Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 38
Zauberschlösser für die Kunst
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Jeder Architekt träumt davon, ein Museum zu planen: Nirgends sind die Freiheiten größer - und die Bereitschaft der Bauherren, sich ein aufregendes, zeitgenössisches Gebäude zuzulegen. art präsentiert die elf besten Museumsbauten 2006 - vom repräsentativen Autotempel in Stuttgart bis zum experimentellen Privatmuseum im japanischen Sendai
DENVER/DANIEL LIBESKIND Es ist das erste fertige Gebäude von Daniel Libeskind in den USA und bildet den Mittelpunkt des neuen kulturellen Zentrums von Denver. Der 90 Millionen Dollar teure Anbau des Denver Art Museum funkelt mit seiner Titan-Außenschale wie ein Bergkristall. Aus jedem Winkel nimmt der Bau mit seinen Zacken und Kuben eine andere Form an. Es soll an "ein geologisches Stück der Rocky Mountains in seiner puren, kristallinen Form erinnern", so Libeskind. Einige Kritiker beklagen, dass die Kunstwerke von den asymmetrischen Innenräumen erschlagen würden. Das Gebäude zelebriert die Kunst, entgegnet der Architekt.
Libeskinds Museum soll im ersten Jahr eine Million Besucher anlocken.
LA CORUÑA/NICHOLAS GRIMSHAW Der Entwurf des britischen Architekten für die Fundación Caixa interpretiert das Fragile und Sperrige moderner Kunst humorvoll als Gebäude. Vorn scheint die Fassade aus einer Baulücke zu fallen, hinten zur Stadt macht das Haus einen kratzbürstigen Buckel. Die Galerie in der nordspanischen Stadt La Coruña kombiniert so zwei starke Gesten zu einem janusköpfigen Bau. Hinter der Glasfassade, die stark zur Straße hin gekippt ist, erlaubt ein luftiges Atrium die natürliche Beleuchtung des ganzen Gebäudes. Die metallverkleidete Rückseite schwingt sich dagegen aus einer Straßenflucht hoch zur Vorderfront.
Innen sind helle Galerien und Treppenhäuser sowie ein futuristisches Auditorium entstanden, die der Präsentation galizischer Kultur dienen sollen.
BOSTON/DILLER, SCOFIDIO + RENFRO Das New Yorker Büro wird dank aufsehenerregender Entwürfe seit Jahren als großer Name gehandelt. Dennoch dauerte es bis Dezember 2006, dass ihr erstes großes Gebäude in den USA eröffnet wurde. Das Institute of Contemporary Art (ICA) in Boston hat sich an der Wasserseite ein Muse um bauen lassen, das vor allem mit seinem weit auskragenden Dachgeschoss samt Panorama-Schaufenster besticht. Der Entwurf verschachtelt auf komplexe Weise Galerien, ein Auditorium sowie ein Medienzentrum. Eine große Freitreppe zur Wasserseite erlaubt den geschützten Genuss des Stadtpanoramas auch an Regen tagen. Das spektakuläre ICA ist der erste Museumsneubau in Boston seit 100 Jahren.
PARIS/JEAN NOUVEL Der Neubau spektakulärer Museen wird aktuell am emsigsten in Frankreich betrieben. Und das im Juni neu eröffnete Museum für außereuropäische Kulturen am Quai Branly in Paris sollte eine erste machtvolle Demonstration französischer Kulturhoheit werden.
Doch der 235 Millionen Euro teure Bau neben dem Eiffelturm wirkt eher wie eine unvollendete Bastelarbeit. Als wolle er alle dekorativen Sünden der Postmoderne wiederholen, kombiniert Architekt Jean Nouvel wild bunte Körper und diverse Fassadenelemente. Sein früheres Talent, elegante Großformen zu erfinden, löst sich in einer Art Lego-Expressionismus auf. Innen drängeln sich trotzdem die internationalen Massen, dankbar für ein neues Paris-Event.
HUESCA/RAFAEL MONEO Isoliert in der Landschaft Aragoniens am Ran de der Stadt Huesca steht dieses schwingende kleine Privatmuseum, entworfen vom spanischen Altmeister Rafael Moneo. Es ist der Sammlung und dem Werk des lokalen Malers José Beulas gewidmet, der auch Bauherr ist. Moneo hat aus der Kombination von geschwungenen Linien und strengen Quadern eine Art kubistische Skulptur entwickelt, die durch horizontale Einschnitte im rötlichen Beton grafisches Raffinement erhält. Das Dach ist verglast, so dass im Inneren trotz der geschlossenen Außenhaut eine heitere Stimmung herrscht. Allerdings machen die Mauer-Serpentinen das Bilderhängen zum Geduldsspiel.
TALLINN/PEKKA VAPAAVUORI 1919 wurde die Idee zu einem Kunstmuseum Estlands geboren, seit den dreißiger Jahren gab es Pläne und Wettbewerbe, einen letzten 1993. Doch erst im Februar 2006 konnte der eigenwillige Bau des finnischen Wettbewerbssiegers Pekka Vapaavuori in Tallinn eröffnet werden. Das Eesti Kunstimuuseum (Kumu) liegt auf einem Hügel über dem Präsidentenpalast und sieht von oben aus wie ein Halbmond auf einer Rutsche. In einen halbkreisförmigen Bogen, der einen Platz umschließt, schmiegt sich das in grünem Kalkstein verkleidete Haupthaus. Innen ist das Museum um einen imposanten Canyon organisiert.
Das Gebäude besticht durch eine Vielfalt an Elementen, die sich aber zu einem homogenen Ensemble fügen. Das scharfkantige Ende des "Halbmonds" verleiht dem Bau eine freche Spitze.
