Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 62-66
Die Gedankenmaschine
Von Gunder Clauss
Vor zehn Jahren hat Bogomir Ecker seine spektakuläre Tropfsteinmaschine in der Hamburger Galerie der Gegenwart in Gang gesetzt. Das Werk wird noch viele Generationen beschäftigen
Sommer 1979, Felsmassiv der "Trois Pignons", Département Seine-et-Marne, Frankreich. Ein junger Künstler aus Düsseldorf erkundet die berühmten prähistorischen Kulthöhlen, nimmt Frottagen von Felszeichnungen, notiert in seinem Tagebuch: "Langsam beginne ich zu spüren, was Zeit auf der Ebene von Generationen bedeutet." Der Künstler: Bogomir Ecker, 29. Mit 30 schreibt er: "Ein Herz schlägt in zehn Jahren zirka 500 Millionen Mal." Und:
"Wie könnte eine Arbeit aussehen, unfertig, fragmentarisch, und selbst nach 100 Jahren will man sie noch weiterführen?" Sommer 2006, Hamburg, Galerie der Gegenwart. Besucher schlendern durch die Dauerausstellung mit Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts im Untergeschoss, erfreuen sich an Joseph Beuys, staunen über Richard Serra, gehen oft achtlos an einem gerade mal schulterbreiten Durchlass zu einem spärlich beleuchteten Nebenraum vorbei. Manchmal stutzt jemand, kehrt zurück, steigt neugierig über die hohe Schwelle und steht unvermittelt vor einer quer in den engen Raum gestellten, vom Boden bis zur Decke reichenden Glaswand.
Hinter der Scheibe erhebt sich ein schwarzer Sockel, obenauf eine trichterartige Vorrichtung, die ihrerseits eine runde Marmorplatte trägt. Mitten auf dem Stein zeichnet sich eine merkwürdig dunkle Stelle ab. Der Blick nach oben lässt Schlimmes ahnen. Aus der spitzen Mündung eines gewundenen Rohrs an der Decke löst sich von Zeit zu Zeit ein Wassertropfen und zerplatzt auf der Marmorplatte. Die Glasscheibe vor dem Sockel ist von innen kalkig gesprenkelt. Was mag das sein? Ein vernachlässigter, notdürf tig gesicherter Raum der Museumstechnik?
Kriecht Feuchtigkeit durchs kaum zehn Jahre alte Museum?
Der Saalzettel klärt den Sachverhalt auf, weist das rätselhafte Etwas als Artefakt aus. Urheber: Bogomir Ecker, Titel: "Die Tropfsteinmaschine".
In der entscheidenden Planungsphase der neuen Galerie der Gegenwart hatte Ecker die Hamburger Kulturbehörde davon überzeugt, sein Projekt im Rahmen des Programms "Kunst im Öffentlichen Raum" an diesem Ort zu finanzieren. Architekt Oswald Mathias Ungers war sogar bereit, das Gebäude gleichsam um die Tropfsteinmaschine herumzubauen. Seit 1996 ist die Arbeit untrennbar mit dem Schicksal des Hauses verwoben - ein taktischer Geniestreich des Künstlers.
Oder, wie vom Kunsthistoriker Horst Bredekamp anerkennend beschrieben, eine "Quasi-Geiselnahme" der Institution Museum, um den dauerhaften Bestand einer künstlerischen Arbeit zu sichern.
Ein so tiefgreifend geschichtsträchtiges Kunstprojekt existiert an keinem anderen Ort der Erde. Vorteil am Rande:
Das Werk ist zu 100 Prozent fälschungssicher und von keinem Dieb der Welt zu stehlen.
Angelegt ist die Tropfsteinmaschine auf eine Betriebszeit von 500 Jahren - 20 bis 25 Menschengenerationen.
In dieser Zeitspanne soll ein fünf Zentimeter hoher Stalagmit entstehen, gespeist von Regenwasser, das auf dem Dach des Hauses aufgefangen wird.
Seiner eigenen Sterblichkeit durchaus bewusst, teilte der heute 56-jährige Ecker der Hamburger Kulturbehörde 1993 lapidar mit: "Im Jahre 2496 wird diese Apparatur abgestellt. Dann reicht es." Ganz schön verwegen! Wer Ecker kennt, weiß, dass er Sorge für das Gelingen trägt - soweit es in seiner Macht steht.
