Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 34-41

Auf zu neuen Horizonten

Von Clemens Bomsdorf

Mit der Einweihung der Oeresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden hat sich in Kopenhagen und Malmö eine spannende Kunstregion entwickelt. Museen und Galerien überbieten einander in ihrem Einsatz für zeitgenössische Kunst

VON UND JAKOB CARLSEN (FOTOS)

Vernissage beim Galeristen Nils Stñrk in Kopenhagen. Die schwedische Künstlerin Miriam Bäckström, bekannt für ihre Fotoserien von Filmsets und den Wohnungen Verstorbener, zeigt eine neue Filmarbeit: Eine Freundin der Künstlerin betrinkt sich darin allmählich vor laufender Kamera und erzählt dabei. Weil die Ausstellung in der nordeuropäischen Hauptstadt des Bieres stattfindet, kippen die Zuschauer ihre Alkoholika ähnlich schnell herunter wie die Protagonistin von Bäckströms Video "The Viewer". Wenn die Gäste sich dann unterhalten, fällt auf, dass sich in dem Galerieraum das genuschelte Dänisch mit schwedischem Singsang mischt. Und das liegt nicht an der Nationalität der Künstlerin, das liegt an einem Bauwerk.

Seit mit der Eröffnung im Juli 2000 die Fährverbindung zwischen Kopenhagen und Malmö durch die spektakuläre Oeresund-Brücke ersetzt wurde, sind die dänische Metropole und das beschauliche schwedische Hafenstädtchen auch im Kunstbereich eng zusammengewachsen. Die Fahrt zwischen den Stadtzentren dauert nur noch eine gute halbe Stunde. Die Züge fahren rund um die Uhr. Die kunstinteressierten Malmöer, die über die dürftige Galerienszene ihrer Stadt klagen, und die Kopenhagener, die voll Neid auf die großen Institutionen für zeitgenössische Kunst beim schwedischen Nachbarn blicken, pendeln längst wie selbstverständlich im Nahverkehr über die rund 8000 Meter breite Meerenge zu den Events im anderen Land: Georg Baselitz, Brassai, Olaf Breuning, Olafur Eliasson, Tony Oursler, Tal R und Jonathan Meese - bereits ein kleiner Ausschnitt aus dem Ausstellungskalender des Jahres 2006 lässt erahnen, was die Region im Süden Skandinaviens inzwischen zu bieten hat.

Vor allem Kopenhagens Galerienszene profitierte in den vergangenen Jahren von dem neuen Hinterland. "Binnen kurzer Zeit hat sich die Kunstszene der dänischen Hauptstadt und damit der ganzen Oeresund-Region enorm gewandelt", sagt der in Kopenhagen lebende schwedische Kritiker Staffan Boije af Gennäs. So verging in diesem Frühjahr kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in der Stadt ein neuer Ausstellungsraum eröffnet wurde. Ständig werden Projekte vorgestellt, sogar auf offener Straße.

So entstand auf der feinen und belebten Seite des Hauptbahnhofs, neben dem berühmten, von Arne Jacobsen entworfenen SAS-Hotel, im Oktober 2005 die vielleicht kleinste Galerie der Welt. Jacob Fabricius wandelte einen filigranen Schaukasten auf einem dunklen Steinsockel zur KBH Kunsthal um. Seither werden auf gut 1,5 Quadratmetern statt Auslagen der nahen Läden wechselnde Ausstellungen nordischer Künstler gezeigt. Lasse Schmidt Hansen stellte eine ausgestopfte Taube in den Glaskasten, John Körner installierte eine bunte Miniatur mit Schiffchen. Und in Nörrebro nordwestlich des Zentrums - einem einstigen Arbeiterviertel Kopenhagens, das sich längst zu einem der vielfältigsten Viertel der Stadt gewandelt hat - installierten junge Kulturwissenschaftlerinnen im Frühjahr einen Videobeamer auf einen haushohen Pfosten und eröffneten mit "Airplay" Kopenhagens erste Open-Air-Galerie. Viermal in der Woche projizieren sie Videokunst auf eine Hauswand.

Auch die Studenten der örtlichen Kunstakademie sind rege und organisierten sich für einige Monate eine kleine, dunkle Zweizimmerwohnung in der Gothersgade im Zentrum, wo sie ihre Arbeiten verkaufen konnten. Name der Interimsgalerie, die inzwischen wieder geschlossen ist: Förstetilvenstre (zu Deutsch: erste Etage links). Weil die Organisatoren versuchten, so viele Künstler wie möglich unterzubringen, waren die Wände stets so voll gehängt mit Bildern wie das Zimmer eines Teenagers mit Postern. Einige Ecken weiter, in der St. Peders Strñde, hat Peter Lav im Februar die erste Fotogalerie Kopenhagens eröffnet. Mit 40 Quadratmetern ist diese noch kleiner als die Studentenbude, dafür versprühen die lichtdurchfluteten Räume eher Galerienatmosphäre. "In der Fotografie besteht in Dänemark Nachholbedarf", sagt Lav. Er zählt nicht zuletzt auf schwedische Kunden, denn jenseits der Oeresund-Brücke hat die Fotografie einen besseren Stand.

