Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 78-81
Welt aus Glas
Von Joachim Hauschild
Vom Schloss Neuschwanstein bis zum Swimmingpool in Kalifornien reicht das Spektrum der Mayer'schen Hofkunstanstalt. Das Münchner Traditionsunternehmen ist Spezialist für Glas- und Mosaikkunst
Eric Fischl ist die Ruhe selbst. Behutsam sucht der amerikanische Künstler aus zahlreichen Schachteln ein Steinchen heraus. Er setzt es probeweise auf ein halbfertiges Mosaik, schiebt es hin und her, schaut nach oben in den supergroßen Spiegel, um den Blick auf das Ganze zu behalten und entscheidet sich dann, ein blasses Gelb durch ein kräftiges Orange zu ersetzen.
"It pop's it up", sagt Fischl, prominentester Gast an diesem Tag in der Mayer'schen Hofkunstanstalt in der Münchner Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof.
Fischls Vorlage, die Hannes Selner und sein Assistent Daniel Heinkelein in ein Mosaik umzusetzen haben, ist knapp 80 mal 120 Zentimeter groß.
Sie zeigt drei seltsam fremd zu einander stehende nackte Frauen und davor einen Jungen, der ungerührt an seinen Schuhbändern nestelt. Fischl wünscht sich im Mosaik (272 mal 542 Zentimeter), das für den Swimmingpool eines kalifornischen Sammlers bestimmt ist, "etwas mehr Bewegung", einzelne Steinchen sollen als "eye-catcher" fungieren, "sexy California, you know", sagt der Künstler.
Mayer of Munich nennt man die Firma in den Staaten. "Sie sind einfach die Besten", sagt Fischl. Und glücklicherweise ist Gabriel Mayer, der Seniorchef, nicht dabei, denn gleich würde er abwiegeln.
Mayer gehört einer Spezies an, die heute selten ist: Er ist ein Herr.
Hoch gewachsen und superkorrekt angezogen, führt er durch die Firma. Der Ton ist leise. In den schönen alten Räumen - der Bau wurde 1923 von dem renommierten Architekten Theodor Fischer errichtet - herrscht gediegene Handwerksatmosphäre. Auch Mosaizist Selner versteht sich nicht als Künstler, obwohl er seine Arbeit als "malen" empfindet. Nicht anders übrigens als Fischl selbst. Das fertige Mosaik sieht er als einen "echten Fischl" an, die Signatur ist schon vorgezeichnet. Eine Signatur der Mayer'schen Hofkunstanstalt wird es nicht geben.
Herrn Mayer selbst stört das nicht im Geringsten. Schließlich hat eine Weltfirma solche Reklame gar nicht nötig. Die Liste jener Gebäude, die Glasarbeiten Mayers zieren, ist sehr lang. Sie weist allein für die USA und Kanada mehr als 50 Kathedralen auf, Objekte in Spanien, Irland, Mexiko und Argentinien, Polen, Russland und Frankreich, natürlich in Deutschland und auch im Vatikan: So gilt das so genannte Heiliggeistfenster in der Apsis der Kathedrale von Sankt Peter gemeinhin als ein Werk des Barockkünstlers Lorenzo Bernini, tatsächlich aber ist es, so wie es seit nunmehr 95 Jahren erstrahlt, ein Mayer-Fenster. Berninis Original war 1891 in Folge einer Explosion zerstört worden. Den Auftrag zur Neugestaltung bekam Franz Borgias Mayer, Chef der Hofkunstanstalt in der zweiten Generation.
Hervorgegangen ist die Firma aus einer Institution, die für die Bestrebungen des 19. Jahrhunderts typisch ist: Joseph Gabriel Mayer, der Stammvater, begann seine Arbeit 1843 als Vor stand der staatlichen "Beschäftigungsanstalt für krüppelhafte Kinder".
Um diesen dauerhafte Beschäftigung zu garantieren, gründete er 1847 eine Formerei. Wegen der Arbeiten, die Mayer für das Schloss König Ludwigs II. in Neuschwanstein ausführte, bekam die Firma 1882 den Titel "Kgl.
