Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 58-63
Kunst-Messias auf der Großbaustelle
Von Barbara Hein
Hammer, Zollstock, Wasserwaage - mehr braucht es nicht, um ein paar Bilder aufzuhängen. Für die große Schau von Jonathan Meese aber rückten Kräne und Hebebühnen in den Hamburger Deichtorhallen an. art begleitete Künstler und Handwerker einen Monat lang
VON UND KNUT GÄRTNER (FOTOS)
MONTAG, 3. APRIL, 16:15
"Das is'n Oschi, wa!", sagt Bruno Brunnet und meint einen 20 mal 40 Meter großen Stahlrahmen, der in sieben Metern Höhe in der nördlichen Hamburger Deichtorhalle hängt. Von dort baumeln 95 schwarze LKW-Planen bis auf den Boden. "Das ist unsere Black Box." Mit "uns" meint Brunnet, ein kleiner energiegeladener Berliner, sich selbst und Jonathan Meese, mit 35 Jahren bereits einer der berühmtesten deutschen Gegenwartskünstler. Seit 1998 ist Meese bei Brunnets Galerie "Contemporary Fine Arts" unter Vertrag, etwa 40 Ausstellungen haben sie seitdem zwischen Tokio und New York organisiert, aber diese ist mit Abstand die kühnste. Sie ist der vorläufige Höhepunkt einer jungen Karriere, in der eine Gipfelstürmung auf die nächste folgte. Für die große Werkschau "Mama Johnny" wurden die 2500 Quadratmeter der Halle zu einem gigantischen Saal vereint. Er ist erfüllt von einem Chaos aus Transportkisten, Folien, Bauteilen. Gabelstapler fahren herum, Bohrer kreischen, Hebebühnen seufzen. In der Mitte steht die Black Box, in der zum Auftakt "Kokain", der Skandalroman der zwanziger Jahre von Pitigrilli, als Theaterstück aufgeführt wird. Es war 2004 Meeses Bühnenbilddebüt an der Berliner Volksbühne unter der Regie eines im Geiste verwandten Berserkers, Frank Castorf. "Zuerst waren die Deichtorhallen skeptisch, aber ,take it easy` hab' ich da gesagt, das ist unsere Spinnerei, das zahlen wir selbst", erzählt Brunnet. 300000 Euro haben er und Meese zusammengelegt, um alles zu finanzieren. Mehr als 150 Werke wurden aus ganz Europa zusammengetragen, aus allen Phasen und Genres inklusive sperriger Großinstallationen, wie "Mor" (2005) oder "Maldoror-Turm" (2000). Das trashige, deutsch-apokalyptische Meese-Universum kreist dabei nur um einen: den Künstler selbst, der untrennbarer Teil seines eigenen Werks ist.
DIENSTAG, 4. APRIL, 9:00
Die Halle ist ein summendes, brummendes Gewusel, in dem alles gleichzeitig zu passieren scheint: Handwerker zimmern an "Mor" und dem "Maldoror-Turm" herum, hölzerne Transportkisten werden geliefert, und in der Black Box beginnt der Drehbühnenaufbau. Dort liegen wie ein Spinnennetz blaue Stahlstreben auf dem Boden. Sekündlich ertönt der Pfeifton einer lasergesteuerten Wasserwaage. Die große Scheibe mit 20 Metern Durchmesser muss völlig plan liegen, damit sie später nicht eiert oder quietscht. Acht Mann von "Bumat-Bewegungssysteme" sind mit 700 Einzelteilen aus Hockenheim angereist. "Mer habe schon für Peep montiert, die Sendung mit der Feldbusch", erzählt einer der Handwerker. "Und fürs Sportstudio."
MITTWOCH, 5. APRIL, 14:00
Zwischen zwei Presseterminen schaut Jonathan Meese in die Halle. "Willkommen in meinem Tempel", sagt er und lächelt. Mehrere große Bilder will er noch malen. Bunter sollen sie werden als früher. "Und nicht so düster. In mir materialisieren sich gerade Worte wie Neutralität, Natur und Liebe." Das ist neu im meeseschen Wortschatz, in dem es sonst von allem wimmelt, was archaisch und abgründig klingt: Erz, Blut, Gral, Saal, Kampf, Heil - gerne auch als Komposition, wie in "Erzmensch", "Erzritter" oder "Heideggerz".
