Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 8-9
Paola Pivi
Von
Wie Kunst eine Stadt in zwei Lager spalten kann, wird derzeit in Salzburg vorgeführt: Streitobjekt ist ein Hubschrauber, den die italienische Künstlerin im Rahmen der Skulpturenausstellung im öffentlichen Raum "Kontracom" (bis 16. Juli) umgedreht auf dem Residenzplatz aufgestellt hat (siehe Kritik Seite 93). Die Abgeordnete Doris Tazl der rechtspopulistischen Partei FPÖ vermisste Schilder, auf denen Verschwendung von Steuergeldern angeprangert wird, in der Presse tobt die Schlacht der Leserbriefschreiber. Vorsichtshalber wird der Hubschrauber nun rund um die Uhr bewacht
Bürgerlich heißt er Jaron Korvinus, aber wenn der Rotterdamer Streetart-Künstler nachts aktiv wird, nennt er sich Elpussycat. Er zeichnet mit einem speziellen Blitzlicht Umrisse von Schnecken, Katzen und Menschen in die Luft und hält die Leuchtspuren mit einer auf Langzeitbelichtung eingestellten Kamera per Selbstauslöser fest - nun zu sehen im Bildband "The Art of Rebellion" (Publikat Verlag). Demnächst erscheint ein eigenes Buch von Elpussycat.
Sechs Jahre lang war das Musee de l'Orangerie in Paris geschlossen und Claude Monets Seerosen-Zyklus, der zwischen 1914 und 1926 entstand, nicht mehr zu sehen. Das Warten hat sich gelohnt: Der ovale Bau bekam ein Glasdach. Tageslicht, von Stoffbahnen gedämpft, lässt das rund 100 Meter lange, zwei Meter hohe, weltberühmte Seerosen-Panorama endlich wieder leuchten - zuvor hatte reines Kunstlicht eine eher triste Atmosphäre in dem Raum erzeugt.
Im Universum der Designergruppe Human Empire scheint die Niedlichkeit keine Grenzen zu kennen: Würmer grinsen, Buchstaben haben große fragende Augen, auf dem Bizeps eines Bodybuilders nimmt eine Maus Platz. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man Panzer, Hochhäuser, groteske Überformungen. Die schrecklich netten Bilder der Hamburger Designer Jan Kruse, Malte Kaune gibt es auf Postern, Drucken, T-Shirts, Plattencovern, in Katalogen und Zeitschriften. Gerade hat die Gruppe in Hamburg einen eigenen Laden eröffnet (Schulterblatt 132, Tel. (0 40) 22 62 68 11, www.humanempire.de).
Klar. Sie können überall Urlaub machen: Mecklenburg, Mallorca, Mexiko - und vielleicht ja auch irgendwann auf dem Mond. Aber nur im Hotel Everland ist Ihr Urlaub automatisch auch ein Kunstprojekt. Das Schweizer Künstler-Duo "L/B" (Sabina Lang und Daniel Baumann) hat vor vier Jahren das transportable EinZimmer-Hotel mit Lounge, Luxusbad und Panoramafenster entworfen. Es steht für die Sehnsucht nach der Flucht aus dem Alltag und wird nur an ganz besonderen Orten aufgebaut. Erst stand es zur Schweizer Expo 2002 auf Pfählen im Neuenburger See, seit dem 2. Juni nun auf dem Dach der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, wo es bis August 2007 bleiben soll. Eine Nacht für zwei Personen kostet 222 Euro. Mehr Infos gibt es unter: www.everland.ch
Understatement kannte er nicht - knallig, grell, bunt sind seine Kreationen. Der 1997 ermordete Gianni Versace war ein Allroundtalent: Von Mode über Schmuck, Geschirr, Parfüm und Möbel streckt sich sein Werk. Angetrieben von seiner Passion, Gemälde und Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart zu sammeln, ließ er sich durch die Kunstgeschichte inspirieren. Die Ausstellung "Versace. Das Genie der Mode und der Kunst" in den Musei Mazzucchelli im italienischen Brescia (Lombardei) zeigt bis zum 29. Oktober Kleider, Accessoires und Skizzen des Designers. Sie werden den Gemälden und Skulpturen gegenübergestellt, die ihn beim Entwerfen beflügelt haben.
Die Fenster des Linienbusses sind schwarz verhängt. Während der ruckeligen Fahrt durch London dringt magisches Licht nach innen: Farben, Streifen, Muster. Das Auge braucht Zeit, um sie zu Häusern, Autos, Menschen zusammenzufügen, denn die Welt steht Kopf im Bus Obscura. Der englische Künstler Simon Lee, 49, entwarf ihn 2004 für die Messe Art Basel Miami Beach, danach fuhr der Bus noch durch New York und Uganda. Er funktioniert wie eine Camera obscura: In die schwarze Verdunkelung der Fenster stanzte Lee mehr als tausend winzige Löcher. Das Licht fällt auf Platten aus Plexiglas und bringt so die Außenwelt kopfüber ins Innere des Busses. Einige der Löcher sind mit primitiven Objektiven ausgestattet. Das so entstehende Nebeneinander von scharfen und unscharfen Bildern erzeugt Tiefe. Die Augen baden in sich ständig ändernden psychedelischen Formen und Farben, die den Fahrgästen ähnliche Freudenschreie entlocken wie Kindern, die mit einem Kaleidoskop spielen. Weitere Touren an anderen Orten sind geplant.
Der Rocksänger und Songschreiber Lou Reed zählt zu den großen musikalischen Chronisten des modernen New York. In unzähligen Songs hat das frühere Mitglied der Band "Velvet Underground" das Leben der Boheme von Manhattan einzigartig lakonisch eingefangen. Dass er seine Stadt auch fotografisch beobachtet, war bisher weniger bekannt. Das Buch "Lou Reed's New York" (Steidl Verlag, 40 Euro) zeigt ihn nun als Romantiker: Viel mehr als das Menschengewühl in den Straßenschluchten interessiert Reed der mal unruhige, mal idyllische Himmel über dem noch immer berühmtesten Hochhausgebirge der Welt.
Bild(er):
Bild: Mit einer starken Lampe zeichnet Jeron Korvinus alias Elpussycat einen "betrunkenen Typ" an eine Hauswand oder lässt eine Schnecke über eine Kreuzung kriechen
Bild: Aufgeblüht: Saal in der Orangerie mit Claude Monets Seerosen-Panorama
Bild: Niedlich und grotesk wirken die Bilder von Human Empire - im Uhrzeigersinn von links oben: "Earth 2", "War", "Yes" (alle 2006) und ein Cover für das Album "Slow days" der Gruppe "The year of" (Morr Music, 2006)
Bild: Das mobile Everland-Hotel, eine stilistische Kreuzung aus siebziger Jahre und Moderne, ist in knalligem Grün-Blau eingrichtet. Die Handtücher in der Badegrotte dürfen die Gäste stehlen. In Leipzig wurde die Box jetzt per Kran auf das Dach der Galerie für Zeitgenössische Kunst gehieft
Bild: Beim Entwerfen des gelben Abendkleids (links) ließ Versace sich von Roy Lichtensteins Gemälde "Whaam!" (1963) inspirieren
Bild: art-Autor Hans Pietsch auf der Fahrt mit dem Bus Obscura durch London
Bild: Der Musiker als Fotograf: Rocklegende Lou Reed (rechts) und seine Arbeiten "Jackhammer" (oben) und "Topple"