Urvater des Umbruchs der Kopenhagener Galerienszene ist Nicolai Wallner. Noch zu Schulzeiten arrangierte er in der Waschküche im Hause seiner Mutter Ausstellungen mit jungen Künstlern. 1993 startete er dann seine Galerie, in der er zunächst vor allem die Absolventen der örtlichen Kunstakademie zeigte. Heute vertritt er einige der neuen Stars der dänischen Kunst wie Peter Land, Tal R, Jeppe Hein oder Henrik Plenge Jakobsen. Wallner war es auch, der mit der Eröffnung seiner Hinterhof-Galerie im Arbeiterviertel um Islandsbrygge ein Gegengewicht zur etablierten Kunstszene in der nahen Bredgade schuf, wo seine Konkurrenten Asbñk oder Egelund zwischen Edelrestaurants und Luxusläden Kunst in schicken Räumen präsentieren. Sein nächstes Projekt ist eine internationale Kunsthalle für Gegenwartskunst im nahen Oerestad. Nach der Erweiterung des Museums Ordrupgaard mit seiner bedeutenden Sammlung französischer Kunst durch einen "Glasfinger" der britischen Architektin Zaha Hadid könnte dies vielleicht das nächste aufsehenerregende Projekt der Region werden.

Ein neues Galerienzentrum entsteht derzeit bereits in Kopenhagens Vorort Valby. Im Februar 2003 eröffnete Christian Chapelle dort in einem alten Fabrikgebäude seine 300 Quadratmeter großen Räumlichkeiten der Galerie "Mogadishni". Anfang des Jahres sind ihm mit Wallners ehemaliger Assistentin Helene Nyborg und Kim Bendixen zwei weitere junge Galeristen in den Carl Jacobsens Vej gefolgt. Der Schritt bedeutete ein gewisses Wagnis, liegt die Gegend doch fernab vom lebendigen Zentrum der Stadt. In der Nähe gibt es weder feine Boutiquen noch Kaufhäuser, sondern nur einen Großbäcker und eine Brauerei. Wer die zehn Minuten von der nächsten S-Bahn-Station zu Fuß zurücklegt, läuft an schlichten Wohnhäusern und Industriebauten vorbei. Mitten in der Tristesse steht eine Kneipe. Das Lokal scheint so fehl am Platze, als sei die Umgebung der Set eines David-Lynch-Films.

In Malmö gibt es dagegen mit der neu gegründeten Galerie Elastic, die überwiegend junge skandinavische Künstler wie zum Beispiel Jone Kvie zeigt, und dem örtlichen Kunstverein nur wenige private Orte für Gegenwartskunst. Statt dessen steuert die mit gut 270000 Einwohnern deutlich kleinere ehemalige Arbeiterstadt die hochrangigen Museumsausstellungen bei. "In Schweden ist das Interesse an zeitgenössischer Kunst schon lange größer. Deshalb haben Malmö und das benachbarte Lund mit zwei Kunsthallen, dem Rooseum und dem Malmö Kunstmuseum die bedeutenderen Institutionen", so Kritiker Boije af Gennäs. Vor allem das finanziell bedrohte Rooseum (art 6/2006), das in der beeindruckenden Dampfturbinenhalle eines alten Elektrizitätswerks untergebracht ist, zeigt Ausstellungen mit nordischen Künstlern, die auch nordische Themen aufgreifen. In der Ausstellung "Whatever happened to Social Democracy" und dem Projekt "År 2052 kommer Malmö inte längre vara "svenskt'"(Im Jahr 2052 wird Malmö nicht länger "schwedisch" sein) setzten sich Künstler beispielsweise mit den Auswirkungen sozialdemokratischer Politik und der Einwanderung auf die Gesellschaft auseinander.

