Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 20-33

Schön. Sonst nichts? - Geometrisch, minimalistisch, cool

Von Elke Buhr

Ungegenständliche Kunst ist wieder ganz groß: Die neuen Abstrakten knüpfen an Konstruktivismus oder Op Art an. Ein Trendreport aus den Ateliers in Berlin und New York

Wünschen Sie leuchtend verschobene Farbfelder im Mark-Rothko-Stil oder lieber expressiv Verwischtes wie von Emil Schumacher?

Rechte Winkel, spitze Winkel, Kreise?

Dezente Farbgebung passend zum Vorhang oder lieber etwas Knalliges? Alles zu haben, in Öl auf Leinwand, handgefertigt von Fließ bandmalern in China, zu bestellen im Internet. Oder gleich bei Ikea in der Posterabteilung.

Abstrakte Malerei heute, das ist vor allem ein Problem. Denn keine Richtung der modernen Kunst ist im Laufe der Geschichte dermaßen abgestürzt.

Dabei hatte es so heroisch begonnen: Jeder Schritt weg vom Abbild und hin zu Linie, Farbe, Form war ein Schritt in Richtung Freiheit. Für die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts war Geometrie Revolution und Kunst ein politisches Manifest.

Eine Bewegung wie der russische Konstruktivismus verstand sich nicht bloß als Stil. Die Weltveränderer in Osteuropa sahen in seinen dynamischen Gebilden die Utopie von der neuen Gesellschaft und, wenn nötig, ihr Propagandainstrument.

Seitdem sollte Abstraktion auch in der Kunst der westlichen Welt immer wieder den Weg zur Transzendenz oder zur objektiven Wissenschaft weisen, das Unbewusste entfesseln oder das Erhabene evozieren. Und unzählige Male proklamierten Künstler mit Varianten der Monochromie ihr pathetisches "Bis hierher und nicht weiter".

Doch die revolutionäre Geste nutzte sich ab. Am Ende missbrauchte die Gesellschaft die Abstraktion allzu oft zu Dekorationszwecken: Joan Miró kam auf den Kalender, Informel oder Minimal Art in die Chefetagen der Banken, Op Art aufs Sofakissen.

Natürlich, ein Gerhard Richter schloss in seine fast enzyklopädische Er forschung der Möglichkeiten von Ma lerei die monochrom-graue Leinwand ganz selbstverständlich mit ein, und auch andere Großmeister von Robert Ryman (siehe Seite 70) bis zu Bridget Riley gingen ihre persönlichen Wege zur Erforschung der Abstraktion weiter. Längst ist die Kunst zu offen und zu undogmatisch, um eine ganze Richtung auszuschließen. Doch der Großteil der Jüngeren zog in den neunziger Jahren die Konzeptkunst vor, betrieb Institutionskritik, und wenn jemand malte, dann figurativ. Mit einigen wenigen Ausnahmen: Katharina Grosse in Deutschland, die ihre gesprühten Farbwolken über ganze Wände ausdehnt; Bernard Frize in Frankreich mit seinem immer etwas zu hübschen Pinselstrich; Sarah Morris (art 4/2008) mit ihren glatten, aus Architektur geronnenen Rastern.

Aber jetzt ist die Abstraktion wieder da, auf breiter Basis, in all ihren Va rianten: geometrisch, minimalistisch, cool und expressiv. Tomma Abts, 41, den Turner-Preis in der Tasche, schichtet unermüdlich geometrische Form auf geometrische Form (art 12/2006). Der Ber liner Maler Frank Nitsche, Jahrgang 1964, zeigt immer neue, aufregende Abstraktionen in Bonbonfarben, die aussehen wie gewaltig vergrößerte Comics. Es gibt sogar wieder monochrome Leinwände, die dicke Farbe mit wilden Gesten durchkreuzt wie zur Blütezeit des Tachismus in den fünfziger Jahren.

