Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 84

Die sanfte Umschreibung der Geschichte

Von Ralf Schlter

AUSSTELLUNGEN IM JULI / HANNOVER: CHRIS OFILI/ISAAC JULIEN / Die Kestnergesellschaft zeigt zwei Künstler, die den Exotismus überwinden wollen

Auf den ersten Blick haben diese beiden Künstler nicht viel miteinander zu tun: Isaac Julien, 46, begann als Filmemacher mit Themen aus der schwarzen und der schwulen Subkultur Großbritanniens; seit einigen Jahren zeigt er aufwändige Videoinstallationen, in denen seine alten Fragen nach Identität und Zugehörigkeit in ruhige, abstrahierte, traumartige Filmbilder gebannt sind. Sein Kollege Chris Ofili, 38, belebt den Zauber der Malerei mit großformatigen, oft in Räumen effektvoll arrangierten Gemälden, auf denen er alles durcheinanderwirbelt, was ihn als Einfluss berührt: Popbilder und afrikanische Ornamente, Kitschmotive und Figuren der Alten Meister. Die sinnliche Intensität steigerte er durch Elefantendung, den er als Bildersockel benutzte.

Dass die Kestnergesellschaft nun Einzelausstellungen dieser beiden parallel zeigt, hat dennoch seine innere Logik. Beide Künstler sind als Schwarze in Großbritannien aufgewachsen; in ihren Werken spiegelt sich, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise, die Geschichte der ethnischen Minderheiten im ehemaligen Kolonialreich, das heute nicht weniger mit Rassismus und Ausgrenzung zu kämpfen hat als Frankreich, die Niederlande oder Deutschland.

Julien präsentiert in Hannover (neben einigen Fotografien) zwei Mehrfachprojektionen: "Fantome Afrique" zeigt Bilder aus Burkina Faso, das einmal französische Kolonie war; durch historisches Filmmaterial wird der Bogen zur unverarbeiteten Vergangenheit geschlagen. Im Film "True North" geht es um die angebliche Entdeckung des Nordpols 1909 und die Frage, ob es nicht doch der teilnehmende Afroamerikaner Matthew Henson war, der als erster Mensch den Pol erreicht hatte. Eine Geschichte, in der Schwarzafrikaner immer nur als Exoten oder Wilde vorkamen, wird von Julien sanft umgeschrieben.

Ofili lässt sich von der Motivwelt der Expressionistengruppe "Der blaue Reiter" zu einer blau-silbern schimmernden Malerei inspirieren; was in den Zwanzigern exotisch war, ist hier selbstverständlich. Ofili mixt Volkskunst, Kitsch und Kunstgeschichte zu Bildern, die man nur als traumhaft schön bezeichnen kann. RALF SCHLÜTER

Termin: bis 20. August. Kataloge: Ofili, zirka 30 Euro. Julien, Hatje Cantz Verlag, zirka 24,80 Euro. Internet: www.kestner.org

Bild(er):

Bild: Traumhaft schöne Fantasie über den "Blauen Reiter": Chris Ofilis "Drei Sirenen" (2005, 66 x 100 cm)