Ausgabe: 01 / 2007
Seite: 87
Vom Bananenrock zur Barrikade
Von Heiko Klaas
Das Iwalewa-Haus untersucht die Kultur der größten afrikanischen Enklave Europas BAYREUTH: BLACK PARIS
Der Ausstellungstitel löst die unterschiedlichsten Assoziationen aus. Black Paris, da denkt der eine an die legendäre Josephine Baker, die dort in den zwanziger Jahren mit ihren freizügigen Revuen und dem "Danse sauvage" im Bananenröckchen Tabus brach und Konventionen sprengte. Oder aber man denkt an bildende Künstler wie den aus Kuba nach Paris gekommenen surrealistischen Maler Wifredo Lam. Und nicht zuletzt fallen einem brennende Autos und Barrikaden in der Banlieue ein.
Maghrebinische und schwarzafrikanische Jugendliche begehren auf gegen den alltäglichen Rassismus und ihre Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Paris ist heute die größte afrikanische Enklave in Europa. Die Stadt übt schon seit langem eine enorme Anziehungskraft auf Menschen aus den früheren französischen Kolonien in Afrika, aber auch aus den USA und der Karibik aus. Dass diese Einwanderer als Maler, Musiker, Modemacher, Literaten, Fotografen oder Filmemacher die kulturelle Vielfalt von Paris bis heute entscheidend mitgeprägt haben, zeigt diese Schau anhand von historischen Dokumenten, vor allem aber durch Beispiele zeitgenössischer Kunst, auch von Europäern. Kerstin Pinther, die Kuratorin der Schau: "Bei der Auswahl der Künstler haben wir uns entgegen der Praxis manch anderer großer Ausstellungen der letzten Jahre, zum Beispiel ,Afrika Remix' in Düsseldorf, nicht an der Herkunft oder Hautfarbe orientiert, sondern an ihren Bezügen zum Thema des schwarzen Paris." Ein einführendes Kapitel ist der europäischen Negrophilie der zwanziger Jahre gewidmet, die bei aller Afrikabegeisterung immer auch Züge von Voyeurismus und Völkerschau-Ästhetik auf wies.
Hier sind Memo rabilia von Josephine Baker, afrikanisierende Art-Deco-Objekte, aber auch Man Rays berühmte Fotografie der Reederin Nancy Cunard mit afrikanischem Schmuck zu sehen. Zahlreiche Arbeiten zeitgenössischer Künstler setzen sich mit dem Afrikabild und den Ressentiments der Europäer auseinander.
Kader Attia tastet in seinem Video "Normal City" (2003/04) mit der Kamera die Fassade eines rußgeschwärzten Plattenbaus in der Banlieue ab. Der aus Kamerun stammende Barthélémy Toguo thematisiert in seiner Installation "Climbing Down" (2004) aus sechs übereinander gestapelten Betten die Atmosphäre städtischer Migrantenwohnheime. Die Berlinerin Friederike Klotz hat Kleinanzeigen gesammelt, auf denen farbige Hellseher und Parapsychologen ihre Dienste anbieten, und daraus eine lebensgroße menschliche Silhouette geklebt. Dass das schwarze Paris von heute über jede Mengestadt bekannter Multitalente verfügt, zeigt das Beispiel des 29-jährigen Joël Andrianomearisoa aus Madagaskar. Der betreibt nicht nur ein erfolgreiches Modelabel, sondern ist auch einer der angesagtesten Designer und Bühnenbildner der Seine-Metropole.
Termine: bis 11. Februar 2007. Danach: Museum der Weltkulturen, Frankfurt/Main,16. März bis 4. November 2007. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.
Katalog: Peter Hammer Verlag, 29 Euro, im Buchhandel 38 Euro. Internet: www.iwalewa.uni-bayreuth.de
Gemälde im Cover-Stil: "Schwarze Echos" (2006, 130 x 130 cm) von Vincent Michéa
Das anonyme Poster aus dem Jahr 1930 wirbt für die legendäre Tänzerin Josephine Baker
