Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 64-67

Hüterin der Klarheit

Von Gerhard Mackreto Guntli

An seiner Schweizer Heimat hatte Le Corbusier (1887 bis 1965) eigentlich kein Interesse mehr, als ihn Heidi Weber zu einem letzten großen Museumsprojekt in Zürich überredete. Hier hält sie das Erbe des großen Architekten lebendig

VON GERHARD MACK UND RETO GUNTLI (FOTOS)

Durch diese Tür gehe ich lieber, sonst müsste ich vor Le Corbusier auf die Knie gehen", sagt Heidi Weber. Der Haupteingang zu dem Haus, das der wohl größte Architekt des 20. Jahrhunderts für sie entworfen hat, wird am Boden verschlossen, die Kajütentür, durch die sie dann schlüpft, hat das Schloss in der Mitte. Dahinter stolpert man fast über eine hochmoderne Küche, die für Vernissagen genutzt wird. Doch dann öffnet sich der Raum, bildet Ausstellungsbereiche, Gänge und Treppen, verzweigt und verengt sich, als wäre der Entwurf eine einzige große Partitur, die das fertige Gebäude aufführt. Vor den Glaspartien der Fassade schimmert ein kleiner Teich, dahinter streckt sich ein öffentlicher Park bis zum Zürichsee. Wer die Wendeltreppe auf das Dach hinaufgeht, befindet sich unter einem riesigen Baldachin aus Stahl, der sich wie ein Segel bläht und das Gefühl vermittelt, von einem Schiff in die Welt hinauszuschauen.

Das Heidi-Weber-Museum in Zürich ist Le Corbusiers letzter Entwurf. Es beherbergt eine Bibliothek und einen Großteil des grafischen Werks des Maler-Architekten. Für die teuren Gemälde würde in dem luftigen Haus wohl keine Versicherung eine Garantie übernehmen. Als der Bau 1967 fertig wurde, war der Architekt schon zwei Jahre tot. Zunächst hatte der große alte Mann der Moderne, geboren als Charles Edouard Jeanneret 1887 in La Chaux-de-Fonds im Schweizer Kanton Neuenburg, auch keine Lust auf das Projekt gehabt. Die Schweizer lehnten ihn ab. Er lebte in Paris und feierte in der Welt seine Erfolge. Die berühmte Kapelle von Ronchamp, nicht weit von der Schweizer Grenze entfernt, war 1955 eingeweiht worden. Im fernen Indien entstanden die großen Regierungsbauten von Chandigarh, der neuen Hauptstadt des Punjab. Wieso sich da im Alter mit widerborstigen Schweizern herumschlagen?

Doch Heidi Weber gab nicht auf. Sie lud Le Corbusier 1960 bei einem seiner Besuche in Zürich zu einem Spaziergang am See ein, zeigte ihm das Grundstück und wusste, was sie seinen Einwänden entgegnen musste: "Ich kann nur mit Ihnen in der Schweiz etwas Nichtschweizerisches bauen, das über das Land hinausweist. Sie machen den Entwurf, um die Realisierung werde ich mich schon kümmern." Ihre Entschlossenheit imponierte dem Architekten und rettete das Vorhaben auch in Situationen, in denen sich Ämter, Geldmangel und Zürcher Borniertheit dagegen verbündeten. "Wir müssen an das denken, was wir realisieren wollen, nicht an diejenigen, die uns daran zu hindern versuchen", sagte sie zu ihm.

Dass Le Corbusier nicht zuletzt dem Charme der resoluten Schweizerin erlag, kann man sich als Gesprächspartner bestens vorstellen. Heidi Weber lässt auch heute noch im Gespräch die Augen kampfeslustig funkeln, während sie mit lebhaften Handbewegungen davon erzählt, wie sie die Zürcher Politiker einzeln um den Finger wickelte, um sie für Ihr Museumsprojekt zu gewinnen - für den Departementschef Finanzen lieh sie sich sogar von einer Freundin teuren Schmuck aus, damit er ihr glaubte, dass sie selber Geld hatte und von ihm keins wollte. Sie wollte ein Haus, in dem sie Besuchern aus aller Welt ebenso wie ihren Schweizer Landsleuten Le Corbusiers architektonisches und bildnerisches Werk vermitteln und den Besuchern eine Erfahrung ermöglichen konnte, die sie als 17-Jährige gemacht hatte.

Damals radelte sie von dem Dorf, in dem der Vater eine Schuhmacherwerkstatt betrieb, zur Lehre in einem Delikatessengeschäft nach Basel und verbrachte jede freie Minute im Kunstmuseum. Eine ähnlich intensive Erfahrung hatte Heidi Weber erst wieder, als sie 1957 im Zürcher Kunsthaus eine große Retrospektive von Le Corbusier sah: "Ich stand fasziniert vor diesen Werken. Le Corbusier war für mich ein universeller Künstler, ein Renaissancemensch, der, anders als Picasso, alles umfasste, der nicht zerlegen wollte, sondern die Einheit und die Zusammenhänge der Dinge suchte."

