Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 92-93

Klänge im Schattenreich

Von Kerstin Schweighfer

ROTTERDAM: DON QUIJOTE / Die Antrittsausstellung von Nicolaus Schafhausen, dem neuen Direktor des Witte de With, empfand art-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer als laut.

Normalerweise sind Ausstellungen visuelle Angelegenheiten mit dem Ziel, möglichst viele und eindringliche Bilder in der Erinnerung zurückzulassen. Die Gruppenschau "Don Quijote" hingegen, mit der sich Nicolaus Schafhausen, zuletzt Leiter des Frankfurter Kunstvereins und eben zum deutschen Biennale-Kurator berufen, als neuer Direktor des Rotterdamer Kunstzentrums Witte de With präsentiert, ist in erster Linie ein akustisches Erlebnis.

Das fängt bereits im Treppenhaus an. Auf dem Weg in den dritten Stock weckt eine ebenso befremdliche wie faszinierende Kakophonie aus Stimmen und Melodien die Neugierde der Besucher: Da oben scheint nicht nur ein Kinderchor zu üben, sondern auch ein Männerduo, das gleichzeitig voller Inbrunst eine Schnulze aus den fünfziger Jahren singt. Und während ein junger Mann immer wieder irgendetwas wütend dazwischen schreit, sind Fetzen eines Dialoges zu hören mit den gepresst klingenden Stimmen zweier Amerikaner. Oben angekommen taucht der Besucher in ein Schattenreich hinter dunklen Scheiben, durch welche die Stadtsilhouette von Rotterdam zu einem Magritte-Gemälde mit Tageshimmel bei Nacht wird. Ein gelungenes Ambiente für die Filme, Fotos, Installationen und Gemälde von 22 Künstlern, die sich in ihren Arbeiten mit dem tragikomischen Titelhelden aus Miguel Cervantes' Meisterwerk "Don Quijote" auseinandersetzen sollten. Ein hoher Anspruch, dem die Arbeiten aber gerecht werden: Gezeigt wird nicht nur das gesamte Spektrum der menschlichen Suche nach Idealen, Liebe und Glück, sondern auch Einsamkeit und Verzweiflung über das Unvermögen, diese Ziele zu erreichen.

So gehören die wütenden Rufe eines jungen Mannes zu einem Film des Engländers Richard T. Walker: Er hat sich mit dem Rücken zur Kamera in einen Wiesenhang gesetzt, um in ein Tal hinein ins Leere zu sprechen. Dabei wird er immer lauter und beginnt, seinen unsichtbaren Gesprächspartner mit Vorwürfen über zu wenig Nähe und Intimität zu überhäufen. Bei einem Dialog zweier Amerikaner handelt es sich um die letzten Worte von Feuerwehrleuten, die bei den Terroranschlägen 2001 verschüttet wurden - eine Arbeit des Amerikaners Chris Moukarbel.

Vom Leiden an der Liebe erzählt der homoerotische Film "A Fine Romance" von Jesper Just aus Kopenhagen, der einen alten und einen jungen Mann die Schnulze "Crying" von Don McLean singen lässt. Ein Kinderchor entpuppt sich als Schulklasse aus Zagreb: Umgeben von Spuren des Bürgerkriegs üben die Kinder den Ohrwurm "Magical World" - ein Dokument unverdrossenen Überlebenswillens von der Schwedin Johanna Billing.

Filme sind in dieser Schau deutlich in der Übermacht. Zuweilen wird die Tonkulisse dadurch irritierend: Trotz Kopfhörern ist es schwer, sich auf ein einzelnes Werk zu konzentrieren. Da wünscht man sich mehr stumme Arbeiten, wie die ruhigen Meeresfotos von Sven Johne mit den Untergangsstellen historischer Schiffe. Dann allerdings würde die Ausstellung einiges an Eindringlichkeit eingebüßen. So hingegen ist eine akustische Collage entstanden, die lange nach Verlassen der Schau im Bewusstsein nachhallt: Noch vier Seitenstraßen weiter glaubt man, die Rufe des Mannes am Wiesenhang zu hören und summt leise "Magical World".

Termin: 6. August. Internet: www.wdw.nl/

Bild(er):

Bild: Frauenfigur "Solange" (2005) von Markus Schinwald. Rechts: Fotoarbeit des Leipzigers Sven Johne aus der Serie "Ship Cancellation" (2004)