Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 28-36
Zwei-Minuten-Bilder
Von Sandra Danicke
Alles, was sie brauchen, ist ein Filzstift: David Shrigley, Markus Vater und Dan Perjovschi beleben die Zeichnung im Geist des Gekritzels
Sie kritzeln Strichmännchen auf Kaffeetassen, schmieren Beschimpfungen an die Innenwände von Ausstellungsräumen und krakeln Bösartigkeiten über Siegfried & Roy auf billige Zettel. Nichts, so scheint es, ist vor den anarchischen Zeichnern sicher. Mit derangierten Filzstift-Gestalten und res pektlosen Texten erobern Dan Perjovschi, David Shrigley und Markus Vater den Kunstmarkt. Doch hinter den flapsigen Gesten stecken poetische Gedanken, philosophische Fragen und politische Statements. Hielte man einem Künstler vor, er habe die Idee für sein Werk aus der "Bild"-Zeitung, man müsste wohl in den allermeisten Fällen mit Wutausbrüchen und Verleumdungsklagen rechnen. Dan Perjovschi aber gibt freimütig zu: "Meine Themen stammen aus den Boulevard-Medien." Auch Klatschgeschichten gehören zum bevorzugten Arbeitsmaterial des Künstlers, der mit seinen strähnigen langen Haaren, dem struppigen Schnauzbart und seinen Socken in den Gesundheitssandalen ziemlich genau dem Klischee vom Ostblock-Kreativen entspricht.
Dan Perjovschi kommt aus Rumänien; er reist mit leichtem Gepäck. Wird der Künstler zu einer Ausstellung eingeladen, bringt er bloß einen Filzstift mit. Ein paar Tage lang hört er sich um, liest billige Illustrierte und lässt sich erzählen, was den Bürger denn nun so bewegt in, sagen wir: Deutschland.
Dann geht es los. Mit der Geschwindigkeit des legendären Schnellzeichners Oskar aus der Fernseh sendung "Dalli Dalli" kritzelt Perjovschi Strichmännchen, Gesichter und Sätze auf weiße Ausstellungswände und entwickelt in kürzester Zeit kleine Szenarien, die auf originelle Art Befindlichkeiten auf den Punkt bringen. "Es macht mir immer großen Spaß, weiße Wände voll zu schmieren und damit Territorien zu besetzen", gesteht der Künstler, der mit einer kindlichen Respektlosigkeit zu Werk geht, die leicht mit Dilettantismus verwechselt werden kann, jedoch vor allem darauf setzt, von jedem binnen kürzester Zeit verstanden zu werden.
Das Zeichnen auf Wände ist für Perjovschi ein performatives Medium, das ihm erlaubt, mit minimalen Mitteln maximal zu intervenieren. Seine Ruckzuck-Bilder behandeln die Hochzeit von Nicole Kidman, die in den Boulevardmedien mehr Raum einnahm als sämtliche Kriege der Welt, mit dem gleichen Spott wie etwa die Gesundheitsreform, die er als geflicktes Toilettenrohr darstellt. "Alles kann zum Gegenstand meiner Zeichnungen wer den", warnt der Künstler sein Publikum, "also nehmt euch in Acht." Seit 1991 arbeitet Dan Perjovschi, der 1961 im rumänischen Sibiu geboren wurde und in Bukarest lebt, als Zeichner und Kolumnist für das rumänische Oppositionsmagazin "22", das kurz nach dem Sturz von Nicolae Ceausescu ins Leben gerufen wurde. In Texten und Cartoons kommentiert er die politischen Entwicklungen im In- und Ausland, wobei er die Bilder den Texten vorzieht. "In meinen Zeichnungen kann ich mich direkter ausdrücken", erläutert der Künstler, die geschriebene Sprache sei häufig so intellektuell.