Von diesem Künstler wollte sie ein Bild kaufen und um sich haben. Sie etablierte sich in Zürich gerade höchst erfolgreich als Innenarchitektin. Ein Nachbar, der über ihrem Geschäft wohnte, besaß eine kleine Collage von Le Corbusier. Man fuhr zusammen aufs Land, der Begleiter war von ihrem kleinen Fiat fasziniert, da bot sie ihm an, seine Collage gegen ihr Auto zu tauschen. Das Kunstwerk war 200, der Wagen mehrere tausend Franken wert. "Geld hat mir noch nie etwas bedeutet", sagt Heidi Weber und kramt einen Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche, in dem mit Blick auf Karl Marx erklärt wird, wie "die Ökonomisierung des Alltags die menschlichen Lebensbezüge verarmen" lässt. Sie hatte bereits als Teenie gleich nach der Lehre eine Laufbahn zur Kaufhausleiterin abgelehnt und kurz danach eine Karriere als Modell in Zürich nach wenigen Wochen abgebrochen: "Es hat mich gelangweilt, mein Gesicht und meine Figur zu verkaufen, nur weil sie schön waren."

Heidi Weber hatte zwar wenig Interesse an Äußerlichkeiten, von Le Corbusier wollte sie jedoch mehr als eine Collage. Der Architekt war weltbekannt, der Künstler eher gelitten als geschätzt. Sie besuchte 1958 den Meister im südfranzösischen Cap Martin. Sie schwärmte von seinen Bildern, und Le Corbusier bot ihr eine Auswahl von Bildern an, mit der sie in Zürich eine Ausstellung machen konnte. Da fragte sie nach den Entwürfen seiner Möbel aus den späten zwanziger Jahren. Le Corbusier zögerte, diese würden als altmodisch gelten und seien nie wirklich produziert worden. Die Ausstellung wurde kein finanzieller Erfolg. Die Zeiten, in denen ein Le Corbusier bei einer Auktion in London für rund 800 000 Pfund (1,2 Millionen Euro) den Besitzer wechselt, waren noch weit entfernt. Heidi Weber fand keinen einzigen Käufer, erwarb die ganze Ausstellung selbst und meldete nach Paris, es sei alles verkauft, worauf Le Corbusier meinte, er sei wohl zu billig und müsse die Preise erhöhen. Sein Vertrauen war gewonnen, nach fünfjähriger Zusammenarbeit gewährte er seiner Vermittlerin sogar für 30 Jahre das Exklusivrecht an seinen Bildern; über 70 Ausstellungen hat Weber seither gemacht.

Die Möbel dagegen waren von Anfang an ein Erfolg. Innerhalb von drei Monaten hatte Heidi Weber ein Team beisammen, das in Handarbeit diejenigen vier Möbelstücke erstellte, die ihr Entwerfer freigab. Le Corbusier war begeistert und gab der Initiatorin eine Exklusivlizenz über 15 Jahre, die Stücke befinden sich heute in der Designsammlung des New Yorker MoMA. Als die Nachfrage so groß wurde, dass ein Fabrikbau nötig geworden wäre, übergab Weber die Produktion der italienischen Firma Cassina. Als ihre Lizenz erlosch, begannen Cassina und die Corbusier-Stiftung in Paris auch andere Entwürfe zu produzieren.

Während Heidi Weber von ihrem Engagement für Le Corbusier erzählt, spielt die Sonne auf den Lithografien und Radierungen, welche die Wände des Hauses schmücken. Dass sie hier hängen, ist wesentlich ihr Verdienst. Sie regte den Künstler-Architekten an, Druckgrafik zu machen, "damit auch junge Menschen, die noch nicht viel Geld haben, ihre Bilder erwerben können". So sind in Corbusiers letzten sieben Lebensjahren rund 100 Blätter entstanden, die Menschen, Gegenstände und Raum auf bald verspielte, bald puristische, mal zeichnerisch karge, dann wieder fast barock farbige Weise verbinden. Heidi Weber hat sie, zusammen mit vielen Gemälden und mit Skulpturen, die sie zur größten privaten Sammlung von Le Corbusiers Kunst vereinte, in drei Büchern publiziert. Auf eigene Kosten, versteht sich. Für ihre Vermittlungstätigkeit und für den Unterhalt des Hauses erhält sie weder aus der Schweiz noch von der Le Corbusier-Stiftung in Paris Unterstützung. "Ich bin schon", sagt sie, "seit jeher unabhängig gewesen." Hartnäckig bis stur, würden die Skeptiker, die sie mit ihrem Engagement durchaus hat, anerkennend stöhnen.

Ausstellung: Le Corbusier oder die Synthese der Künste, Musee Rath, Genf bis 6. August.

Das Zürcher Centre Le Corbusier - Museum Heidi Weber ist von Juli bis September Samstag und Sonntag von 14-17 Uhr geöffnet. Internet: www.centerlecorbusier.com

Literatur: Die von Heidi Weber publizierten Bücher zum grafischen und künstlerischen Werk Le Corbusiers sind im Birkhäuser Verlag erhältlich. Dort ist auch eine DVD-Edition mit dem kompletten PlanArchiv von Le Corbusier erschienen. Dazu eine Neuauflage der legendären "Farbklaviaturen", die 1931 und 1959 für die Firma Salubra enstanden sind. Internet: www.birkhauser.ch

Heidi Weber regte Le Corbusier dazu an, Druckgrafik zu machen

Bild(er):

Bild: Ihre Hartnäckigkeit überzeugte einst den Architekten: Heidi Weber im Corbusiersessel vor einer Tapisserie des Meisters ("Frau vor rotem Hintergrund", 1960, 223 x 380 cm)

Bild: Der Heidi-Weber-Pavillon besteht aus zwei kubischen Baukörpern, die von einem hohen Dach aus Stahl beschirmt werden

Bild: Blick in das Innere des Museums, in dem die Besucher den Architekten Le Corbusier auch als Maler und Grafiker kennen lernen können