"Ja", sagt der Maler Bara lachend, der es sich in seinem Berliner Atelier vor genau so einem Bild im Sessel gemütlich gemacht hat, "vor fünf Jahren war ich mit so was ziemlich allein auf weiter Flur." Bara, Jahrgang 1968, kommt von der Antiästhetik, also von der Fraktion, die, wie er sagt, für die "Sauereien" verantwortlich ist: wild und mit Anklängen an Punk und Hardrock. Auf seinen Zeichnungen finden sich Slogans, wie sie Motorradrocker auf ihren Jacken tragen könnten, er macht Betonskulpturen, die wie gruselige Schädel aussehen. Und wenn er in kurzen, eruptiven Malprozessen monumentale blaue oder violette Leinwände bearbeitet, dann ist das Ergebnis keinesfalls eine Kopie der Tachisten, auch wenn das Prinzip das Gleiche ist. Die Geste selbst, so Baras Überzeugung, ist anders, denn in ihr steckt immer die Zeit, in der sie ausgeführt wird.

In jüngerer Zeit macht Bara Diagramme, die aussehen, als wolle er die klassischen Formen der Abstraktion mit leiser Ironie in ein Regal einsortieren:

Hier sitzt ganz ordentlich ein gelbes Quadrat, dort tropft ein wilder schwarzer Kreis vor sich hin. Als direkte Zitate der Avantgarde versteht er seine Malerei aber nicht. Man habe die Kunstgeschichte schließlich sowieso aufgesogen: "Ich bin das ja alles. Deswegen kann ich das in mir selber suchen, in meinem eigenen Gewühl." Am Ende, sagt Bara, stehe er vor der Leinwand und sei auf sich selbst zurückgeworfen - auf ein Selbst, das ein Leben lang mit Kunst gefüttert worden ist. Dieses Selbst findet immer etwas Neues, darauf müssen die Künstler vertrauen. Das scheint auch für Baras Kollegin Kalin Lindena kein Problem zu sein. "Na klar", sagt sie fröhlich beim Kaffee vor der Berliner Halle, in der gerade ihre jüngste Skulptur zusammengeschweißt wird, "es gibt noch ganz viel! Und ich freue mich darauf, es zu machen!" Für Kalin Lindena, 1977 in Hannover geboren, ist die Kunstgeschichte keine Last, sondern ein Fundus, aus dem sich bedienen zu dürfen eine große Freiheit bedeutet. Und die Abstraktion?

"Ist vor allem Offenheit", findet sie. Lindena, voriges Jahr mit dem Preis für junge Kunst der "Art Cologne" ausgezeichnet und in diesem Jahr mit vier Einzelausstellungen in Deutsch land bedacht, hat ein Talent dafür, mit den überraschendsten Mitteln Leichtigkeit hervorzuzaubern.

Sie malt mit staubiger Kreide und mit Holzbeize, die zerläuft und abstrakte Landschaften zeichnet. Sie nutzt statt Leinwand graue Filzmatten, findet in deren gepressten Fusseln alle Töne der Palette, bearbeitet sie mit Farbe, Schnitten und collagierten Fetzen von beiden Seiten, bis sie Bild sind und gleichzeitig Skulptur. Paul Klee ist eine wichtige Referenz für sie, Figurenfragmente von ihm irrlichtern durch ihre Werke: "Ich liebe seine seltsame Schwerelosigkeit." Genau die findet sich jetzt in Lindenas Wandbildern wieder, filigrane Überlagerungen verschiedener Schichten, vermischt mit Schriftzügen. Die kommen nicht von ungefähr: Kalin Lindena ist seit ihrer frühesten Teeniezeit mit der Sprühdose um die Häuser gezogen und hat Graffiti gesprayt, sie tut das heute immer noch. Paul Klee trifft Straßenkunst, auch so entsteht zeitgemäße Abstraktion.

Ihr allererstes Wandbild hat Kalin Lindena übrigens als junge Studentin in den neunziger Jahren in der Berliner Galeriebar Montparnasse gemacht, damals betrieben vom Künstlertrio Thilo Heinzmann, Dirk Bell und Anselm Reyle. Letzterer ist mittlerweile mit seiner poppigen Neoabstraktion zum absoluten Marktliebling geworden.