Bayer. Hofkunstanstalt". Ein Prospekt aus jener Zeit zeigt Heiligenfiguren aus Gussmaterial in diversen Farbfassungen von "einfach" bis zu "reich", die man heute zweifelsfrei dem Kitsch zuordnen würde.
1891 beschäftigte die Firma rund 300 Mitarbeiter, darunter einige Künstler, ein spätnazarenischer Stil wurde bevorzugt. Die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre traf auch die Traditionsfirma hart. Nach dem Krieg, in dem das Hauptgebäude am Münchner Stiglmaierplatz zerstört wurde, begann eine Neuorientierung. Neue Entwicklungen - wie die so genannte Floatglas-Malerei auf Industrieglas - bestimmen seitdem die Arbeit.
Stolz führt Gabriel Mayer durch die Werkstätten, in denen auch schon mal klassizistische Mosaikböden für das Bad der Familie Porsche in Salzburg gelegt werden, und zeigt die reichen Bestände. Während in vielen Kästen die - meist aus Italien bezogenen - Mosaiksteinchen flimmern, stehen die wegen ihrer Form so genannten Glaskuchen senkrecht nach Farben geordnet in den Regalen und bezeugen die Lebendigkeit des gegossenen Glases.
Ganz zufällig entdeckt man in einer Ecke ein nach einem Entwurf des Malers Gerhard Richter angefertigtes Glasfenster für den Kölner Dom (art 11/2006). Richter hat seinen Entwurf, der auf seiner Farbfeldmalerei der achtziger Jahre basiert, dem Dom geschenkt, hatte sich aber noch nie mit Glas beschäftigt. Also entwickelte die Firma in Abstimmung mit dem Künstler und der Dombauhütte in 500 Arbeitsstunden ein Muster. Leider wurde der Auftrag für das Fenster dann an eine andere Firma vergeben.
Szenenwechsel: In einer stillgelegten Schuhfabrik im Berliner Norden liegt die Atelierwohnung von Hella De Santarossa. Temperamentvoll erzählt die Künstlerin von ihrer Arbeit für das große Glas zum Thema "Auferstehung" in der katholischen St. Florianskirche in München-Riem. Das ist eine junge Gemeinde und deshalb wollte man keine barocke Figur des Heiligen aufstellen. Der Pfarrer sieht seine Kirche vielmehr als "Energiekraftfeld".
Diese Vorstellung umzusetzen war Aufgabe der Künstlerin - auf 120 Quadratmetern Glasfläche.
Nach vielen Entwürfen ging man in einem angemieteten ZDF-Studio in München-Unterföhring an die Arbeit. Auf das Float glas brachte sie dort innerhalb von drei Tagen die Farben auf. "Es gab nur drei Farbtöne - gelb, weiß und blau - die Glasmalerfarben müssen in verschiedener Konsistenz aufgebracht werden, erst beim Brennen entsteht die endgültige Farbigkeit." Santarossa, weiß, wovon sie spricht. Ihr Vater Wilhelm Derix leitete ein Düsseldorfer Familienunternehmen, das auch auf dem Sektor der Glaskunst tätig ist. "Ich habe nicht mit Puppen gespielt, sondern mit Glasscherben", sagt Santarossa so nebenbei. Und warum hat sie sich bei der Realisierung der Glasarbeit nicht für das Familienunternehmen entschieden, sondern für die Hofkunstanstalt?
Schweigen. Aus München hört man später verhalten: Qualität, aber offiziell will das niemand gesagt haben.
Und dann das: Beim Brennen der großen Scheiben in einer - und dann einer weiteren - Spezialbrennerei in Österreich sei einiges von dem Glas zerbrochen.
Die Arbeit musste noch einmal gemacht werden, für Santarossa "wie eine zweite Geburt". Beim zweiten Mal entschied man sich für eine größere Dicke der Scheiben (nun zehn statt acht Millimeter).