Einem größeren Publikum bekannt wurde Perjovschi 1999 mit seiner Arbeit "rEST" im rumänischen Pavillon der Biennale in Venedig. Der Künstler hatte den Boden des Pavillons mit Zeichnungen, Kritzeleien und politischen Graffiti ausgestaltet, die das Leben im Postkommunismus und die Rolle der Ostkunst im Kulturaustausch mit dem Westen thematisierten.
Je mehr Besucher den Pavillon betraten, desto stärker wurden seine Bilder zerstört. Dass seine Werke überstrichen oder zertrampelt werden, stört den Künstler aber überhaupt nicht. Schließlich sind seine Themen oft so vergänglich wie die Nachrichten der Klatsch-Presse.
Was für Dan Perjovschi die Themen, sind für David Shrigley die Bildträger:
Nichts ist dem Schotten zu profan, um einer Zeichnung würdig zu sein. Erst kürzlich in Kopenhagen wurde Shrigley von diesem schrägen Typen gefragt, ob er nicht ein Tattoo für ihn entwerfen könne. Und weil der Künstler ein freundlicher Mensch ist, obendrein einer, der schlecht Nein sagen kann, willigte er ein. So ähnlich muss es auch zu den Kaffeetassen, Lesezeichen, Salz- und Pfeffer-Streuern, Kreditkarten- Etuis, T-Shirts und all den anderen, eigentlich kunstfernen Gegenständen gekommen sein, die der Glasgower Künstler in den vergangenen Jahren gestaltet hat und auf denen derangiert aussehende Gestalten zu seltsamen Kommentaren eigen artigen Tätigkeiten nachgehen. Neben bei fertigt Shrigley traurige Männlein aus Knete oder Bronze oder missglückt aus sehende Vasen aus Keramik, entwirft Flip-Flops aus Metall und gestaltet Poster für Beerdigungen oder Band-Auftritte.
"Ich bin als Künstler kein Purist, der immer nur eine Sache verfolgt", erklärt Shrigley seine Ausflüge in die Welt des kruden Designs. "Ich bin Konzeptkünstler, da geht es in erster Linie um Ideen." Zum Beispiel jene, einmal eine Platte zu machen. Dass im Ergebnis dann kein bespieltes Vinyl, sondern ein Buch mit abseitigen Song texten und kindlichen Zeichnungen in der Hülle einer Doppel-LP erschienen ist (Titel: "Worried Noodles"), dass er dies mit dem schlagen den Argument begründete "Es war einfacher, keine Platte zu machen", macht den 38-jährigen Schotten umso sympathischer.
Bereits Anfang der neunziger Jahre begann Shrigley, der an der Glasgow School of Art studiert hat, kleine Kunstwerke und Schrifttafeln im öffentlichen Raum zu platzieren und diese anschließend zu fotografieren. Zum Beispiel ein Filofax, das mit einem Zettel auf der Straße lag: "Bitte geben Sie mir das nicht zurück, ich will es nicht mehr". Häufig handelte es sich um Kommentare, die direkt auf die Umgebung Bezug nehmen wie etwa "Ignorieren Sie dieses Gebäude" vor einem baufälligen Stadion.
Mit seinen Werken möchte Shrigley so einfach und direkt wie möglich etwas mitteilen - doch diese Schlichtheit bedeutet harte Arbeit. Von morgens bis abends zeichnet der Künstler vor sich hin, erfindet Banales und Abgründiges, Albernes und politisch Relevantes und versucht dabei stets sich selbst zu überraschen: "Ich sortiere schrecklich viel aus, circa 70 Prozent landen im Papiermüll", gesteht der Künstler, der früher einmal in einer "grauenhaft schlechten" Band Gitarre gespielt und gesungen hat und derzeit eine (echte) Spoken-Word-Platte mit eigenen Texten aufnimmt. Im Musikbusiness hat sich David Shrigley bereits mit bezaubernd schlichten Video clips für die Band "Blur" und den Sänger und Songschreiber Bonnie 'Prince' Billy einen Namen gemacht.