TOLEDO/SANAA Wie 15 transparente Luftballons, gequetscht in eine Tupperware-Box, erscheint das neue Glasmuseum in Toledo/Ohio. Das japanische Architektenduo SANAA hat für die Erweiterung des Kunstmuseums in einem Park eine fast vollständig durchsichtige Versammlung von Glasblasen geschaffen. Schlangenförmige, runde und längliche Räume sind frei in den annähernd quadratischen Hauptraum gesetzt - annähernd quadratisch, weil es in dem Gebäude nur Kurven und keine Ecken gibt. Getragen wird die Konstruktion von schlanken Stahlsäulen, so dass alle Räume die freie Sicht untereinander haben. Die im August 2006 eröffnete Super-Vitrine wird für Ausstellungen genutzt.
STUTTGART/UN STUDIO Besteht das Genom des deutschen Mannes in Wahrheit aus Autos? Das Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum des niederländischen Architekturbüros UN Studio legt diesen Scherz nahe:
Das Ausstellungsgebäude, das im Mai 2006 eröffnet wurde, ist ähnlich dem menschlichen Erbgut als Doppelhelix organisiert, angefüllt mit schicken Autos. Das Spiel mit wissenschaftlichen Metaphern, mit dem Ben van Berkel und Caroline Bos schon länger experimentieren, hat bei dem Firmenmuseum jedenfalls zu einem bizarren Raumkonstrukt geführt, das seinesgleichen sucht. Rund um ein haushohes Atrium schlängeln sich die zwei spiralförmigen Parcours durch immer neue Raumblasen und offene Säle. Von außen wirkt das knapp 50 Meter hohe Gebäude neben der Autobahn dagegen wie der Motor eines Raumschiffs.
SENDAI/HITOSHI ABE Auf einem Hügel über der japanischen Stadt Sendai liegt neuerdings ein kleiner, rostiger Hauswürfel mit merkwürdigen Einschnitten und Treppen. Das private Kanno-Museum, entworfen von dem Architekten Hitoshi Abe, beherbergt hinter seinen perforierten Stahlwänden lediglich acht Skulpturen des Bauherren und ist deswegen in seiner Raumgestaltung erstaunlich frei. Die strahlend weiß gehaltenen Ausstellungsräume zeigen sich verschachtelt wie Kurt Schwitters' legendärer Merzbau aus Dada-Zeiten.
Stahltreppen, Galerien und Einschnitte in den Außenwänden durchbrechen die kippenden Wände. Das rätselhafte Schatzkästchen hat lediglich eine Grundfläche von zehn mal zehn Meter, die es optimal für das Museumsexperiment nutzt.
MANCHING/BÜRO FISCHER Ein starker Trend bei Museumsbauten geht zur leuchtenden Kiste. Auf versteckten Betonsockeln schwebende oder aus dem Boden wachsende Glaskörper, die erst nachts ihre Qualitäten als Lampion entfalten, werden weltweit in großer Zahl entworfen. Das Kelten-Römer- Museum in Manching bei Ingolstadt, eine Außenstelle der Archäologischen Staatssammlung München in der einstigen Keltenstadt, ist für diesen Trend beispielhaft. Ein mit Milchglas verkleideter Riegel scheint auf einem transparenten Geschoss schwerelos aufzuliegen und leuchtet nach Sonnenuntergang smaragdgrün. Das funktional gestaltete Gebäude von Fischer Architekten aus München gewinnt aus dieser reduzierten Geste seine Überzeugungskraft.
NEW YORK/ARQUITECTONICA Das Büro aus Miami ist berühmt für seine knalligen Bauskulpturen, die mehr den Geist von Surf and Fun denn von großer Kunst verströmen. Dennoch haben sie sich in New York jetzt an einem Museum versucht und auch diesem eine knackige Fassade verpasst. An einen Faltenrock erinnert die graue Knickfront aus Metall und Glas des Bronx Museum of the Arts. Seitlich sollen dunkle Klinker eine Verbindung zu den Ziegelbauten des Stadtteils herstellen. Die Bauherren schwärmen von der "Rückkehr des kosmopolitischen Ideals", nüchterner würde man von einer Florida-Version der klassischen Vorhang-Fassade sprechen.
Kristall in Titanverkleidung: Daniel Libeskinds Anbau soll das Denver Art Museum zum Publikumsmagneten machen
Für die Fundación Caixa entwarf Nicholas Grimshaw in La Coruña eine lichte Galerie
Den Garten entwarf der Landschaftsarchitekt Gilles Clément: eine wuchernde Oase, in der nachts Hunderte Lichtlein glühen
Panoramafenster und Freitreppe: Das neue ICA von Diller, Scofidio + Renfro in Boston spielt mit dem Wasser
Lego-Expressionismus: Jean Nouvels Musée du Quai Branly ist die neue Attraktion von Paris
Schwingende Formen, klare Kuben: Rafael Moneos Museum in Aragonien
Lang ersehnt: Schon seit 1919 wollten sich die Esten ein Kunstmuseum in Tallinn bauen
Freie Sicht durch alle Wände: das neue Glasmuseum in Toledo/Ohio von SANAA
Pekka Vapaavuoris Bau zeigt Mut zur großen Geste, eine Vielfalt von Elementen fügt sich zum Ganzen
Bizarres Gefüge:
Mercedes-Benz- Museum in Stuttgart von Ben van Berkel und Caroline Bos
Schwebender Milchglasriegel: das Kelten-Römer-Museum in Manching von Fischer Architekten
Skulpturales Experiment auf zehn mal zehn Meter Grundfläche:
Kanno-Museum in Sendai von Hitoshi Abe
Faltenrockfassade: The Bronx Museum of the Arts von Arquitectonica