Ungezählte Gespräche mit Geologen und Metereologen, Biologen, Fachleuten der Bundesanstalt für Materialforschung, Regel- und Verfahrentechnikern hat er im Vorfeld geführt, auf dass die Apparatur durch die Jahrhunderte auch verlässlich funktioniere.
So kommt es darauf an, nie von kommunaler Wasser- und Energieversorgung abhängig zu sein. Alles soll wie in der Natur ablaufen. Der Maschinenraum im Untergeschoss ist unbeheizt - als einziger im ganzen Museum.
Doch ganz ohne menschliche Aufsicht, das war dem Künstler klar, würde es nicht gehen. Also hat Ecker eine Wartungsanleitung beim Hausherrn, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, hinterlegt. Piktogramme erläutern für spätere Generationen auf fünf Aluminiumtafeln die Funktionsweise der Maschine. "Möglicherweise", mutmaßt Ecker, "sind es Rituale voller Fremdheit und Beklommenheit, die dann vollzogen werden müssen." Den wohl kompliziertesten Jobdauerhaften Betrieb der Tropfsteinmaschine über 500 Jahre vertraglich abzusichern - hatte der Künstler den Juristen aufgehalst. Vereinbarungen mit einem Bestand von mehr als 99 Jahren, bei denen natürliche Personen als Partner auftreten, sieht das deutsche Recht gar nicht vor. Auf den originellsten Vorschlag, er kam vom Hamburger Anwalt und Kunstsammler Harald Falckenberg, mochte sich die zuständige Finanzbehörde partout nicht einlassen.
Im Grundbuch sollte eine "beschränkte persönliche Dienstbarkeit" zugunsten des Künstlers eingetragen werden. Das hätte für die Tropfsteinmaschine, Juristen werden bei dem Vergleich die Nase rümpfen, eine Art verbrieftes Wohnrecht auf Dauer bedeutet.
Die Grundstücke der Hansestadt belasten, nein, das tut ein ehrenwerter Senator nicht! Folgerichtig steht die schriftliche Besiegelung des Faktischen noch aus. Ecker nimmt's erst einmal gelassen, denn er hat sein Haus solide bestellt.
Die Rechte am Werk hat der Künstler dem 1997 gegründeten "Tropfstein e. V." übertragen.
Vereinszweck: für die Einhaltung der Vereinbarung zwischen Ecker und der Freien und Hansestadt Hamburg zu sorgen, die "sich verpflichtet, diese Installation so lange an ihrem Standort zu belassen, wie das Gebäude als Kunstmuseum genutzt wird". Mitglied kann jeder Mensch werden. Die Mitgliedschaft ist vererblich, endet aber im Jahr 2496. Der Vorsitzende, laut Satzung auf Lebenszeit gewählt, heißt der zeit Bogomir Ecker.
19. Dezember 2006, Hamburg, Galerie der Gegenwart. Es geht darum, nach Ablauf des ersten erwähnenswerten Zeitabschnitts eine Zwischenbilanz aufzumachen.
Die Tropfsteinmaschine hat in ihren frühen Jahren schon eine veritable Fangemeinde entstehen lassen, die im Museum immer wieder nach dem Rechten sieht. Ein Berliner Besucher schrieb dem Künstler gar, die Apparatur habe ihn regelrecht "mit dem Gebäude versöhnt".
Die Maschine hat nun zehn Jahre getropft, zehn Jahre kontrolliert Regenwasser durchs gesamte Haus geleitet.
Ohne Energiezufuhr läuft es seit 1996 über ein Rohrsystem vom Dach zu einem Reservoir in der ersten Etage.
Weiter geht's über ein derzeit mit Philodendron und Kardamom bepflanztes Biotop in der Empfangshalle bis hinab zur Marmorplatte im Maschinenraum im Sockelgeschoss. Berechnungen von Wissenschaftlern haben er geben, dass jetzt nach zehn Jahren der Stalagmit auf der Platte einen Millimeter hoch sein müsste. Exakt vermessen hat das niemand. Darauf kommt es dem Künstler auch gar nicht an.
Genau genommen ist die Apparatur überhaupt kein Werk der Kunst, sondern eines von Wissenschaftlern und Ingenieuren. Auch der zu erwartende Tropfstein wird kein Werk eines Künstlers sein, sondern Ergebnis physikalischer und chemischer Prozesse, die so auch in der Natur ablaufen.
