Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 68-75
Ewiger Fasching im Reich der Kunst
Von Frank Nicolaus
Mit seinen Amazonen, Faunen und Nixen unterhielt er einst das Münchner Bürgertum: Franz von Stuck (1863 bis 1928), Zeitgeistkünstler des Fin de Siecle. Nun wurde die Stuck-Villa renoviert - die steingewordene Exzentrik des Malerfürsten erstrahlt in neuem Glanz
VON
München feiert. Hunderte von Bürgern, unter ihnen etliche Künstler, formieren sich zu einem Fackelzug und marschieren am Abend des 23. Februar 1913 zur Prinzregentenstraße 4. Sie wollen einem Souverän huldigen: dem Malerfürsten Franz von Stuck. Der Würdenträger, der an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feiert, erwartet die Gratulanten auf dem Balkon seiner festlich geschmückten Villa. Mit seinem stämmigen Körper und seiner Potentatenpose wirkt er wie sein eigenes Denkmal - ein Monument im Frack.
Der Jubilar hat in München keine Konkurrenz. Franz von Lenbach (1836 bis 1904), sein Vorgänger als Malerfürst, ist seit neun Jahren tot. Friedrich August von Kaulbach (1850 bis 1920), in Münchner Bussi-Kreisen als Porträtist in Mode, hat es nicht zum Fürsten, sondern lediglich zum Salonlöwen gebracht. Und die Maler der 1911 in München gegründeten Künstlergemeinschaft "Der Blaue Reiter" besitzen zwar schon einen gewissen Ruf, aber noch keinen Ruhm. Von einem Journalisten nach Namen seiner künstlerischen Mitstreiter befragt, erklärt der gebürtige Müllerssohn Stuck: "Ich bin ein Solitär."
Mit seinen mythologischen und allegorischen Bildern bedient der gelernte Gebrauchsgrafiker Stuck den Geschmack des Münchner Geldbürgertums, das sich seit der Gründerzeit gerne die entblößte Antike goldgerahmt übers Kanapee hängt. Eine unbestimmte Anzahl von Gemälden, ungezählte Papierarbeiten und Plastiken wird Franz von Stuck der Nachwelt hinterlassen. Das Werk aber, das ihm die relative Ewigkeit künstlerischen Ruhms sichert, ist seine vom Münchner Klatsch zum "Palazzo Paradiso" beförderte Villa in München. Sie zieht noch immer beständig das Kunstpublikum an (siehe Kasten Seite 74).
Die Karriere, die so prunkvolle Formen annahm, beginnt mit Strichmännchen. Der kleine Franz Stuck beschmiert alle "Fußböden, Thüren und Wände mit Figuren in weißer Kreide". Der Müllerssohn, am 23. Februar 1863 im niederbayerischen Tettenweis geboren, zeichnet sich schnell zur lokalen Berühmtheit hoch. Dorfbewohner lassen sich von dem wunderlichen Knaben porträtieren und revanchieren sich mit Süßigkeiten. Er bleibt eine Attraktion, zuerst auf der Realschule in Passau, dann - von 1878 bis 1881 - auf der Kunstgewerbeschule in München: "Der Stuck zeichnet nicht, der Stuck zaubert", lobt ein Lehrer die augenfällige Begabung des Schülers, zu dessen Talenten und Tugenden auch Fleiß und ein ausgeprägter Geschäftssinn gehören: Mit Werbegrafiken, Buchillustrationen und Karikaturen hat er noch vor seinem Karrierestart ein gutes Einkommen.
1881 schreibt sich Franz von Stuck an der Münchner Kunstakademie ein, betreibt seine Studien jedoch lieber in Biergärten und Künstlerkneipen. Während der Student Stuck die Akademie schwänzt, macht sich Prinzregent Luitpold von Bayern große Sorgen um die schöngeistige Zukunft der Residenzstadt. In München leben über 2000 bildende Künstler, darunter auch der Malerfürst Franz von Lenbach. Dennoch muss die Metropole um ihren Ruf als deutsche Kunsthauptstadt bangen. Berlin, die preußische Rivalin, holt kulturell mächtig auf. Die Rettung kommt aus Tettenweis: Stuck ist 26 Jahre alt, als er 1889 auf der "I. Internationalen Kunstausstellung" im Münchner Glaspalast sein Debüt als Maler gibt. Sein Gemälde "Der Wächter des Paradieses" (1889) wird von der Jury mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Endlich ein Hoffnungsträger. Der Prinzregent ist begeistert. Stuck verkauft das Gemälde für 60000 Goldmark - einen Betrag, der etwa dem Verdienst eines Handwerkers von zehn Jahren entspricht. Innerhalb kurzer Zeit steigt Franz von Stuck in die kulturelle Beletage von München auf.