Reyle, Jahrgang 1970, bohrt da nach, wo die Moderne zum Klischee geronnen ist, und dreht die Schraube ein paar Windungen weiter in Richtung Kitsch.

Was bei Reyle ironisch gemeint ist, erprobt der in New York lebende Terry Haggerty, 38, mit ernsthafter Akribie:

Er poliert die Op Art auf Hochglanz, malt handwerklich perfekte, glatte Streifenbilder, die den Blick zum Zittern bringen und mit Knicken und Kurven ausgeklügelte 3-D-Effekte produzieren. Die Wienerin Esther Stocker, geboren 1974, setzt bei ihren Gemälden und Rauminstallationen dagegen auf kühle Raster mit dem Appeal wissenschaftlicher Computergrafiken, die sie mit raffinierten Verschiebungen versieht - Malerei als hochmoderne Systemirritation.

Doch die meisten der jüngeren Künstler, die sich heute mit Abstraktion beschäftigen, gehen weiter zurück:

Sie beziehen sich wieder auf die histori schen Avantgarden, auf den russischen Konstruktivismus, die Anfänge geometrischer Malerei. Es ist dieser oft sehr sorgfältig reflektierte Rückgriff, der die neue Abstraktion vor der Beliebigkeit rettet. Sie braucht dafür keine Ironie mehr: Das Interesse ist tatsächlich echt.

Für den Maler Bernd Ribbeck zum Beispiel, 1974 in Köln geboren, ist der Bezug auf die Avantgarden nicht zuletzt eine Reaktion auf die theorielastigen Neunziger: "Das hat auch eine formale Seite - dass man wirklich wieder eine Kunstsprache sucht. In meiner Generation gibt es ein Verlangen danach, mit den Mitteln der Kunst zu arbeiten, nicht mit den Mitteln des Kunstsystems, und wirklich zu überlegen:

Kann ich nicht mit einer formalen Entscheidung auch eine inhaltliche treffen? Und da ist man sehr schnell in dieser Zeit." Ribbeck, der sich in seiner Revision der Avantgarde flankiert sieht von Künstlern wie Hansjörg Dobliar oder Claudia Wieser, malt geometrische Formen auf verwischt farbigen Hintergründen: meditativ ineinander geschachtelte Rauten oder von Drei ecken durchzogene Kreise, die in einer Farbpalette wie von Robert Delaunay oder auch wieder Klee erstrahlen. Er malt auf festen Holzfaserplatten, mit Bootslack grundiert und wieder abgeschliffen:

"Es soll aussehen wie alt, wie gefunden", sagt Ribbeck. Darauf kommt Acrylfarbe, und die zarte Maserung der Flächen entsteht mit Hilfe von bunten Kugelschreibern, Industrieprodukten des 21. Jahrhunderts. Der Effekt ist berückend. Die verschiedenen Farbschichten schaffen nicht nur eine über raschen de Räumlichkeit, die Bilder spannen auch einen weiten Zeithorizont auf, zwischen der Vergangenheit und heute.

Mit diesem Kontrast zwischen bewusst produzierter Patina und Zeitgenossenschaft arbeitet auch der 1967 in Heilbronn geborene Jens Wolf. Er setzt seinen Motiven, die häufig der "kalten Abstraktion" eines Piet Mondrian, Josef Albers oder Frank Stella entnommen sind, Holzplatten als "warmes" Hinter grundmaterial entgegen; er lässt bei seinen oft leicht dezentrierten Kreisen und Linien hier und da die Farbe abplatzen, und wenn trotz Abkleben etwas Farbe übersteht, gehört sie am Ende ebenfalls zum Bild.

Jene Objektivität, die die klassische Abstraktion in vielen Phasen gesucht hat, erscheint heute als Illusion.