Andererseits trägt die Apparatur all das in sich, was ein Kunstwerk ausmacht:
Die Maschine ist frei von Gebrauchswert, rechtfertigt ihre Existenz einzig aus sich selbst und bewirkt Reaktionen in den Köpfen der Betrachter.
Ecker: "Diese Maschine produziert Gedanken." Was wird sein in 100 oder in 200 Jahren? Wird die Maschine dann noch arbeiten?
Wer wird sie warten? Steht das Gebäude noch, ist es nach wie vor ein Museum?
Oder ist Hamburg etwa im Meer versunken? Wie sieht die Welt im Jahr 2496 aus? Allein die Vorstellung, dass 100 Jahre vergehen müssen, ehe der Stalagmit um einen Zentimeter gewachsen ist, macht den Menschen im Zeitalter rasend schneller Informationsströme und rapiden technischen Fortschritts nervös!
Wenn die Tropfsteinmaschine die Vorstellungskraft beflügelt, ist dann viel leicht sogar der verrückte Gedanke erlaubt, dass die Apparatur eine Skulptur der Zeit erzeugt, geformt vom Auf und Ab der Menschheitsgeschichte? - Kein Widerspruch vom Künstler.
Wie steht es um den Verdacht einer geistigen Verwandtschaft mit Joseph Beuys (1921 bis 1986)? Der hatte doch lebenslang für die immaterielle "Soziale Plastik" geworben, das Resultat der von ihm postulierten künstlerischen Fähigkeit eines jeden Menschen, das Gemeinwohl voran zubringen.
Beuys habe "romantische Verklärung" betrieben, erwidert Bogomir Ecker, "die Tropfsteinmaschine ist nicht ideologisch", sie erzeugt eine "sehr reale paradoxe Situation mit ironischen Momenten". Nur noch 490 Jahre - schade drum.
Ausstellung: Bogomir Ecker - Man ist nie allein.
Hamburger Kunsthalle, 1. April bis 29. Juli 2007.
Katalog: Holzwarth Publication, 40 Euro
Kasten:
Wasser, Kohlendioxid und Kalk Bogomir Eckers Tropfsteinmaschine durchdringt die Hamburger Galerie der Gegenwart vom Hausdach bis zum Sockelgeschoss Die Maschine simuliert den Vorgang der Tropfsteinbildung in natürlichen Höhlen. Kalkhaltiges, mit Kohlendioxid angereichertes Wasser tropft auf den Boden, verdunstet und lagert dabei Kalziumkarbonat ab - das Baumaterial für den Stalagmiten. Ablagerungen entstehen auch an der Höhlendecke:
Stalaktiten.
Bei Eckers Apparatur läuft Regenwasser vom Dach des Museums über ein Rohr zu einem verborgenen Wasserspeicher im ersten Stock. Das Reservoir fasst 1500 Liter und kann damit Trockenperioden von sechs Monaten ausgleichen. Eine unsichtbare Leitung führt das Wasser weiter zu dem mit Philodendron und Kardamom bepflanzten Biotop im Foyer des Museums.
Von Besuchern wird der Pflanztrog zunächst als Dekoration wahrgenommen.
In der Erde des Trogs mit Kohlendioxid versorgt, sickert das Wasser über eine darunter liegende Schicht Kalksteinsplit und nimmt Kalk auf. Das angrenzende Reservoir regelt die Wasserzufuhr zum Maschinenraum.
Diese Schauseite der Tropfsteinmaschine im Sockelgeschoss (siehe Foto auf Seite 63) ist unbeheizt und mit einer Gummischicht am Boden gegen Erschütterungen, mit einer Glasscheibe vor Luftzug geschützt. Etwa alle 20 Sekunden fällt ein Tropfen.
Selbsterklärende Mitgliedskarte des "Tropfstein e. V.", der heute die Rechte am Werk besitzt
Ein Labor der Zeit:
Bogomir Ecker im Maschinenraum seiner Tropfsteinmaschine (Foto: Ralf Meyer)
Die Wartungsanleitung der Apparatur muss auch in 500 Jahren noch zu entziffern sein.
Ecker hat die Aluminiumtafeln mit einfachen Piktogrammen belegt
Die vertragliche Absicherung der Fakten steht aus, der Künstler nimmt es ganz gelassen
Der Stalagmit müsste jetzt etwa einen Millimeter hoch sein, aber darauf kommt es dem Künstler gar nicht an
Durch ein Periskop (rechts) im Biotop ist auch der Maschinenraum einsehbar