In Stucks Werken manifestiert sich modellhaft "die Psyche der Zeit" (Otto Julius Bierbaum). Der Müllerssohn wird zum Modellkünstler - und damit zum Malerfürsten. Für das Publikum verkörpert er jene Instanz, die in seinem Debütbild nicht nur das Paradies bewacht. Der Wächter signalisiert auch: Wenn es um das Reich der Kunst geht, führt kein Weg an mir vorbei.
Als Paul Klee (1879 bis 1940) im Sommer 1898 nach München zieht, notiert er in sein Tagebuch: "Viel Paradoxa, Nietzsche in der Luft, Verherrlichung des Selbst und der Triebe. Sexualtrieb ohne Schranken. Neu-Ethik." In diesem Fin-de-Siecle-Klima gibt Franz von Stuck den geheimen Sehnsüchten und Fantasien seiner Mitbürger attraktive Form und Farbe. Mit seinen bildungsbürgerlichen Themen aus der Bibel ( "Salome", vor 1906) oder der antiken Mythologie ("Nymphenraub", 1920) verschafft er dem Publikum überdies ein Voyeur-Alibi.
Der junge Künstler hat seinen Malerblick an Werken von Symbolisten wie Arnold Böcklin (1827 bis 1901) und Gustave Moreau (1826 bis 1898) geschult. Seine Kunst ist gleichsam die Münchner Gegenthese zur Avantgarde in Paris und Berlin. Er entwickelt eine eigene Licht- und Farbdramaturgie, die auf genau kalkulierte Effekte zielt. "Ich möchte die Kraft des Mannes und die weiche Schmiegsamkeit des Weibes verherrlichen", erklärt Stuck programmatisch. Das Schlüsselwort ist "verherrlichen". Mit diesem Anspruch unterscheidet sich Franz von Stuck von allen anderen Meistern des Symbolismus. So geben etwa Max Klin-ger (1857 bis 1920) oder Fernand Khnopff (1858 bis 1921) ihren Göttern und Fabelwesen die Schwerkraft des Irdischen. Franz von Stuck aber verklärt. In seinem Atelier verwandeln sich Menschen - nicht selten er selbst oder seine Geliebten - ins Göttliche und Sinnbildliche. Diese opulent ins Bild gesetzten Apotheosen schmeicheln dem selbstbewussten Bürgertum der ausgehenden Gründerzeit. Spätere Generationen werden indes von ihnen eher peinlich berührt sein.
Stuck weiß, was das Publikum von ihm erwartet: eine weitere Sensation, wenn nicht gar einen Skandal. 1893 liefert er das Gewünschte. In einer Ausstellung der Künstlergruppe "Münchner Secession", zu deren Mitbegründern er zählt, zeigt er das Gemälde "Sünde" (1893). Am Rand einer Vorzeichnung beschreibt er das Bild in zierlicher Sütterlinschrift: "Die Sünde/ Saugend mit glühenden Augen/ weißen Brüsten wollüstig strotzend/ lockt das nackte Weib zur Verführung,/ aber gleich neben dem lockenden/ Antlitz, züngelt die giftige Schlange." Die "Sünde" schockt aufs Schönste; und Stuck, in München schon berühmt, wird nun im ganzen deutschen Reich berüchtigt: Kaiser Wilhelm II. nimmt sich höchstselbst des Sündenfalls an; er verhindert - sittlich entrüstet - die Verleihung einer Goldmedaille an Stuck.
Der kaiserliche Größenwahn kann den Karrierelauf des Müllersohns nicht stoppen. Fast jedes Jahr erhält er nationale und internationale Auszeichnungen; die Preise für seine Bilder steigen rapide, der Münchner Blut- und Geldadel steht um Porträts bei ihm an. Als der 32-Jährige im Juli 1895 zum Professor an der Münchner Kunstakademie ernannt wird, ist er bereits sehr vermögend.