Meese hat einen fast schon beängstigenden Output. Wenn er malt, fließt Öl in dicken Strömen. Wenn er performt, dann stundenlang und schweißgebadet. Wenn er agitiert, dann laut und gerne gegen Kunstdiplome und Stipendien. Er selbst hat das Kunststudium abgebrochen. "Ich weiß, dass mein Erfolg nicht selbstverständlich ist", sagt er. Es sei ihm unangenehm, dass so viele Leute hier für ihn rackern müssen. Handwerker berichten, dass er immer wieder frage, ob er helfen könne. Dann steht er da, lächelt hilflos, nimmt einen Lappen, wischt ein bisschen Staub auf oder Farbe und geht wieder.
FREITAG, 7. APRIL, 13:00
Die LKW-Planen sind hochgezogen, das Berliner Volksbühnen-Team braucht Platz und Licht: Die "Kokain"-Kulissen werden aufgebaut. Sechs Mann wuchten Balken auf die Drehbühne. Hier entsteht ein begehbares Eisernes Kreuz, beschmiert mit Meeses Sprachschöpfungen. Darin, darum, darauf wird "Kokain" gespielt. Das Eiserne Kreuz als Lasterhöhle - ein typischer Meese-Kurzschluss. Wie in einem Teil chenbeschleuniger jagt er Fragmente des Deutschseins aufeinander und hofft, dass dabei irgendwie ein neues Bewusstsein herauskommt.
MITTWOCH, 12. APRIL, 16:00
Die aus Plastikplanen bestehenden Wände der Black Box sind wieder heruntergelassen und über und über mit weißer Farbe beschrieben: "Die Erzwacht Stalin (totale Demut)" oder "Saalpolitik = Erzproduktionullgral". Nur die Stirnseite ist bis auf "Störtebekers Gesetz" noch leer. Das will Meese heute ändern. Handwerker stellen eine Hebebühne auf, Meese holt weiße Farbe. Der Wagen befördert ihn in sieben Meter Höhe. Dort taucht er den Pinsel ein, legt los - bricht ab. "Mist", sagt er, "da ist keine Spannung drauf." Die Planen überlappen sich und bei jedem Strich hakt der Pinsel hinter. Er fährt wieder runter, improvisiert mit Klebeband. Ein Handwerker tackert die Bahnen zusätzlich auf dem Boden fest und rollt Packpapier aus. Entgegen seiner brachialen Sprache ist Meeses Art zu malen behutsam, fast betulich. Mit langsamen Bewegungen nimmt ein eisernes Kreuz Gestalt an, dann die Worte: "Mama Johnny sprach: we are Bayreuth". Unten stehen Fotografen, Journalisten, stellen Fragen. Meese arbeitet wie in Trance.
MONTAG, 17. APRIL, 10:00
"Das dauert viel zu lange", sagt die schlanke Frau mit den kurzen braunen Locken mit Nachdruck. Mittlerweile stehen alle Großskulpturen, Bühnenbild und Zuschauertribüne. Jetzt muss entschieden werden, was wohin soll. "Das ist alles so was von very last minute." Nicole Hackert ist die Frau von Bruno Brunnet und ebenfalls Meeses Galeristin. "Das Auto haben wir schon durch die ganze Halle geschoben, momentan steht es in dem Raum mit der Außentür, aber das ist eher suboptimal. Die Bronzen müssen alle in einen Raum, und die Immendorff-Geschichten auch, aber nicht direkt neben die Stade-Sachen." Sie nennt Meese "Johnny", so wie seine Mutter, als er noch klein war. "Wir sind schon fast so was wie eine Familie", sagt sie und fragt ihn, ob er nachher noch mit ihr und den Kindern essen gehen will.
DONNERSTAG, 20. APRIL, 14:00
Der Mann mit dem besorgten Gesicht, der unauffällig durch den Saal läuft, ist Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck. "Schauen Sie, für so ein delikates Projekt braucht man viel Gelassenheit", erzählt er mit weichem Wiener Akzent. "Da kommen so viele Temperamente zusammen: die Handwerker aus ganz Deutschland, die Crew vor Ort - nicht immer verstehen sich alle, es gibt Missverständnisse, aber wir haben alles immer wieder eingerenkt." Man dürfe sich keine Schreckenszenarien ausmalen, sagt er. "Aber manchmal albträume ich davon, dass ein Kran mitten in die Leinwände kracht."