Es waren die Museumsdirektoren Sune Nordgren (ehemals Kunsthalle Malmö) und Göran Christenson (Kunstmuseum Malmö) sowie Lars Nittve, die in den letzten beiden Jahrzehnten die Bedeutung der Gegenwartskunst vermittelt haben. Nittve (art 6/2006), heute Direktor des Moderna Museet in Stockholm, war Anfang der neunziger Jahre Chef des Rooseums, danach Leiter des Louisiana nördlich von Kopenhagen. In beiden Häusern setzte der Schwede stark auf junge Kunst und half damit auf Museumsebene jene Entwicklung anzustoßen, für die Wallner in der Galerienszene steht. So initiierte er noch vor der Öffnung der Oeresund-Brücke 1997 in Louisiana zusammen mit Lars Grambye, dem heutigen dänischen Chef der Malmöer Kunsthalle, die Ausstellung "Ny kunst fra Danmark og Skåne" (Neue Kunst aus Dänemark und Schonen). Etliche der rund 50 teilnehmenden Künstler haben danach international Karriere gemacht, etwa Olafur Eliasson, Superflex und Tal R, Elmgreen und Dragset. Grambye versuchte danach, das Konzept in der Kunsthalle Malmö zu etablieren. Im Herbst veranstaltet er eine große Schau mit neuen nordischen Künstlern.

Das Kunstmuseum Malmö, das in einem für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst wenig geeigneten Bau aus den dreißiger Jahren im Schlosspark untergebracht ist, beherbergt zudem eine große Sammlung mit Werken von Annika von Hauswolff, Bjarne Melgaard, Dan Wolgers und anderen berühmten Vertretern der neuen skandinavischen Kunst.

Das bestbesuchte Haus in der Region ist aber nach wie vor das dänische Louisiana mit seiner umfangreichen Sammlung moderner Klassiker und großen Wechselausstellungen. Das liegt nicht zuletzt an der Lage direkt an der Ostsee, die erlaubt, Strandtag und Museumsbesuch zu verbinden. Vom Skulpturenpark aus kann man direkt ans Wasser gehen. Schon die großen Fenster der Ausstellungsräume geben den Blick auf die Ostsee nach Schweden frei. Mit Ausstellungen von Gerhard Richter, Henri Matisse und Brassai gehört Louisiana auch unter Direktor Poul Eric Töjner zu den bedeutendsten Häusern Nordeuropas - wirklich aktuelle Kunst wird hier aber kaum gezeigt.

Enttäuschend für die Lokalpatrioten ist allerdings der Drang der Künstler gen Berlin. Weil in der deutschen Hauptstadt die Mieten nur halb so hoch sind und noch mehr passiert, haben zuletzt zahlreiche Hauptfiguren der Szene ihr Atelier dorthin verlegt. So verließ Nathalie Djurberg, die mit ihren absurden Filmen mit Plastilinfiguren gerade Furore macht, Malmö, und auch Elmgreen und Dragset gingen von Kopenhagen nach Berlin. Zwar kommen viele Exilanten für Ausstellungen regelmäßig zurück, doch etwas betrübt ist man schon über den Aderlass. So wird in der örtlichen Kunstszene denn auch kein Gerücht mit so viel Genugtuung weitergereicht, wie jenes, dass Olafur Eliasson eine riesige Villa nördlich von Kopenhagen gekauft habe. Viel vor Ort sein wird der dänische Kunst-Megastar angesichts seiner inflationären Ausstellungsaktivitäten rund um die Welt aber kaum.

In den Galerien mischt sich jetzt das genuschelte Dänisch mit dem schwedischen Singsang

"Binnen kurzer Zeit hat sich die Kunstszene der Oeresund-Region enorm gewandelt", sagt ein schwedischer Kunstkritiker

Kopenhagen hat die aktivere Galerienszene, Malmö sorgt für die wichtigen Museumsausstellungen

Der Norden leuchtet!

Die wichtigsten Museen und Galerien für zeitgenössische Kunst der Oeresund-Region. Auch rund um Malmö und Kopenhagen finden sich viele interessante Kunstorte

MUSEEN

Louisiana Humblebñk. Mo-So 10-17, Mi 10-22; www.louisiana.dk

35 Kilometer nördlich von Kopenhagen befindet sich das Ausflugsziel mit der berühmten Sammlung von Matisse bis Polke und einem Skulpturenpark mit Meerblick.

Arken Skovvej 100, Ishöj. Di-So 10-17, Mi 10-21; www.arken.dk

Das vor zehn Jahren eingeweihte Museum liegt südlich von Kopenhagen wie ein gestrandetes Schiff am Strand. Zeitgenössische Kunst von Arp bis Weischer.

Rooseum Gasverksgatan 22, Malmö. Do-So 12-18, Mi 14-20; www.rooseum.se

Hat sich mit ungewöhnlichen Ausstellungen einen internationalen Ruf erworben.

Kunsthalle Malmö S:t Johannesgatan 7. Mo-So 11-17, Mi 11-21 www.konsthall.malmo.se

Mischung aus etablierten und jungen Gegenwartskünstlern. Im Herbst große Schau mit aktueller Kunst der Region.

