Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 93

Sensibel reagiert

Von Almuth Spiegler

SALZBURG: KONTRACOM

Wie ein umgedrehter Hubschrauber im Freiluft-Kunstprogramm des Festivals "Kontracom" für Aufregung sorgt. Auch in diesem Jahr wurde Salzburg wieder sein schon fast traditioneller Kunstskandal beschert: Nach Gelitins pissendem Plastilinmann, der von der Feuerwehr schließlich mit Holz verkleidet wurde (art 1/2006), war es diesmal die Italienerin Paola Pivi (art 5/2004) mit einem umgedrehten Hubschrauber, die mit der Häme der Boulevardmedien konfrontiert wurde.

Im Rahmen des Avantgarde-Festivals "Kontracom" plante Pivi erst, ihr "poetisches Bild des Scheiterns menschlicher Sehnsüchte", so Kurator Max Hollein, vor die Mozart-Statue zu legen. Dann begannen die populistischen Proteste - von "Kulturschande" und "Verhunzung" war zu lesen, die Behörden schalteten sich ein. Aber Pivi ließ sich nicht verschrecken und wich auf den größeren Residenzplatz aus - wo jetzt allerdings das mächtige Gefährt nur wie ein auf dem Rücken liegender Käfer wirkt. Immerhin schien die plakative Installation die lokalen Künstler zu inspirieren. Über Nacht hatte einer einen umgedrehten alten Peugeot mit Rotorblättern aus Holz vor das Mozart-Denkmal gelegt. Vor diesem Hintergrund verwunderte auch das plötzlich auftauchende Bürgerbegehren "Aktion reales Salzburg" nicht, das unter dem Motto "Salzburg bleib frei!" Unterschriften gegen zeitgenössische Kunst im Stadtraum sammelte. Wer hier allerdings mit Wut im Bauch unterschrieb, ging dabei dem Schweizer Künstler Christoph Büchel in die Falle: Das subversive, ganz offiziell angemeldete Projekt war bereits Teil des "Kontracom"-Festivals.

Ähnlich ortsspezifisch sensibel sind die meisten Arbeiten: Der Bretterzaun etwa, mit dem der Österreicher Hans Schabus den Blick in den Mirabellgarten verstellt und so die Differenz zwischen hektischem Stadtraum und idyllischem Barockensemble sichtbar macht. Oder Aycse Erkmens Installation, in der sie drei große bunte Kugeln in einer schmalen Häuserschlucht schweben lässt und so einen der spärlichen Freiräume der Altstadt betont. Weniger überzeugend gelang dagegen Jonathan Meeses Arbeit: Er versah die Wände im Tunnel des Neutors mit Parolen des französischen Revolutionärs Louis Antoine Saint-Just, aber die Autofahrer werden kaum in der Lage sein, sie aufzunehmen. Auch Wien darf neidisch sein. Seit Graz 2003 Europäische Kulturhauptstadt war, gab es in Österreich keine derart konzertierte, große Kunstaktion im öffentlichen Raum.

Termin: bis 16. Juli. Internet: www.mozart2006.at

Bild(er):

Bild: "The Gap" von Aycse Erkmen, rechts "Warm Regards" von Michael Elmgreen/Ingar Dragset