DIENSTAG, 25. APRIL, 14:00
Meese steht auf dem "Maldoror-Turm" wie ein Seeräuberkapitän. Alles ist fertig, die Bilder hängen, die Bühne ist komplett, die Zuschauertribüne steht. Nur vor einem hat Meese noch Angst: "Gleich kommt die Bildzeitung." Er befürchtet, dass man ihn aufs tyrannische Spektrum festlegen könne, denn er versammelt gern die dunklen Gestalten der Geschichte: Stalin, Caligula, Hitler. "Ich neutralisiere sie, indem ich sie bagatellisiere. So muss man das auch verstehen, wenn ich in meinen Performances ,Heil Hitler` brülle." Zwei Tage später titelt "Bild": "Dieser Ahrensburger ist der neue Beuys - er verdient schon Millionen."
DONNERSTAG, 27. APRIL, 19:00
Es ist soweit: Lange Schlangen vor den Deichtorhallen. Kulturverantwortliche, Journalisten, Sammler, Meese-Fans geben ihre Jacken am eigens errichteten Garderobenzelt ab. Um acht Uhr beginnt "Kokain". Drei Stunden lang toben die Darsteller durch Meeses Kreuz-Kulisse, brüllen sich an, wälzen sich herum, spielen sich in Ekstase. Ein Drittel der Zuschauer hält das nicht aus und geht. Die anderen zwei Drittel trinken Bier und Wein, schlendern zur Erholung durch die Ausstellung und applaudieren am Ende stehend. Meese stürzt auf die Bühne zu den erschöpften Schauspielern. Jedem flüstert er etwas ins Ohr, hüpft, lacht, umarmt. Hinterher auf der Mitternachtsparty in der Admiralitätsstraße ist die Stimmung ausgelassen. Bruno Brunnet legt auf: Soliden Heavy Metal wie AC/DC. Die Party ist noch keine Stunde alt, als zu "Hell's Bells" zwei Polizisten auf der Matte stehen. Zu laut. Für einen Moment hält der ganze Raum den Atem an. Aber Brunnet deichselt das ganz diplomatisch. Am Ende pegeln die Polizisten selbst die Lautstärke aus, wünschen allen noch einen angenehmen Abend und versprechen, so bald wie möglich in die Deichtorhallen zu gehen.
Termin: bis 3. September. Katalog: in Vorbereitung
Bild(er):
Bild: Jonathan Meese, 35, ist am Gipfel angelangt: Die Retrospektive "Mama Johnny" füllt die nördliche Hamburger Deichtorhalle, den größten Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst in ganz Europa. Von überall her reisen die Transportkisten mit Skulpturen und Bildern an
Bild: Ohne Hebebühne und Gabelstapler geht bei "Mama Johnny" gar nichts. Den Titel wählte Meese zu Ehren seiner Mutter, die ihn oft begleitet und die untrennbar zu seinem Universum gehört. In der Aufbau-Anarchie muss manche Skulptur mitunter auch als Kleiderständer herhalten
Bild: Noch liegen Puppen, Kreuze, Planen neben dem Kübelwagen "Capitain Danjou" (2000), in den sie später geräumt werden. Galerist Bruno Brunnet (links) und Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck überlegen, wo was hin soll, Künstler Meese steht in sieben Metern Höhe und malt
Bild: Während es im Skulpturen-Raum um Millimeter geht, kommt in der Halle das schwere Gerät zum Einsatz: Vor der "Mor"-Burg ist ein Hebekran aufgebockt. Meese selbst lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: Er steht auf einer Leiter und bemalt wie in Trance den Vorhang der Black Box
Bild: Handwerker begutachten von der Hebebühne aus den "Maldoror-Turm" (2000), dessen Tor noch in Folie gewickelt an einer Hallenwand lehnt. In der Black Box wird die Tribüne befestigt, auf der 450 Zuschauer Platz haben. Das Bild von Romy Schneider hat noch keinen festen Platz
