagheggi, "La Repubblica", Rom 1 Das beste im Jahr 2006 waren die Mes se in Miami, die Art Basel und die Frieze. Inzwischen kann man den wirklich globalen Zustand der zeitgenössischen Kunst nur noch auf Kunstmessen sehen. Eine schlechte Situation!
Oder eine gute Situation!
2 Die Architekturbiennale in Venedig war eine wirklich schlechte Ausstellung.
Die Biennale verwandelte die Probleme und Fragen der Architektur in ein gigantisches Magazin, fast wie "National Geographic". So ist die Biennale nutzlos.
3 Ein neuer Eintrag: Giacomo Costa, ein junger italienischer Fotograf, 36, ist ein wahrer Künstler, kein einfacher Fotograf. Seine Arbeiten haben etwas von dem Einfallsreichtum Piranesis. Wirklich fantastisch.
Richard Cork, "The Times", London 1. Die Michael-Craig-Martin-Retrospektive im Irish Museum of Modern Art in Dublin war eine Offenbarung. Zum ersten Mal wurde die volle Breite von Craig-Martins Leistungen von den späten sechziger Jahren bis zur Gegenwart klar.
2. Der Besuch der Pariser FIAC im Grand Palais und im Cour Carrée des Louvre ließ mich mal wieder über Kunstmessen nachdenken. Angeheizt durch verrückte Geldsummen, die heute für zeitgenössische Kunst bezahlt wird, breiten sich solche Events immer mehr aus. Aber was die Präsentation von Kunst angeht, sind sie wirklich deprimierend. Die Werke werden gewöhnlich schlecht gehängt, und die einzige Sorge scheint dem Preisschild zu gelten.
3. Beim Betreten von Christoph Büchels starker und beklemmen der Installation bei Hauser & Wirth hatte man das Gefühl, man checkt in einem schäbiges Londoner Hotel ein. Betten blockierten den Weg durch den Korridor, und die Zimmer waren mit Habseligkeiten vollgestopft. Die Bewohner schienen in Eile geflüchtet zu sein, und das riesige Lagerhaus dahinter war auch verlassen. Nur der schmuddelige Schiffscontainer, in dem die Flüchtlinge einst hausten, war noch da, und darunter lauerten die Überreste einer bizarren Ausgrabungsstätte.
Barbara Basting, "Tages-Anzeiger", Zürich 1. "Cinq milliards d'années" im Palais de Tokyo, Paris.
Marc-Olivier Wahlers erste Ausstellung im Palais de Tokyo verband kluges Understatement mit atmosphärischer und inhaltlicher Dichte - ein vielversprechender Anfang.
2. Schnittpunkt Kunst und Kleid, Kunstmuseum, Textilmuseum und Kunsthalle St. Gallen. Klar, Kunst und Mode sind ein glamouröses Paar, aber hier war ihre Verbindung zwecks Stadt- und Standortmarketing arg durchsichtig und die Umarmung mit dem St. Galler Modelabel Akris gar eng.
3. Vidya Gastaldon. Die junge französische Künstlerin installierte im Kunstmuseum Thun textile Landschaften und Objekte, deren halb ernster, halb humorvoller Esoterik- Touch reizvoll verwirrend wirkte.
Ulrike Knöfel, "Der Spiegel", Hamburg 1. Unter den vielen Biennalen ragte die Berlin-Biennale als einfallsreich und wenig angestrengt heraus: Berlin- Mitte als großes Kunsttheater, die Dramatisierung des Lokalkolorits - das fiel auch international auf!
Stellenweise kippte das Konzept ins Pathetische oder Klischeehafte. Andererseits lebt der Ruf Berlins von Klischees, also passte es auch wieder.
2. Die Guggenheim-Präsentation in der Bonner Kunstund Ausstellungshalle (zum Event gestylte Selbstbeweihräucherung der New Yorker) und die französischen Wochen in Berlin. Der kuriose Höhepunkt dieser Frankreich-Festspiele mit dem Titel "Art France Berlin" war die Malerei-Ausstellung im Martin-Gropius- Bau: viel B-Ware, lieblos an die Wände drapiert.
Ein PR-Schnellschuss, der nach hinten losging, keine gute Selbstdarstellung der Grande Nation.
3. Die Schwedin Nathalie Djurberg, die ihre Filme mit Knetfiguren besetzt. Ihre Animationen - unverblümt, drastisch, sehr eigen - konnten 2006 an mehreren Orten besichtigt werden. Eindrucksvoll war die Ausstellung in der New Yorker Zach Feuer Gallery. Ein schlichter Raum, viele Monitore, in der Summe eine gelungene Inszenierung des Grotesken.
Thomas Wagner, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Frankfurt/Main 1 In der Alten Kunst war die Hans-Holbein-d.-J.-Schau im Basler Kunstmuseum das Beste, was seit langem zu sehen war, nicht nur aufgrund der Fülle an Werken, sondern weil die Altartafeln und Bildnisse trotz aller konservatorischer Einwände in direkter Nachbarschaft zu den Zeichnungen präsentiert wurden.
Was die Zeitgenossen angeht, so hat es die Wolfsburger Neo-Rauch-Retrospektive geschafft, die Entwicklung seines OEuvres jenseits des Riesenrummels um den Kunstmarkt-Star solide und subtil nachvollziehbar zu machen.
