Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 78-80
Gemälde als Wunschmaschinen
Von Kia Vahland
AUSSTELLUNGEN IM JULI / FRANKFURT: KULT-BILD / Das Städel-Museum vergleicht frühe sakrale und private Kultbilder
Der Kult ums Bild - das konnte im ausgehenden Mittelalter sehr würdevoll aussehen, etwa wenn die Frau eines Kaufmanns ihr persönliches Heiligenbild aus dem Lederfutteral zog und auf die Kredenz stellte, Weihrauch verschwenkte, eine Kerze anzündete und ihre abgebildete Namenspatronin im Gebet um Rat fragte. Der Glaube an die Wirkungsmacht der Bilder konnte aber auch ganz andere Formen annehmen, wie eine Doppeltafel erzählt, die der Florentiner Bicci di Lorenzo um 1400 malte. Dargestellt ist links ein Mann, der über einem goldenen Kultbild des Heiligen Nikolaus einen Knüppel schwingt. Er verprügelt das Gemälde, weil es nicht tat, was es sollte - nämlich auf die Geldsäcke des Mannes aufpassen, der auf Reisen war. Nun sind die Dukaten gestohlen, und der Heilige muss für seine Unachtsamkeit büßen. Dann geschieht ein Wunder: Nikolaus steigt - auf der rechten Bildhälfte - aus seiner Ikone aus, wohl weil er die Hiebe leid ist: Der Heilige stellt die Diebe zur Rede, damit sie die Geldsäcke zurückbringen.
Nun wäre kein Privatmann im Alleingang auf die Idee gekommen, seine Gemälde zu bestrafen. Das häusliche Gebet vor dem Andachtsbild und der Gewaltakt gegen ein Bild haben ihre Wurzeln beide in der katholischen Liturgie. Denn seit die Priester nach einer liturgischen Änderung im Spätmittelalter vor statt hinter dem Altar standen, wurden große Gemälde direkt auf dem Altar installiert. Gleichzeitig kamen kleine, flexibel handhabbare Bildwerke in Mode, die in der Messe nach Bedarf auf- und zugeklappt oder in Prozessionen eingesetzt wurden. Aus solchen Miniaturen entstand das private Andachtsbild, das genau zu seinem Besitzer passte.
Und so wie der Hausaltar ein Ableger des Kirchenaltars ist, so hat auch die Erniedrigung von Bildern sakrale Vorbilder - war es doch in vielen Gotteshäusern üblich, ein Heiligengemälde abzunehmen und demonstrativ auf den Fußboden zu stellen, wenn es seiner Gemeinde nicht geholfen hatte.
Der Schau im Städel, die rund 80 Kultbilder von 1250 bis 1500 versammelt, veranschaulicht solche Zusammenhänge: Wie hat sich das Privatbild, und damit letztlich die gesamte neuzeitliche Kunst, aus dem sakralen Bild entwickelt? Wie verändert sich die Beziehung des Betrachters zum Kultbild, wenn es nicht mehr unverrückbar und überlebensgroß über dem Altar hängt, sondern mobil und intim wird, eine handliche Holztafel für Reisen und Hausgebrauch?
Für den Vergleich zwischen den religiösen Bildarten werden in Frankfurt zum Beispiel Teile von Hochaltären zu sehen sein, die oft schon nach ein paar Jahren Dienst in ihre Einzelstücke zerlegt wurden. Daneben präsentiert Kurator Jochen Sander schmale sakrale Formen, etwa das Gemälde Fra Angelicos, das vermutlich einmal die Tür eines Tabernakels war. Hier wird der Betrachter auf Abstand gehalten: Die Engel zeigen sich ihm nur von hinten; ihre Aufmerksamkeit kreist um die Madonna mit dem Kind als Sinnbild der Fleischwerdung Gottes.
Dagegen kokettieren die Figuren der privaten Andachtsbilder schon mit dem Betrachter. Schließlich sind Malereien der Wendejahre zur Renaissance ausgestellt. Eine Tafel von Giovanni Bellini aus dem späten 15. Jahrhundert etwa ist beides: Noch ein Kultbild im alten Sinn und schon ein Kunststück der neuen Zeit.
Termin: 7. Juli bis 22. Oktober. Katalog: 29,90 Euro. Internet: www.staedelmuseum.de
Bild(er):
Bild: Links: "Madonna mit Kind, Johannes dem Täufer und der Heiligen Elisabeth" (um 1490, 72 x 90 cm) von Giovanni Bellini und Werkstatt. Oben: "Thronende Madonna mit Kind und zwölf Engeln" (1420/30, 37 x 30 cm) von Fra Angelico
Bild: "Geißelung der Ikone des Heiligen Nikolaus" (um 1400/10, 18 x 35 cm) von Bicci di Lorenzo - rabiater Umgang mit Heiligenbildern war üblich, wenn diese ihre helfende Aufgabe nicht erfüllt hatten