Kunstmuseum Malmö Malmöhusvägen 1 Slottsholmen, Malmö. September bis Mai 12-16, Juni bis August 10-16; www.malmo.se/konstmuseum

Das Museum besitzt eine große Sammlung skandinavischer Kunst des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

GALERIEN

Bredgade Kopenhagens noble Kunstmeile mit diversen Galerien, Auktionshäusern und Kunsthändlern.

Nicolai Wallner Njalsgade 21, Kopenhagen. Di-Fr 12-17, Sa 12-15; www.nicolaiwallner.com

Wichtigste Galerie für zeitgenössische Kunst in Kopenhagen. Wallner ist seit Jahren der Mentor der jungen Szene.

Nils Staerk Njalsgade 19c, Kopenhagen. Do-Fr 12-17, Sa 12-15; www.nilsstaerk.dk

Zeigt auf kleinem Raum viel Spannendes an der Grenze zum Etablierten.

Airplay Ravnsborggade 21, Kopenhagen. Fr-Mo 17-20; www.airplay.nu

Videokunst- und Performance-Vorführungen in der Kopenhagener Innenstadt.

Peter Lav Skt. Peders Strñde 51, Kopenhagen. Mi-Do 17-19, Fr 12-18, Sa 12-15; www.plgallery.dk

Fotogalerie mit Fokus auf junge Kunst.

Carl Jacobsens Vej 16-20, Valby. Bendixen Di-Fr 12-17, Sa 11-14. Mogadishni Di-Fr 11-16, Sa 12-15. Nyborg Di-Fr 12-17, Sa 12-15;

www.bendixen-art.dk, www.mogadishni. com, www.helenenyborg.com

In einem alten Fabrikgebäude am Rande Kopenhagens haben sich drei junge Galeristen niedergelassen. Gezeigt wird vor allem junge, skandinavische Kunst.

Elastic Bragegatan 15, Malmö. Mi-Fr 13-18, Sa 13-16; www.elasticprojects.org

Zusammen mit Skånes die Galerie für junge nordeuropäische Kunst in Malmö.

Skånes Konstförening Bragegatan 15, Malmö. Mi-Fr 12-17, Sa 13-16; www.skaneskonst.se

Kunstverein unmittelbar neben Elastic in Malmö mit korrespondierendem Programm.

Neon Gallery Vägstationen, Brösarp. Öffnungszeiten abhgängig vom Programm. www.neongallery.nu

Das einstige Silo wurde 2002 für ein Projekt von Robert Wilson geöffnet und wird seither als temporärer Ort für Ausstellungen, Performances und Konzerte genutzt.

www.kopenhagen.dk Die Website von dem Designer Torben Zenth informiert über alle wichtigen Kunsttermine in der gesamten Oeresund-Region.

Bild(er):

Bild: Kunstpioniere im wilden Westen Kopenhagens: Helene Nyborg, Christian Chapelle, Kim Bendixen vom Galerienzentrum Valby

Bild: Kopenhagens erste Open-Air-Galerie: Lotte Rohe, Kirsten Marie Rasmussen, Karen Toftegård und

Bild: Sidsel Nelund (von links) zeigen Videos an einer Hauswand in Nörrebro

Bild: Familiäre Atmosphäre in Malmö: Ausstellungseröffnung mit Werken von Cecilia Sterner (im rosa Hemd) und Richard Johansson (hebt ein Kind) im Skånes Kunstforening, dem Kunstverein

Bild: Björnstjerne Christiansen (links) und Rasmus Nielsen von "Superflex"

Bild: Mariann Andersson vom Kunstverein Skåne und Ola Gustafsson von Elastic sorgen für Kunstevents in Malmö

Bild: Galerist Nicolai Wallner (rechts), hier in seiner Galerie mit dem Künstler Peter Land, hat über viele Jahre junge Talente aufgebaut, die heute internationale Kunststars sind

Bild: Zwei Studentinnen der Kopenhagener Akademie installieren ihre Arbeiten für die Abschlussausstellung "Exit 2006" im Kunstverein

Bild: Die Eröffnung von "Exit 2006" im Kunstverein Gammel Strand war so voll, dass Besucher nur in Gruppen hinein konnten

Bild: Straßenleben und Kunstausstellungen verbinden sich bei den Kunsträumen in Kopenhagen wie hier bei der Galleri Kikart

Bild: Der Künstler Michael Kvium in der Druckerei "Edition Copenhagen", der zentralen Anlaufstelle für grafische Arbeiten

Bild: Ausstellungshäuser am Oeresund: In einem alten Silo in Brösarp bei Malmö wird neue Kunst gezeigt; die Museen Louisiana (oben rechts) und Arken bei Kopenhagen versammeln die renommierte Moderne