Noch wohnt Stuck in Schwabing zur Miete. Das soll sich ändern. 1897 wird das Fundament der Villa Stuck an der Prinzregentenstraße ausgehoben; ein Jahr später feiert der neue Hausherr den Einzug. Bald ranken sich allerlei Gerüchte um die Villa. Von wüsten Festen mit sexuellen Ausschweifungen wird gemunkelt. Zwar kleidet Stuck sein Selbstverständnis gelegentlich in antike Herrschergewänder. Auch lässt er sich für Malvorlagen schon mal nackt als sprungbereiter Satyr fotografieren. Doch Bohemien wird er nie. Alles muss seine bürgerliche Ordnung haben. So heiratet er 1897 standesgemäß die angesehene Arztwitwe Mary Lindpaintner - nicht die Bäckerstochter Anna Maria Brandmair, das Modell für die "Sünde" und Mutter seiner Tochter Mary. Mit Unterstützung des Prinzregenten gelingt es ihm 1904, die uneheliche Tochter gegen den Willen der Mutter zu adoptieren. 1905 verleiht ihm sein blaublütiger Förderer das Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayerischen Krone. Malerfürst Stuck darf seine Bilder fortan mit Adelsprädikat signieren.
Für die Münchner lebt Franz von Stuck in einer eigenen, mysteriösen Welt. Wer die Villa Stuck betreten darf, muss damit rechnen, dass der berühmte Hausherr nur kurz auftaucht und dann wie ein Magier durch einen Geheimgang wieder verschwindet. Der "Solitär" macht sich rar und gibt sich wortkarg in Rede und Schrift. Seine Verschlossenheit fördert den Nimbus des Geheimnisvollen. Er lebt im Goldglanz seines Schweigens und überlässt dem Publikum die Deutung seiner Arbeiten. So wird der Malerfürst zur Summe seiner Werke, und seine Bilder werden zu Indizien: Der Faun, der aus Arkadien verstoßen, frierend im Schnee steht ("Verirrt", 1891); das Phantom, das mit geschultertem Speer über nackte Menschenkörper reitet ("Der Krieg", 1894); das Weib, das neben einem schlafenden Mann zum Schwerthieb ausholt ("Judith und Holofernes", 1927); oder der geflügelte Nackedei, der einem Storch ins Ohr flüstert ("Das Geheimnis", 1893). Franz von Stuck - für sein Publikum ein aufregendes Rätsel. Zu den Kritikern, denen lediglich sein enormer Erfolg rätselhaft ist, gehört der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe. In seiner "Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst" (1904) spottet er: "Stuck ist die größte Leistung Münchener Faschingsrenaissance (...) Er machte Sphinxe aus Kellnerinnen und Kellnerinnen aus Sphinxen."
Deutschland drängt zum Krieg. Der Malerfürst steht mehr pflichtbewusst als passioniert an der Seite der Patrioten. Als Kaiser Wilhelm II. immer lauter hetzt, malt Stuck das Propagandabild "Feinde ringsum" (1914): Ein nackter Jüngling schwingt drohend ein Schwert.
Vier Jahre später ist der Krieg verloren, die Monarchie macht sich davon, Goldrahmen über Kanapees sind obsolet. Franz von Stuck, jetzt ein Regent ohne Reich, hält mit beklemmender Konsequenz an seiner Rolle als Malerfürst fest. Als sein eigener Plagiator steht er noch immer im Frack vor der Staffelei und malt Faune, Kentauren und Nymphen. Früher schienen seine symbolischen und allegorischen Figuren aus dem Bildhintergrund herauszuwachsen, als Manifestationen elementarer Kräfte. Jetzt wirken die Konturen oft schlaff wie bei aufgetragenen Kleidungsstücken; der Hintergrund ist ein Paravent, der nur notdürftig das Nichts verdeckt. Auch geehrt wird Franz von Stuck noch immer. Aber die Ernennung zum Geheimen Rat (1924) und die Aufnahme in die schwedische Akademie der freien Künste Stockholm ( 1926 ) sind Gesten zum Abschied. Seine Karriere begann 1889 mit dem martialischen "Wächter des Paradieses". Um 1927 versöhnt er in einem Gemälde den Himmel mit der Erde: Er malt, herzkrank und ständig müde, einen Gewitterhorizont; vor die dunkle Wolkenwand setzt er einen in hellen Farben leuchtenden Regenbogen.
Am 30. August 1928 stirbt Franz von Stuck im Alter von 65 Jahren an Herzversagen. Sein Leichnam wird in ein antikes Herrschergewand gekleidet und im Ateliersaal der Villa Stuck aufgebahrt. Die Münchner Prominenz kondoliert. Kein Fackelzug. Heute wird sein Werk in der Villa an der Münchner Prinzregentenstraße regelmäßig in Ausstellungen beleuchtet. Der Modellkünstler Stuck ist Geschichte, seine Bilder eher Epochenzeugnisse als Meisterwerke. Ungebrochen ist die Faszination für Exzentrik und Selbstinszenierung - für das Künstlermodell Stuck: Der Malerfürst sieht sich selbst als Türsteher zum verlorenen Paradies.