Wer St. Florian betritt, ist gefangen von dem großen Glas mit dem hinein geschnittenen Kreuz. Die Scheiben sind von 400 Stäben aus Acrylglas durchdrungen, die unterschiedlich hervorstehen, was dem Fenster zusätzliche Plastizität verleiht. "Einspannungsreiches, netzartig verdichtetes Bildkontinuum, das in seiner rein abstrakten Konzeption inhaltliche Vielfalt birgt", heißt es im Prospekt der Kirche. Überwältigend, könnte man auch sagen.
Doch es gibt auch andere Kirchenkunst, der sich die Mayer'sche Hofkunstanstalt mit gleicher Hingabe widmet.
Denn nicht alle Gemeinden können sich für das Moderne erwärmen. Schon gar nicht offenbar solche in Nashville/ Tennessee. Dort gibt es ein Dominikanerinnenkloster, dem ein Gönner eine Kapelle spendieren wollte. Auch bis hierher ist der Ruf von Mayer of Munich gedrungen - und die Nonnen wissen vermutlich nichts von den Akten à la Eric Fischl. Sie und ihr Sponsor wollten "etwas Schönes". Und das bekommen sie nun auch. Zusammen mit einem heimischen Architekten haben Glaskünstler bei Mayer Fenster ganz im Stil des 19. Jahrhunderts entworfen.
Die Nonnen werden nicht wissen, dass die Künstler Fazl und Mahbuba Maqsoodi heißen und aus Afghanistan stammen. In St. Petersburg hat das Ehepaar eine akademische Malausbildung genossen und malt nun handwerklich perfekt und gleichwohl etwas seelenlos die Stationen aus dem Leben der Hl. Cäcilia.
Die Bibelsprüche dazu werden im Computer umgesetzt und dann aufgebracht.
Alles hochprofessionell.
Eine hübsche Genese. Und eine Pointe gibt es auch noch. Zur selben Zeit, in der die Fernster entstehen, ist an der Münchner Seidlstraße Hans Gottfried von Stockhausen tätig. Der alte Herr ist ein Glaskünstler, der dem Haus Mayer schon lange verbunden ist. Für das Treppenhaus des Hamburger Allee-Gymnasiums hat er ein großes Glasfenster entworfen, das einen Lebensbaum zeigt, um den sich allerlei Gedichtzeilen schmiegen - von Heinrich Heine bis Erich Fried. Und dort hat Stockhausen auch eine Sentenz untergebracht, die vom Großvater des afghanischen Glaskünstlers stammt.
Er hat sie selbst aufs Glas gemalt, in arabischen Schriftzeichen, und sie bedeutet Ähnliches wie der bekannte Spruch: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
Vermutlich würden Eric Fischl, Hella De Santarossa und sogar die frommen Schwestern das sofort unter schreiben.
Man sieht: Glas verbindet.
Internet: www.mayersche-hofkunst.de
In dem prachtvollen Gebäude nahe dem Münchner Hauptbahnhof residiert die 1847 gegründete Firma
Feinarbeit im Atelier. Glasspiegel an der Decke ermöglichen es, den Gesamteindruck großer Arbeiten im Blick zu behalten
In den Regalen der Hofkunstanstalt lagern zahllose Kästen mit Glassteinchen und so genannte Glaskuchen (oben), die vornehmlich aus Italien stammen. Der Mosaizist legt nach Anweisung der Künstler und Auftraggeber die Motive
In den schönen Räumen herrscht gediegene Handwerksatmosphäre
Michael Mayer (oben, links) und Seniorchef Gabriel Mayer leiten heute das Unternehmen. Hans Gottfried von Stockhausen (rechts) bearbeitet im Atelier der Firma ein Glasfenster, das er für ein Hamburger Gymnasium entworfen hat
Das große Glas von Hella De Santarossa für die St. Florianskirche in München-Riem zerbrach zunächst beim Brennen
