Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 16-33
Die Galerie des Jahrhunderts
Von Ute Thon
TITEL: Die Guggenheim-Story -200 Meisterwerke kommen nach Bonn: die Geschichte der berühmten New Yorker Sammlung / Von Edouard Manet bis Andy Warhol, von Max Beckmann bis Bruce Nauman: Die grandiose Sammlung der Guggenheim Foundation gastiert einen Sommer lang in Bonn. Noch nie wurde die Kollektion so groß präsentiert wie hier - auf 7500 Quadratmetern entsteht ein faszinierendes Panorama der Kunst der Moderne
VON
Eigentlich hat alles mit einer Wette angefangen. Im September 1928 auf einer Dinner Party in New York wettet Solomon R. Guggenheim mit seiner Tischnachbarin, sie könne sicher kein Porträt von ihm malen. Für den lebenslustigen Großindustriellen ist es wahrscheinlich nur ein Spielchen, um sich an die deutsche Künstlerin ranzumachen. Guggenheim zählt zu den reichsten Männern der Welt. Sein Vermögen hat er in Gold-, Silber-, Diamanten- und vor allem Kupferminen gemacht. Mit 67 Jahren langweilt sich der "Kupferkönig" wohl ein bisschen. Mit seiner Ehefrau Irene, geborene Rothschild, hat er sich arrangiert. Die drei Töchter sind aus dem Haus. Man lebt in zwei getrennten Suiten im Plaza Hotel. Die kesse Baroness reizt ihn. Hilla von Rebay, so heißt die 38-jährige Dame, wittert wiederum die Chance, endlich einen Mäzen für ihre fortschrittlichen Kunstideen zu gewinnen, und lädt Guggenheim in ihr Atelier ein.
Erst im Jahr zuvor war von Rebay aus Liebeskummer nach New York geflohen. Als Tochter eines preußischen Generals hatte man von ihr eigentlich eine standesgemäße Heirat erwartet. Statt dessen studierte sie Kunst in Paris und München und sympatisierte mit Dada- und Bauhaus-Künstlern. Sie stellt in der berühmten Berliner Galerie "Der Sturm" aus. Mit einem der Wortführer der neuen Avantgarde, dem Maler Rudolf Bauer, ist sie liiert und leidet nun unter seiner maßlosen Eitelkeit. Das ferne Amerika verspricht Ablenkung vom Beziehungsblues.
Das Porträt des amerikanischen Multimillionärs geht Hilla leicht von der Hand. Schließlich hat sie zum Geldverdienen schon so manchen adligen Verwandten schmeichelhaft naturalistisch in Öl verewigt. Während Guggenheim wochenlang immer wieder mehrere Stunden Modell sitzt, schwärmt die Malerin ihm von der Schönheit der gegenstandslosen Kunst vor, von ihren Helden Wassily Kandinsky und Rudolf Bauer, der spirituellen Erhabenheit ihrer Werke und von ihrem Traum von einem "Tempel der Gegenstandslosigkeit".
Ihr schickes Atelier in der Carnegie Hall hat sie für Guggenheims Besuche extra mit ausgesuchten Werken ihrer favorisierten Künstler präpariert. Irgendwann regt sich Guggenheims alter Pioniergeist. Wenn er nun anfinge, diese merkwürdigen Bilder mit den bunten Kreisen, Vierecken und Linien zu kaufen, vielleicht sogar ein Museum dafür zu errichten, mag er gedacht haben. Damit könnte er den arroganten Rockefellers eins auswischen, die sich gerade mit der Gründung eines "Museums für Moderne Kunst" ein Denkmal setzen wollen. Statt der gängigen Renoirs, Cezannes und Picassos hätte Guggenheim wirklich etwas Neues zu bieten. So ist der Großindustrielle am Ende nicht nur zufrieden mit Hillas Porträt. Sie hat einen leidenschaftlichen Freund und Förderer ihrer gegenstandslosen Kunst gefunden. "Kommt daher, nimmt Besitz und gibt dafür dem alternden König Energie, Hoffnung, Enthusiasmus", schreibt Guggenheim-Biograf John Davis über die schicksalhafte Begegnung.
Bald kauft Guggenheim über Hilla von Rebay seine ersten abstrakten Bilder. 1930 reisen sie gemeinsam nach Europa. In Paris scheucht Hilla den fast 70-Jährigen die steilen Stufen zu Fernand Legers Atelier hinauf. Sie treffen Laszlo Moholy-Nagy und Marc Chagall, später in Dessau auch Wassily Kandinsky und Paul Klee.
