Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 30-31

Weltgrößter Bauherr für schöne Luftschlösser

Von Till Briegleb

TITEL: Die Guggenheim-Story -200 Meisterwerke kommen nach Bonn: die Geschichte der berühmten New Yorker Sammlung / Seit rund 20 Jahren entwickelt das Guggenheim große Museumsprojekte, die aber fast immer scheitern

Rund 100 Städte meldeten sich nach der Eröffnung des Guggenheim Museum in Bilbao 1997 bei Direktor Thomas Krens und wollten auch so einen Knalleffekt. Die Erfolgsgeschichte der Industriestadt im Baskenland, die sich mit der 245-Millionen-Dollar-Investition in eine prosperierende Kulturmetropole mit jährlich rund einer Million Kunsttouristen verwandelt hat, setzte eine weltweite Dynamik in Gang. Frank O. Gehrys Bau, der aussah, als sei das Schneckengehäuse des New Yorker Guggenheim Museum von Frank Lloyd Wright explodiert und mit Titan überzogen worden, wurde zum Symbol des "Bilbao-Effekts": Von China bis Wolfsburg wurde versucht, die Wirtschaft mit Kultur anzukurbeln.

Ausgerechnet beim Erfinder des Effektes funktioniert die Methode allerdings nicht mehr. Seit Krens 1988 Chef des Museums mit dem Versprechen wurde, eine weltweite, einträgliche Expansion der Marke Guggenheim in Gang zu setzen, nannte er zahllose neue Standorte: Wien, Salzburg, Osaka, Tokio, Taichung, Berlin, Las Vegas, Rio de Janeiro, Salvador da Bahia, Curitiba, Guadalajara, Hongkong, Singapur, Macao, Shanghai, Guangzhou, New York, Venedig, Moskau und St. Petersburg. Doch entgegen Krens' Devise, ein Museum müsse sich ab und an runderneuern, um zu überleben, starb ein Projekt nach dem anderen den Verjüngungstod. Eröffnet wurden nur drei kleine Zweigstellen, von denen zwei nach wenigen Jahren geschlossen wurden (Las Vegas und Soho, New York). Außer Bilbao ergänzt nur die kleine Kooperation mit der Deutschen Bank in Berlin die beiden Stammhäuser New York und Venedig.

Gescheitert sind die hochfahrenden Pläne fast immer nach dem gleichen Ablauf. Krens verabredet mit den Stadtoberen eine Kooperation, lässt auf deren Kosten eine teure Expertise mit grandiosen Entwürfen erstellen, und wenn bekannt wird, dass die Gemeinde die horrenden Kosten alleine zahlen und Millionen an Lizenzgebühren abführen muss, werden die Pläne obsolet. So war es 2003 in Rio de Janeiro, wo die künstliche Museumshalbinsel nach Plänen von Jean Nouvel versenkt wurde; so war es kürzlich in Taichung in Taiwan, wo das Stadtparlament eine schillernde 250-Millionen-Dollar-Blase nach Entwürfen von Zaha Hadid platzen ließ; und auch von dem ersten spektakulären Guggenheim-Projekt in Europa, der Aushöhlung des Mönchsbergs in Salzburg (Entwurf: Hans Hollein, 1989), oder dem Plan für ein weiteres Gehry-Gebirge in Manhattan für eine Milliarde Dollar blieb nur ein Haufen Entwürfe. Aktuelle Pläne für einen Museumsturm in Mexiko von Enrique Norten hängen laut Krens von dem Ausgang der dortigen Wahlen im Juli ab: "Das liegt außerhalb meiner Kontrolle. Ich habe getan, was ich konnte."

Doch so langsam glaubt niemand mehr den vollmundigen Versprechen für neue Guggenheime. Krens, einst der gefeierte Manager der "einzig wirklich globalen Kulturinstitution" (Eigenwerbung) ist mittlerweile der weltgrößte Bauherr von Luftschlössern. Diese sind dann allerdings von inspirierender Vielfalt. Da Krens nur mit den kreativsten Köpfen der Jet-Set-Architektur arbeitet, versammelt die Ausstellung mit Guggenheim-Entwürfen, die in Bonn parallel zur Sammlung gezeigt wird, diverse schöne Bauskulpturen. Peter Noever, Chef des Wiener Museums für angewandte Kunst und Kurator dieses Teils, sagt denn auch: "Wir leben in einer so ausgetrockneten Zeit, die nur fragt, was machbar ist. Deswegen brauchen wir diese irrationalen Projekte. Das befreit das Denken."

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Bild: Bleibt ein schöner Traum: Zaha Hadids Seifenblase auf Stelzen für Singapur wird nicht gebaut

Bild: Enrique Nortens Projekt für Guadalajara in Mexiko (oben) und Jean Nouvels Halbinsel für Rio de Janeiro

Bild: Stammhaus New York von Frank Lloyd Wright (oben) und Guggenheim Bilbao von Frank O. Gehry