Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 94

Frühe Utopien

Von Hans Pietsch

LONDON: MODERNISMUS

Eine Ausstellung im Victoria & Albert Museum belegt, dass der Modernismus kein einheitlicher Stil war. "Was genau war der Modernismus?" Dieser Frage geht Kurator Christopher Wilk in der Schau nach - und kommt doch zu keiner schlüssigen Antwort. Ja, Künstlern, Architekten, Designern schwebte nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs der Bau einer neuen Welt vor. Ja, dem Ornament wurde der Garaus gemacht und die Parole, ausgegeben vom Dessauer Bauhaus unter Walter Gropius, hieß: Form folgt der Funktion. Doch auch als die Träume der Sozialutopisten Mitte der zwanziger Jahre realisiert wurden, entstand daraus kein einheitlicher Stil. Zu unterschiedlich interpretierten die Konstruktivisten, Futuristen, Bauhäusler und andere die Herausforderung.

Viele der Design-Ikonen des 20. Jahrhunderts hat Wilk zusammengetragen: Marcel Breuers Stuhl B5 aus Stahlrohr ebenso wie die Tischlampe MT8/ ME2 von Wilhelm Wagenfeld mit ihrem halbrunden Schirm aus weißem Milchglas und Hans Ledwinkas silbrig glänzendes Auto Tatra T87. Vieles an den frühen Utopien, so zeigt die Schau, war eitel und lächerlich. Alexander Rodtschenkos Arbeitsanzug aus Wolle und Leder sowie Giacomo Ballas knallbunter "Futuristischer Anzug" etwa lösen heute nur noch ein amüsiertes Schmunzeln aus, und der unappetitliche Körperkult der zwanziger Jahre führte nahtlos zu Hitlers "Kraft durch Freude". So spart die Schau auch die dunkleren Seiten des Modernismus nicht aus: die Liebäugelei einiger italienischer Futuristen mit Mussolinis Faschismus oder Leni Riefenstahls Film "Triumph des Willens".

Wie zu erwarten, löste die Schau eine vehemente Debatte über das Für und Wider modernistischer Ziele aus. Architekturkritiker Deyan Sudjic pries sie als die "treibende Kraft des 20. Jahrhunderts", und nach Ansicht von Terence Conran, dem Gründer der Möbelkette Habitat, hat "Ikea den Traum der Modernisten endgültig verwirklicht". Traditionalisten wie Architekt Robert Adam dagegen setzten die "furchterregende Arroganz" des Modernismus mit Faschismus und Stalinismus gleich, und Simon Jenkins forderte seine Leser auf, nicht "die erschreckendste Schau, die ich je gesehen habe" zu besuchen, sondern sich die wahren Sünden der "totalitären Designer" anhand der Betonwüsten der sechziger Jahre in einer Stadt wie Manchester vor Augen zu führen.

Termin: bis 23. Juli. Katalog: 24,99 Pfund. Internet: www.vam.ac.uk

Bild(er):

Bild: Schnittig: Hans Ledwinkas silberglänzender Wagen Tatra T87, der vor 70 Jahren in Serie ging