Die neuen Abstrakten geben ihren Bildern die Zeichen ihrer Gemachtheit mit, sie setzen die Signatur der Zeit und der eigenen Subjektivität auch dann, wenn sie sich in der Welt der Mathematik oder der Geometrie bewegen.

Nebenbei arbeiten sie ein Stück Kunstgeschichte auf: Vorzugsweise bei bisherigen Nebenfiguren findet Bernd Ribbeck sein Material, bei der schwedischen Rudolf-Steiner-Anhängerin Hilma af Klint (1862 bis 1944) oder bei der Künstlerin und Heilpraktikerin Emma Kunz (1892 bis 1963) aus der Schweiz. Bei diesen Recherchen kommt für Ribbeck sogar ein Begriff wie Spiritualität in die Kunst zurück, nicht im religiösen oder gar esoterischen Sinn, sondern als Technik der Imagination.

Nicht nur bei Ribbeck scheint solche Spiritualität erneut ein Weg zu sein, sich auf die Kunst einzulassen - auch und wieder im Sinne einer Utopie.

Die will nicht gleich die Massen bewegen, denn dass dies nicht so leicht funktioniert, hat man angesichts der historischen Avantgarden gelernt.

Aber dass reinen Formen einmal gesellschaftliche Sprengkraft zugeschrieben wurde, daran wollen die heutigen Abstrakten anknüpfen. Es geht ihnen um die Freiheit, die das Erforschen und Erschaffen möglicher Welten bedeuten kann: Welten aus Farbe, Linie und Form.

Ausstellungen: Kalin Lindena, Artothek Köln, bis 26. August; Bernd Ribbeck, Manifesta 7, Trient, bis 2. November. Galerien: Bara, Galerie Bernd Kugler, Innsbruck; Terry Haggerty, Galerie Kuttner Siebert, Berlin; Kalin Lindena, Galerie Nagel, Berlin; Frank Nitsche, Galerie Max Hetzler, Berlin; Bernd Ribbeck, Galerie Kamm, Berlin; Esther Stocker, Galerie Krobath Wimmer, Wien; Jens Wolf, Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln; Anselm Reyle, Gagosian Gallery, New York.

Bildunterschrift:

ESTHER STOCKER rastert mit schwarzen Holzstäben den weißen Galerieraum:

"Abstract thought is a warm puppy" (2008)

Die neuen Abstrakten geben ihren Bildern Zeichen ihrer Gemachtheit mit, sie setzen Signaturen der Zeit und der eigenen Subjektivität

BERND RIBBECK Zart gemaserte Flächen aus Acrylfarbe, Kugelschreiber und Filzstift: ohne Titel (2008, 30 x 40 cm)

"Die Kunstgeschichte ist kein Ballast, sondern ein Fundus, aus dem sich bedienen zu dürfen, große Freiheit bedeutet"

KALIN LINDENA Leichtigkeit mit überraschenden Mitteln: "Mit Flatterstimmen lässt sich Pflege verstehen" (2006, 150 x 80 cm)

JENS WOLF Geometrische Abstraktion auf natürlichem Hintergrund: ohne Titel (2004, 115 x 87 cm)

BARA Eruptive Malprozesse auf mächtiger Leinwand: ohne Titel (2006, 170 x 250 cm)

FRANK NITSCHE Verzwicktes Spiel mit Täuschkörpern und Scheinperspektiven: "ROB-20-2006" (2006, 250 x 200 cm)

ANSELM REYLE Der Maler bohrt mit seinen Folienbildern nach, wo Moderne zum Klischee wird: ohne Titel (2008, 300 x 190 cm)

Abstrakte Malerei heute - das ist vor allem ein Problem: Keine Kunstrichtung ist im Laufe der Geschichte dermaßen abgestürzt

TERRY HAGGERTY Glatte Op Art mit raffinierten 3-D-Effekten: "Deregulator" (2008, 61 x 46 cm)

Die neuen Abstrakten beziehen sich wieder auf die historischen Avantgarden, auf Konstruktivismus und geometrische Abstraktion