Literatur: Eva Mendgen (Hrsg.): Franz von Stuck. Die Kunst der Verführung. München 2002; Jo-Anne Birnie Danzker (Hrsg.): Franz von Stuck. München 1997; Jo-Anne Birnie Danzker, Ulrich Pohlmann, J. A. Schmoll gen. Eisenwerth (Hrsg.): Franz von Stuck und die Photographie, München 1996
Rasant steigt der junge Maler in die Beletage von München auf
Die Villa Stuck sollte kein Wohnhaus sein, sondern ein Tempel der Kunst
Ein Münchner Gesamtkunstwerk
Die Villa Stuck: Einst als "Weihestätte der Kunst" gedacht, zeugt sie heute vom dekadenten Geist der Zeit
Mit einem repräsentativen Heim wollte sich Franz von Stuck nicht begnügen. Seine Villa sollte mehr sein: ein ästhetisches Programm und eine "Weihestätte der Kunst". Die Verwirklichung traute er nur einem einzigen Menschen zu: sich selbst. So wurde der Vielbegabte sein eigener Architekt, Innenausstatter und Möbeldesigner. Baumeister Stuck orientierte sich an der Architektur des Klassizismus. Der zweigeschossige Bau, ein kompakter Kubus mit strengen horizontalen und vertikalen Linien, sollte wie eine altertümliche Tempelanlage wirken. Stuck hatte sich den südlichen Himmel der Antike gleichsam ins Haus geholt. Im Vestibül, im Empfangszimmer, in der Bibliothek, im Boudoir und in den Schlafzimmern, in den Salons und Speiseräumen, im Musikzimmer und im Atelier: Allen Räumen gab er den Glanz der griechischen und römischen Mythenwelt; fast alle Reliefs, Mosaiken, Skulpturen und Gemälde sind Stuck-Werke. Der Malerfürst ließ keinen Zweifel daran, wer in der "Tempelanlage" angebetet werden sollte. 1898 zog er ein, in seinem Atelier errichtete Franz von Stuck sich selbst einen Altar - mit "Die Sünde", seinem berühmtesten Gemälde. Im Winter 1930, zwei Jahre nach dem Tod des Malers, zog seine Tochter Mary mit ihrer Familie in die Villa. 1968 wurde das "Museum Villa Stuck" eröffnet. "Hier lebt der Geist von Stuck, sozusagen neu aufgemöbelt", sagt heute Jo-Anne Birnie Danzker, die sehr inspirierte Museumsdirektorin der in siebenjähriger Bauzeit sanierten und restaurierten Villa Stuck.
Information: Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, Tel. (0 89) 4 55 55 10, geöffnet Mi bis So 11 bis 18 Uhr. Internet: www.villastuck.de Bis zum 27. August sind dort zwei Ausstellungen zu sehen: Toys, Stasi. Secret Rooms - Geheime Räume. Neue Arbeiten der Fotokünstler Daniel und Geo Fuchs. Bis zum 17. September: Geschlechterkampf. Gezeigt werden Schlüsselwerke Franz von Stucks, die sich mit dem Kräftespiel zwischen Mann und Frau auseinandersetzen. Ab 13. Juli: Gruppe Spur, siehe Seite 86
Bild(er):
Bild: Der Prunksaal des Malerfürsten: das Atelier von Stucks Münchner Villa, die seit 1968 ein Museum ist
Bild: Der Maler als stolzer Repräsentant seiner Zeit: Stuck 1896 in seinem Atelier
Bild: Stucks erster großer Erfolg: "Der Wächter des Paradieses" (1889, 251 x 168 cm)
Bild: Nacktheit, mythologisch verbrämt: "Verwundete Amazone" (1904, 65 x 76 cm)
Bild: Das Skandalbild: Als er "Die Sünde" (1893, 95 x 60 cm) sah, verweigerte Kaiser Wilhelm II. dem Maler Stuck eine Medaille - aus sittlichen Gründen
Bild: Mit seiner Tochter stellte Stuck fotografisch Figuren aus alten Gemälden nach: "Mary im Velazquezkostüm" (1908)
Bild: Figurenstudie: "Tilla Durieux als Circe" (um 1912/13)
Bild: Um 1905 fotografierte Mary Stuck ihren Ehemann als Studie zum Bild "Dissonanz"
Bild: Nach der Wiedereröffnung: das Museum Villa Stuck an der Prinzregentenstraße
Bild: Frisch renoviert: das Vestibül des Stuck-Hauses mit seiner reichen Ornamentik
