Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 83

Operetten der Zerstörung

Von Till Briegleb

AUSSTELLUNGEN IM JULI / INNSBRUCK/WIEN: ISA GENZKEN / Eine Doppelausstellung zeigt neueste Arbeiten der Berliner Installationskünstlerin

Nicht, dass Isa Genzken es dem guten Geschmack leicht machen würde. Ihre Objekte und Fotos entwickelten in 30 Jahren keinen unverwechselbaren Stil. Ihr Fundus ist der Baumarkt, ihr Ausdruck bleibt stets spröde, und auch mit 58 Jahren gibt Genzken ihrer Kunst noch den Anschein von Punk statt Prunk. Abgesehen von ihrer frühen Phase Anfang der achtziger Jahre, als sie von Ingenieuren der Waffenschmiede MBB sehr dekorative Röhrenobjekte bauen ließ, hat Genzken von ihren Arbeiten immer einen "gewissen Realitätsbezug" verlangt.

Vor allem die Auseinandersetzung mit der architektonischen Umwelt präg-te ihre Skulpturen und Fotos, wobei die Künstlerin eher die pannenreiche Moderne interessiert als Vorstellungen von Eleganz und Wertigkeit. Ihre brüchigen Betonskulpturen von Fenstern oder eingemauerten Weltempfängern zeugten von der Brutalität des deutschen Wiederaufbaus. Die mit diversen Deko-Materialien verkleideten Stelen in der Form des World Trade Center, mit denen sie 1998 begann, verwiesen lange vor dem 11. September auf die Verletzlichkeit der modernen Idee vom Siegeszug der Rationalität. Schließlich zeigte sie mit ihrer Serie "Fuck the Bauhaus/New Buildings for New York" (2000) ironische Entwürfe für eine neue Großstadtarchitektur, die aus Kitschmotiven, Billigmaterialien, kreischbunten Fundstücken, Klebeband und Blütenblättern bestanden.

Besaßen Genzkens Arbeiten trotz der Kritik am männlich dominierten Ideal von Stil und Schönheit bis Ende der neunziger Jahre selbst noch eine gewisse Schlichtheit, so wandelte sich das mit der Serie "Schwule Babies" von 1997/98 radikal. Zerknäulte und besprühte Haushaltsgegenstände führten sie zu immer komplexeren Installationen. Aus einer Vielzahl an deformierten Materialien, dem hemmungslosen Einsatz von Farbe und stark narrativen Elementen - Bücher, Tierkörper, Miniaturfiguren, Flugzeugtüren oder Kleidungsstücke - komponiert Genzken bizarre .

In Kooperation zwischen Wien und Innsbruck wird diese letzte Werkphase jetzt umfangreich präsentiert. Während in Innsbruck im Taxispalais eine Auswahl der letzten Jahre versammelt ist - darunter die Installationen "American Room" (2004) und "New Buildings for Berlin", zu fragilen Hochhausmodellen geschichtete Glasplatten -, entsteht in der Wiener Secession eine neue Installation, mit der Genzken den gesamten Zentralraum bespielen wird.

Termin: Galerie im Taxispalais, Innsbruck, 10. Juni bis 20. August; Secession Wien, 6. Juli bis 10. September. Internet: www.galerieimtaxispalais.at; www.secession.at

Bild(er):

Bild: Wunderwelten aus Wohlstandsschrott: Isa Genzkens Installation "Kinder filmen", wie sie 2005 in der Kölner Galerie Buchholz aufgebaut war