In den folgenden Jahren wird Hilla von Rebay zum hochtourigen, aber auch manipulativen Motor der wachsenden Guggenheim-Sammlung. Ihr Einfluss beschert ihr schnell den Ruf der "Queen of Art", verehrt von denen, deren Werk sie fördert, und gehasst von jenen, die sie für minderwertig hält. Das sind vor allem gegenständliche Maler, Impressionisten, Expressionisten, Surrealisten. So gut ihr Auge bei der Auswahl abstrakter Meisterwerke ist, so groß ist ihre Verblendung, wenn es um Rudolf Bauer geht. Bis zum Tod wird sie sich nicht davon abbringen lassen, dass er der Größte sei. Dabei halten ihn andere eher für einen zweitklassigen Kopisten von Kandinskys Stil. Dass Hilla von Rebay Guggenheim dazu überredete, so viele seiner Bilder zu erwerben, wird ihrem Ruf als Wegbereiterin des Guggenheim-Museums nachhaltig schaden.
Dennoch bleibt sie diejenige, die den Kupfermagnaten davon überzeugt, ein eigenständiges "Museum für gegenstandslose Malerei" zu erbauen. 1937 gibt Guggenheim seiner inzwischen rund 400 Werke umfassenden Sammlung mit der Gründung der Solomon-R.-Guggenheim-Stiftung eine rechtliche Grundlage. Am 31. Mai 1939 eröffnet das "Museum of Non-Objective Painting" in einem ehemaligen Autosalon auf der 54. Straße. Direktorin Hilla von Rebay nennt die erste Ausstellung "Die Kunst von morgen". Die Wände sind mit hellgrauem Velours bespannt, der Boden mit flauschigem grauem Teppich belegt. Die Gemäl-de hängen in handbreiten silbernen Rahmen nur knapp über dem Boden - in Augenhöhe derjenigen, die sich zum meditativen Betrachten auf den Samtsofas niederlassen. Aus unsichtbaren Lautsprechern klingt Bach, in der Luft liegt Weihrauchduft.
Nur drei Jahre später eröffnet Solomon Guggenheims Nichte Peggy um die Ecke in der 57. Straße ebenfalls einen Showroom für moderne Kunst. Die Tochter des auf der Titanic umgekommenen Benjamin Guggenheim war als Party-Girl jahrelang in der europäischen Künstlerszene unterwegs und pflegt enge Kontakte zu den Pariser Surrealisten um Jean Cocteau, Yves Tanguy und Max Ernst. Für Hilla von Rebay zeugt das von schlechtem Kunstgeschmack. Die beiden Frauen können sich nicht ausstehen. So ist Peggys Galerie "Art of This Century", wo sie nicht nur Surrealisten zeigt, sondern auch die Karrieren junger amerikanischer Künstler wie Robert Motherwell, Mark Rothko und Jackson Pollock lanciert, eine Kampfansage an die Baroness. Der Kontrast zwischen Hillas Weihetempel der Gegenstands-losigkeit und Peggys von Friedrich (auch Frederick) Kiesler gestalteten avantgardistischen Ausstellungsräumen könnte kaum größer sein. Statt vor grauem Velours schweben die Bilder vor gerundeten Wänden oder werden auf einem Fließband am Betrachter vorbeitransportiert. Aus den Lautsprechern schallt statt Bach das Geräusch einer rasenden Eisenbahn.
Die anhaltenden Animositäten zwischen den beiden Frauen sind wohl auch ein Grund dafür, dass Peggy nach Kriegsende zurück nach Europa geht und ihre Sammlung schließlich in einem Palazzo in Venedig unterbringt. Drei Jahre vor ihrem Tod wird der damalige Direktor des Guggenheim, Thomas Messer, Hillas indirekter Nachfolger, Peggy mit diplomatischem Geschick dazu bewegen, ihre Sammlung unter die Leitung des New Yorker Museums zu stellen - ein Gewinn für beide Häuser.
1943 haben Hilla und Solomon Guggenheim dann den richtigen Baumeister für ihr Museum gefunden. Sie beauftragen Frank Lloyd Wright, Amerikas berühmtesten Architekten. Der damals 76-Jährige sieht den Auftrag als Krönung seines Lebenswerks. Im Juli 1945, zwei Monate nach Kriegsende, wird sein Modell der Öffentlichkeit vorgestellt: ein innovativer Rundbau, irgendwo zwischen Hutschachtel und fliegender Untertasse. So ein Museum hat die Welt noch nicht gesehen. Wegen der hohen Inflation verzögert sich der Baubeginn; erst im Oktober 1959 wird das Bauwunderwerk mit seiner freitragenden Spiralrampe um das 33 Meter hohe Atrium eröffnet.
