Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 82

Der Besessene

Von Sandra Danicke

AUSSTELLUNGEN IM JULI / FRANKFURT/MAIN: WILHELM SASNAL / 50 Gemälde und vier neue Videofilme des polnischen Künstlers im Kunstverein

Er malte Autounfälle und Flugzeuge, die beim Start in Flammen aufgehen. Seine Gemälde zeigen den Rücken seiner Freundin, einen Küchenstuhl oder Joseph Beuys in Polen - und das alles in höchst unterschiedlicher Manier. Mit seinen popkulturellen Zitatenbildern ist Wilhelm Sasnal in den letzten Jahren zum Liebling des Kunstbetriebs aufgestiegen. Jetzt zeigt der Frankfurter Kunstverein in Kooperation mit dem Van Abbemuseum in Eindhoven die erste große Einzelausstellung des polnischen Künstlers in Deutschland.

Sasnals Werke faszinieren vor allem durch die Besessenheit, mit der sich der Maler die Welt aneignet - seien es die rasanten Entwicklungen in der polnischen Gesellschaft, historische Gräueltaten oder amerikanische Legenden. Für seine Bilder schöpft Sasnal, der 1972 im polnischen Tarnow geboren wurde und in Krakau erst Architektur und dann Kunst studiert hat, aus den unterschiedlichsten Quellen: Wissenschaftliche Bücher nutzt er ebenso als Vorlagen wie Pressefotos, Fernsehbilder, Comics oder Gemälde Alter Meister. Zahlreiche Motive basieren auf eigenen Video- oder Fotoaufnahmen, mit denen der Künstler seine alltägliche Umgebung und Reisen dokumentiert. In der Umsetzung dieser Eindrücke entstehen oft schwarzweiße, an der Fotografie orientierte Gemälde, bisweilen aber auch comicartige oder gestisch-abstrakt anmutende Farbflächen.

Neben rund 50 Gemälden, die unter anderem aus der Saatchi Collection und dem Centre Pompidou in Paris entliehen wurden, und von denen die Hälfte bislang noch nicht ausgestellt war, werden in Frankfurt vier neue 16-Millimeter-Filme gezeigt, die aus Material zusammengeschnitten wurden, das der Künstler im vergangenen Jahr während einer fast einjährigen USA- und Brasilienreise gedreht hat, zum Beispiel in dem texanischen Künstlerort Marfa. Für den gleichnamigen Film zum Thema Wüste und Auto (entstanden 2005) überredete Sasnal jeden, den er dort kannte, als Schauspieler mitzuwirken. Auch die einzige einheimische Band namens Spic hatte einen Einsatz.

"Brazil" spielt in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, wo sich eine Gruppe junger Leute versammelt, von denen man erst nicht weiß, ob sie bloß ein Konzert besuchen oder eine Studentenrevolte planen. Der Stummfilm "Nova Huta" entstand im gleichnamigen Arbeiterstadtteil vor Krakau, der einst als sozialistisches Vorzeigeprojekt gegründet wurde. Wie so oft bei Wilhelm Sasnal handeln auch seine Filme von nationalen Klischees und der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Termin: 21. Juni bis 3. September. Internet: www.fkv.de

Bild(er):

Bild: "Ruins of the Castle" ("Schlossruine", 2004, 50 x 65 cm), Ölgemälde von Wilhelm Sasnal

Bild: "Girl Smoking (Anka)" ("Rauchendes Mädchen", 45 x 50 cm) aus dem Jahr 2001