Kleine Schwarzweiß-Erzählungen, die in dem ihm eigenen Kritzelstil Geschichten vom Lieben und Scheitern erzählen. Jetzt macht er schräge Kurzfilme für sich selbst, entwirft Plakate für Geburtstage, die "Art Basel" oder "Amnesty International", gestaltet die Leserbriefseite der Kunstzeitschrift "Frieze", zeichnet Cartoons für "The Guardian" und erfindet ein Tattoo für einen Typen in Kopenhagen.
Abseitiger Humor und eine gewis se Unkompliziertheit im Umgang mit Materialien kennzeichnen auch die Wer ke von Markus Vater. Darüber hinaus beschäftigen den Künstler weltbewegende Fragen. Die Wolken zum Beispiel: An welchen Ort ziehen die bloß alle? Wohin verschwinden Geräusche?
Wie viel wiegt eine Seele, und wie sieht sie aus? Und wie wäre es wohl, sich von innen nach außen zu stülpen oder inmitten einer Schneeflocke zu sitzen? Der 1970 geborene Künstler stellt nicht nur Fragen, auf die andere gar nicht erst kommen, er denkt sie auch noch zu Ende - und findet eigenwillige Antworten. Der Ort, an den die Wolken ziehen, ist bei Vater ein Spielsalon mit Flipper und Tischkicker. Und Geräusche, so behauptet der Künstler in einer seiner Zeichnungen, hören nicht einfach auf, sondern werden nach und nach leiser. Man müsste nur ganz genau hinhören und könnte die Bomben sämtlicher Kriege erahnen.
Mit Gemälden, Fotos, Skulpturen und Zeichnungen voller eigenwilliger Vorschläge und absurder, oft poetischer Gedankenblitze erforscht der Künstler den Zustand der Welt und stellt fest, dass es im wirklichen Leben zuweilen nicht weniger grotesk zugeht als in seiner Fantasie. "Rein finanziell betrachtet, ist eine Autobahn mehr wert als Thomas Mann", heißt es etwa faktisch korrekt in einem seiner Blätter, die zumeist simple Strichzeichnungen mit einer krakeligen Handschrift kombinieren.
Eine Feststellung, die in ihrer Plakativität nicht nur amüsiert, sondern auch provoziert und zu denken gibt. Genauso wie jene, dass die Welt von Ländern mit wechselnden Jahreszeiten kontrolliert wird.
Stets führt Markus Vater, der in der Eifel aufwuchs, in Düsseldorf Kunst studiert hat und mit Frau und Kind in London lebt, ein kleines Skizzenbuch bei sich, um Gedankenblitze oder Begebenheiten zu notieren, die er in Zeitungen oder auf der Straße findet. Die Seiten vervielfältigt er dann schon mal mit einem handelsüblichen Kopiergerät und klebt sie mit Tesafilm an die Wände von Galerien und Ausstellungshäusern. Was auf den ersten Blick ungewohnt roh und unfertig wirkt, hat einen simplen Grund: "Ich möchte, dass die Dinge so einfach wie möglich gehalten sind", erklärt Vater, schließlich gehe es nicht um den Aufwand, sondern darum, dass die Idee beim Betrachter ankommt.
Deshalb sind auch seine Skulpturen eher angedeutet als wirklich gebaut.
Da gibt es zum Beispiel schlichte Mobiles, an denen farbige Blätter hängen, auf denen der Künstler seine bizarren Philosophien erörtert. Oder eine grob gezimmerte Säule mit einer beschrifteten Tafel, auf der der Künstler behauptet, er sei vergangene Nacht in das Computersystem des chinesischen Außenministeriums eingedrungen und habe überall das Wort Revolution durch Schokolade ersetzt. Die Vorstellung ist so charmant wie seine Bilder, die von einer allgemeinen Wasserliebkosung handeln oder einem Löwenzahn-Massenselbstmord.