Die drei Menschen, die den einzigartigen Museumstempel möglich gemacht haben, sind bei der Eröffnungsfeier allerdings nicht dabei. Solomon Guggenheim ist schon 1949 gestorben. Ihm zu Ehren wird das Ausstellungshaus nun "Solomon R. Guggenheim Museum" genannt und so sein Name unsterblich. Frank Lloyd Wright stirbt ein halbes Jahr vor der Fertigstellung.
Hilla von Rebay grämt sich derweil in ihrem Landhaus in Connecticut. Die "Queen of Art" wurde nicht eingeladen. Seit Guggenheims Tod hat der Stiftungsrat des Museums sie systematisch an den Rand gedrängt. Bereits 1952 musste sie ihren Posten als Direktorin räumen. Statt dessen wurde James Johnson Sweeney, ein Kurator vom Konkurrenzunternehmen MoMA, zum neuen Direktor berufen. Unter seiner Leitung erwirbt das Museum verstärkt auch Werke, die nicht unter die Kategorie "gegenstandslose Kunst" fallen.
Bereits im Jahr 1948 hatte die Guggenheim-Stiftung den kompletten Nachlass des New Yorker Kunsthändlers Karl Nierendorf, darunter 110 Werke von Paul Klee und 24 von Lyonel Feininger gekauft. 1961 übernimmt Thomas Messer, ein gebürtiger Tscheche, die Leitung des Museums. Er holt den britischen Kunsthistoriker Lawrence Alloway nach New York und macht mit dessen bahnbrechender Austellung "Six Painters and the Object" das Guggenheim zu einem der ersten Häuser, die ein breites Publikum mit der Pop Art von Jim Dine, Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, James Rosenquist und Andy Warhol konfrontiert. In Messers 27-jähriger Amtszeit wird sich das Museum vom kuriosen Nischenschauplatz zur Weltklasse-Institution etablieren, nicht zuletzt auch wegen der von ihm vermittelten Schenkung des Kunsthändlers und Sammlers Justin Thannhauser, mit der Spitzenwerke des Impressionismus, Postimpressionismus und der frühen Pariser Schule, darunter allein 34 Picassos, Eingang in das Museum finden.
Ähnlich wie das MoMA ist das Guggenheim nun mit Hauptwerken aus allen wichtigen Etappen der Moderne ausgestattet und setzt internationale Maßstäbe. Der Kanon der "Westkunst" wird plötzlich von New York diktiert, die Ausstellungen im Guggenheim beeinflussen Museumsprogramme weltweit. Mal sind es Retrospektiven von Künstlergrößen wie Paul Klee (1967) oder Piet Mondrian (1971), dann wieder Einzelschauen radikaler Erneuerer wie Eva Hesse (1972) oder Joseph Beuys (1979). Gleichzeitig hat das Museum die Sammlung mit mutiger Ankaufspolitik immer konsequent im Zeitgenössischen verankert. Das zeigt sich bis heute in Ausstellungen und dem Erwerb von Werken jüngerer Künstler wie Matthew Barney, Anna Gaskell, Douglas Gordon und Kara Walker.
So bleibt die Geschichte des Guggenheim Museum auch eine Geschichte eigenwilliger Sammlerpersönlichkeiten, von Solomon und Peggy Guggenheim über Nierendorf und Thannhauser bis hin zu dem italienischen Giuseppe Graf Panza di Biumo. Dessen Sammlung minimalistischer Werke von Künstlern wie Carl Andre, Dan Flavin, Robert Morris und Richard Serra erwarb Messers Nachfolger Thomas Krens 1991 für das Museum. In den letzten Jahren hat Krens Museumsfilialen in Bilbao, Berlin und Las Vegas eröffnet und kühne Pläne für neue Häuser in Brasilien, Taiwan und Mexiko entwickelt (siehe Seite 30).
Hilla von Rebay hätte die Expansion des Hauses sicher begrüßt. Nicht erfreut wäre sie dagegen über manche Ausstellung in ihrem "Tempel der Gegenstandslosigkeit" gewesen. Da wurden mal die Kleider des Edelschneiders Giorgio Armani gezeigt, dann ließ Krens Frank Lloyd Wrights Nautilusgehäuse mit Motorrädern zuparken ("The Art of the Motorcycle", 1998). Doch das hat die Baroness nicht mehr erlebt. Von Rebay starb 1967 vergessen von der Kunstwelt und wurde im badischen Teningen begraben. So ist das Gastspiel der Guggenheim Collection in Bonn auch eine späte Verbeugung vor der spirituellen Mutter des Museums.