2 "Anonym - In the Future No One Will Be Famous" in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle, weil sie sich selbst ein kritisches Mäntelchen umgehängt hat, nur um darunter schlechte Kunst zu verbergen, altbekannte Vorurteile gegenüber der zeitgenössischen Kunst aufleben zu lassen und so zu tun, als sei's keiner gewesen, wo einem die Macht der Kuratoren und die Abhängigkeit von Sponsoren doch überall in der Schirn ins Auge springt.
3 Christoph Brech, dessen Fotografien und Video-Arbeiten ich in der Villa Massimo in Rom zum ersten Mal gesehen habe, weil sie Wahrnehmungen mit erstaunlicher Sicherheit und Präzision in klare und ruhige Bilder voll poetischer Kraft zu verwandeln wissen, die wie intensive Erinnerungen haften bleiben.
Hanno Rauterberg "Die Zeit", Hamburg 1. Berlin-Biennale einmal anders: nicht beliebig, nicht dröge, nicht faktenversessen, dafür mit viel Drama und Tiefe. Eine Ausstellung als Prozession, als Suche nach Sinn und Bedeutung.
Melodramatisch, doch in der Inszenierung ungemein dicht. Und ein kraftvoller Gegenentwurf zur Glamourwelt der Auktionen und Messen.
2. Manche halten den Kurator Hans Ulrich Obrist für den Erbfolger des großen Harald Szeemann. In London war er jetzt als König der Oberflächlichkeit zu bewundern: Den Sommerpavillon neben der Serpentine Gallery inszenierte er als Videolounge, doch funkelte die Sonne so hell durch die Plastikwände, dass selbst mit Sonnenbrille rein gar nichts zu sehen war. Auch seine China-Ausstellung voller Widrigkeiten: In einem alten Kraftwerk standen die Besucher in Pfützen, endlose Videos dröhnten von vorne und hinten - die Kunst- und Publikumsverachtung war perfekt.
3. Dachte, so etwas sei ausgestorben. Exyst nennt sich die Truppe, eine Kommune mit Designern, Künstlern, Architekten, Gärtnern, die mit großer Freude an Grappa und Gesang den französischen Pavillon stürmten und damit Venedigs Architekturbiennale zum Wohn- und Lebensort verwandelten - mit Sauna und Swimmingpool auf dem Dach und Hängematte in den Wipfeln. Ungezügelte Kunst, die nichts zeigen, nichts beweisen will; ihr reicht das Sein.
Matthias Dusini, "Falter", Wien 1. Edward Krasinskis Retrospektive "Les mises en scène" in der Generali Foundation in Wien rief einen Künstler in Erinnerung, dessen an surrealistische und konstruktivistische Traditionslinien anschließendes Werk sich elegant in die werkkritischen Diskurse der sechziger und siebziger Jahre einfügt.
2. Die Ausstellung "This is not for you" in der privaten Wiener Kunsthalle Thyssen-Bornemisza Art Contemporary verspricht im Untertitel "skulpturale Diskurse", demonstriert aber lediglich den hedonistischen Mehrwert von Kunst-Shopping auf Luxusniveau und ist damit der Achtziger-Jahre-Disko näher als den Diskursen jenes Jahrzehnts.
3. Kaucyila Brookes Fotos von leer geräumten Vitrinen und ausgestopften Tieren im Wiener Naturhistorischen Museum sind eine Hommage an positivistische Ordnungssysteme, deren Relikte wunderbare Erzählungen über den ästhetischen Überschuss scheinbar neutraler Wissenschaftlichkeit vermitteln.
Tim Sommer, "art - Das Kunstmagazin", Hamburg 1. Die Doppelausstellung zu Hans Holbein d. J. in Basel und London war ein Meilenstein. Viel zu oft werden Meisterwerke durch die Welt geflogen, nur, um immer wieder immer mehr Besucher anzulocken. Hier konnte man in aller Breite und ganzer Tiefe das Werk und das Leben eines großen Malers erkunden. Ein Fest für Wissenschaft und Publikum.
2. Ja, es bildeten sich Schlangen vor Carsten Höllers Rutscheninstallation "Test Site" in der Turbinenhalle der Tate Modern. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeit schon neun Jahre alt ist:
Seit 1998 kann man in den Berliner Kunst-Werken rutschen. Nur eben nicht so lang. Neue Idee, bitte.
3. Robert Kus´mirowski, ein manischer Fälscher und wacher Fantast, lässt in seinen Installationen (2006:
Kunstverein in Hamburg, Berlin-Biennale) den ganzen Irrsinn des 20. Jahrhunderts aufscheinen. Er lebt und arbeitet in Lublin, der polnischen, österreichischen, russischen, jüdischen Stadt im Osten - und veranschaulicht, wie wichtig es ist, diese Gegend endlich als Teil Euro pas zu begreifen.
Fantastischer Einfallsreichtum:
Giacomo Costas Fotoarbeit "Atto 5" (2006)
Still aus Mika Rottenbergs Videoarbeit "Dough" (2006)
Schlicht, schnörkellos, abstrakt:
Brice Mardens "Dragons" (2000/04)
Humorvoll-esoterisch:
Vidya Gastaldons "Apparat/Dolly Rocker" (2004/05)
Christoph Büchels Installation "Simply Botiful" (2006)
Grotesk inszeniert: Nathalie Djurbergs Video "The Natural Selection" (2006)
Ungezügelt: Künstlergruppe "Exyst" im französischen Pavillon in Venedig
Klare Bilder: Christoph Brechs Video "Break" (2004)
Ästhetischer Überschuss: Kaucyila Brookes Foto "Vitrinen in Arbeit, #93"
Robert Kusmirowskis Kabinett des Dr. Vernier: "Ornamente der Anatomie, Band 2" (2006)