Nicht selten arbeitet Markus Vater in Serien. Für die Reihe "Interviews" hat er sich etwa in Menschen versetzt, die sich in banalen, mitunter etwas einfältigen oder selbstgefälligen Kommentaren die Welt und ihr Leben erklären: "Ich glaube, sterben ist ein bisschen wie wenn man eine Fischdose öffnet. Es ist nicht dramatisch. Es passiert einfach", heißt es da etwa. In verschiedenen Varianten spielt der Künstler auch "Das Ende der Welt" als präzisen Ort durch. Was, wenn dort nur ein polnischer Reisebus herumstünde, in dem es obendrein schneit?
Was, wenn dort alle Sachen und sogar Menschen den gleichen Schatten hätten, der aussieht wie eine Wäscheleine im Wind? Es wäre vermutlich noch besser als das Szenario, in dem die Menschen mit Verzweiflungsgesten herumliegen:
"Am Ende der Welt sehen wir die Dinge, wie sie wirklich sind, und sterben vor Langeweile. Im Hintergrund hören wir das Gelächter von Siegfried und Roy. Es ist die Hölle."
Ausstellungen Dan Perjovschi: bis 8. Januar 2007, Biennale Sevilla; 2. Mai bis 30. Juli 2007, MoMA New York. Galerie: Gregor Podnar, Ljubljana, www.dum-club.si/ggpodnar Literatur: Kunstraum, My World, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2006. Internet: www.perjovschi.ro Ausstellung Markus Vater: 24. August bis 30.
September 2007, Museum Baden Solingen.
Galerien: Art Agents Gallery, Hamburg, www.artagents.de; Sies + Höke, Düsseldorf, www.sieshoeke.de Internet: www.markusvater.com Ausstellung David Shrigley: bis 21. Januar 2007, Six Feet under, Kunstmuseum Bern. Galerien: Yvon Lambert, Paris, www.yvon-lambert.com; Nicolai Wallner, Kopenhagen, www.nicolaiwallner.com Internet: www.davidshrigley.com
Markus Vater: "Wolke" (2004, Filzstift auf Papier, 42 x 30 cm)
Oben: Ansicht aus der Ausstellung "?", November 2004, Art Agents Gallery, Hamburg. Rechte Seite: ausgewählte Zeichnungen aus den Serien "Mutanten" (2004, Filzstift auf Papier, 21 x 30 cm) und "Interviews" (2003, Filzstift auf Papier, 21 x 30 cm)
Bei Markus Vater geht es um Kinderfragen:
Wohin verschwinden Geräusche? Wie viel wiegt eine Seele?
An welchen Ort ziehen die Wolken?
Markus Vater, 36
"Der Sturm kam und blies mich in Stücke": ohne Titel ("Elendig, zitternd, alles") (2006, Zeichnung, 60 x 42 cm)
Spielt auf Zeitungsplakate an, die an Kiosken kleben: ohne Titel ("Nachricht: Keiner mag dich") (2006, Siebdruck, 102 x 70 cm)
Das scheinbar so beiläufig Hingeworfene ist für David Shrigley harte Arbeit: Etwa 70 Prozent aller seiner Zeichnungen landen sofort im Papiermüll
David Shrigley, 38, mit Zeichnungen
Ohne Titel ("Es ist sehr nett von Ihnen") (2005, 42 x 30 cm). Der Text lautet: "Es ist sehr nett von Ihnen, mich zu Ihnen nach Hause einzuladen.
Bitte zeigen Sie mir, wo die Wertsachen sind, dann ziehen Sie sich netterweise aus und klettern in den Ofen. Danke."
Aus skurrilen Kritzeleien werden ausgreifende Raumkunstwerke: Dan Perjovschis Arbeit "On the other Hand" (übersetzt etwa:
Andererseits) war letzten Sommer im Frankfurter Portikus zu sehen. Am Boden steht: "Fürchtest du dich?"
Seine Themen nimmt Dan Perjovschi aus den Boulevard-Medien.
Ein paar Tage liest er Zeitungen, dann legt er los und bezeichnet ganze Räume
Dan Perjovschi, 45
Detail aus Perjovschis Frankfurter Arbeit "On the other hand" (2006)