Hilla von Rebay genießt schnell den Ruf einer "Queen of Art"
Die Kunst von morgen wird auf hellgrauem Velours präsentiert
Die Kunst von morgen wird auf hellgrauem Velours präsentiert
Nach dem Krieg holte Amerika gegenüber Europa auf: Der Abstrakte Expressionismus machte Furore
Die deutschen Expressionisten beschwören das Dunkle und Wilde
Der Surrealismus: die Leinwand als Bühne des Traums und der Begierden
Die Moderne fand neue Wege zwischen Abstraktion und Erzählung
Die abstrakte Skulptur als Erkenntnisinstrument: Die Wahrnehmung des Raums verändert sich
Guggenheim auf Tour
Die wichtigsten Informationen zu zwei Ausstellungen in Bonn und einer in Berlin
The Guggenheim, Teil I, Collection: 21. Juli 2006 bis 7. Januar 2007 in der Bundeskunsthalle und im Kunstmuseum Bonn, 200 Meisterwerke vom Impressionismus bis zur Gegenwart. The Guggenheim, Teil II, Architecture: 25. August bis 12. November 2006, Atrium Bundeskunsthalle, Pläne und Modelle der wichtigsten Guggenheim-Projekte, www.bundeskunsthalle.de, http://kunstmuseum.bonn.de Katalog: Hatje Cantz Verlag, 25 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro.
Art of Tomorrow - Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim: bis 10. August 2006, Deutsche Guggenheim, Berlin. www.deutscheguggenheim.de Katalog: 28,50 Euro. Literatur: Sigrid Faltin: "Die Baroness und das Guggenheim", Libelle Verlag, 2005; "Meisterwerke aus dem Guggenheim Museum", Cantz Verlag,1994; Coosje van Bruggen: "Frank O. Gehry - Guggenheim Museum Bilbao", Verlag Gerd Hatje, 1997
Bild(er):
Bild: Dieses Selbstporträt (1986, 269 x 269 cm) gehört zu den letzten Werken von Andy Warhol. 1987 starb der Pop-Art-Pionier
Bild: Lautmalerisches Tierporträt von Roy Lichtenstein aus der Hochzeit der Pop-Art: "Grrrrrrrrrrr!!" (1965, 173 x 143 cm)
Bild: Jackson Pollock genießt in der amerikanischen Nachkriegskunst den Status des großen Erneuerers. "Enchanted Forest" ("Zauberwald", 1947, 221 x 115 cm) ist eines seiner klassischen Drip-Paintings
Bild: Farbauftrag als Gottesdienst: Mark Rothko ließ die Leinwand mystisch leuchten und brachte den modern-aufgeklärten Museumsbesuchern Andacht und innere Einkehr bei. Hier sein Gemälde "Ohne Titel (Violett, Schwarz, Orange, Gelb auf Weiß und Rot)" (1949, 207 x 168 cm)
Bild: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs malt Ernst Ludwig Kirchner "Frauenkopf, Gerda" (1914, 99 x 75 cm)
Bild: Der wuchtige, halb verhüllte Frauenkörper erzählt von Verführung und Macht: "Alfi mit Maske" (1934, 78 x 76 cm) von Max Beckmann
Bild: Vom Menschen bleibt nur sein Abbild in Statuen und Puppen: "Die Nostalgie des Dichters" (1914, 90 x 41 cm) des italienischen Malers Giorgio de Chirico
Bild: Die Bilder von Salvador Dali scheinen aus den Tiefen des Unbewussten zu kommen: "Geburt der flüssigen Begierden" (1931/32, 96 x 112 cm)
Bild: Träumerischvertracktes Nachtbild des Konstruktivisten und Bauhaus-Lehrers Wassily Kandinsky: "Drei Klänge" (1926, 60 x 60 cm)
Bild: Ein Frauenporträt wird zum Spielfeld der Formen: Pablo Picassos "Frau mit gelbem Haar" (1931, 100 x 81 cm, Thannhauser-Kollektion)
Bild: Die Treppe ist Luft geworden, der Kellerraum hat sich materialisiert: "Ohne Titel (Keller)" (2001, 325 x 658 x 368 cm) von Rachel Whiteread
Bild: Ein Irrgarten des Plastikers Robert Morris: "Ohne Titel (Labyrinth)" (1974, Höhe 244 cm, Durchmesser 914 cm)
Bild: Intensive Raumerfahrung: "Grünlichtkorridor" (1970, 305 x 30 x 1219 cm), ein frühes Werk von Bruce Nauman
Bild: Edouard Manets "Vor dem Spiegel" (1876, 92 x 71 cm, Thannhauser-Sammlung)
Bild: Genie oder Kandinsky-Kopie: Rudolf Bauers "Blaues Dreieck" (1934, 131 x 130 cm)
Bild: Frank Lloyd Wright, Hilla von Rebay und Solomon Guggenheim (von links) 1945 mit dem Modell ihres Museums
Bild: Damit fing alles an: Hilla von Rebays Porträt "Solomon R. Guggenheim" (1928, 168 x 99 cm)
